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SENDETERMIN Di, 27.2.2018 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Erkältungssprays Echte Hilfe bei Beschwerden?

Ein Winter ganz ohne Erkältungen - für viele bleibt das eine Wunschvorstellung. Schnupfen, Husten und Heiserkeit greifen derzeit wieder um sich. Aber es gibt Sprays wie "ViruProtect" oder "algovir", die vor Erkältungen schützen sollen und die versprechen, falls es bereits zu spät ist, zumindest die Erkältungszeit zu verkürzen. Sind solche Sprays die Rettung in der kalten Jahreszeit oder stecken dahinter nur leere Versprechungen und Geldmacherei?

Irgendwann erwischt es jeden! Die ersten Symptome sind meist Halskratzen und Niesen. Dann macht die Nase dicht, wir frösteln, haben Kopfweh und Halsschmerzen, fühlen uns krank und schlapp. Doch dem Sturm der Erkältung lässt sich entkommen, behauptet zumindest die Werbung. Doch ist das überzeugend?

Neue Wundermittel?

Schon seit vierzehn Jahren gibt es "Erste Abwehr" von Wick. Dieses Mittel wirbt damit, die Erkältung zu bekämpfen, bevor sie ausbricht. Und seit ein paar Monaten sind "Algovir" und "ViruProtect" in der Apotheke erhältlich. Sind die drei Produkte tatsächlich solche Wundermittel, wie die Werbung verspricht? Der Koblenzer HNO-Chefarzt Prof. Jan Maurer erhält immer wieder Nachfragen wegen solcher Erkältungssprays, doch er hält die angebliche Schutzschild-Funktion für eine Luftnummer.

Prof. Dr. Jan Maurer, Chefarzt HNO-Klinik Marienhof Koblenz

Prof. Dr. Jan Maurer, Chefarzt HNO-Klinik Marienhof Koblenz

Prof. Dr. Jan Maurer, Chefarzt HNO-Klinik Marienhof Koblenz:
"Die Nasenschleimhaut wird ja ständig gereinigt, da geht so viel Sekret durch, dass alles was da drauf ist sehr schnell weggespült wird. Und deswegen können Sie da keinen permanenten Schutzschild drauf legen. Selbst wenn Substanzen da drin sind, die ein bisschen protektiv sind, sind die nach wenigen Minuten weg und hinten im Nasenrachen wieder runter geflossen."

Teure Prophylaxe

Die Firma Stada, die "ViruProtect" vertreibt, empfiehlt das Mittel sogar zur Vorbeugung: Der Patient soll bis zu sechs Mal täglich alle zwei Stunden zwei Sprühstöße in den Rachen geben.

Beispielrechnung für eine fünfmonatige Nutzung von Viruprotect

Für zehn Tage eine Flasche ergibt in fünf Monaten 300 Euro!

Wie lange würde so eine Flasche "Viruprotect" dann überhaupt halten? Wir probieren es aus. Das Ergebnis: Rund zehn Tage würde ein Spray ausreichen und das für 20 Euro. Bei fünf Monaten Erkältungszeit macht das über 300 Euro. Ganz schön viel Geld, das man da versprüht.

Weder vorbeugende noch verkürzende Wirkung

Knapp elf Euro pro Spray kostet "Algovir." Auf dem Youtube-Channel empfiehlt Dr. Andreas Gassauer, der Erfinder des Sprays, es nicht nur vorbeugend, sondern auch nach Ausbruch der Erkältung anzuwenden. "ViruProtect" kann angeblich die Krankheitstage sogar halbieren. Und "Erste Abwehr" von Wick will die Erkältung ganz stoppen, wenn es direkt bei den ersten Anzeichen benutzt wird. Alles Quatsch, meint der Hals-Nasen-Ohren-Experte.

Prof. Dr. Jan Maurer, Chefarzt HNO-Klinik Marienhof Koblenz:
"Diese Erkältungen, die laufen nach gewissen Gesetzmäßigkeiten ab, wenn sie die ersten Anzeichen merken dann ist die Krankheit bereits in vollem Gang und das können sie das auch nicht mehr verändern."

Die Erkältungssprays wirken laut unserem Experten weder vorbeugend, noch können sie die Krankheit verkürzen. Dennoch werben die Firmen damit. Warum? Auf unsere Anfrage schreibt uns Stada:

"Wir sind der Auffassung, dass für unser Medizinprodukt ViruProtect ausreichend viele wissenschaftlich valide Nachweise vorliegen, (...) die die von uns getätigten Aussagen zur Wirkweise des Produkts bestätigen."
Quelle: STADA

Auch Wick und Hermes Arzneimittel verweisen auf Studien als Beleg für die Wirksamkeit ihrer Erkältungssprays.

Marketingstudien führen in die Irre

Der Arzt, Apotheker und Herausgeber der Fachzeitschrift „arznei-Telegramm“ Wolfgang Becker-Brüser hat sich die Studien genauer angeschaut.

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber arznei-telegramm

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber arznei-telegramm

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber arznei-telegramm:
"Das sind reine Marketingstudien. Das sind Studien die gemacht wurden, um hinterher sagen zu können: Es gibt Studien, es gibt Ergebnisse, und die werden dann hochgerechnet auf die Bevölkerung, die werden dann auch letztendlich zur Irreführung der Menschen verwendet."

Bei "Algovir" wurde eine Studie unter anderem von der Geschäftsführerin des Herstellers und dem Erfinder des Sprays verfasst.

Medizinprodukte sind keine Arzneimittel

"Viruprotect", "Algovir" und "Erste Abwehr" gibt es ausschließlich in der Apotheke zu kaufen. Trotzdem sind sie keine Arzneimittel. Bei den Erkältungssprays handelt es sich um sogenannte Medizinprodukte. Anders als Arzneimittel werden Medizinprodukte nicht von Behörden auf ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit überprüft.

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber arznei-telegramm:
"Grundsätzlich ist dem Verbraucher der Unterschied zwischen Medizinprodukten und Arzneimitteln gar nicht bewusst und Medizinprodukte werden auch Arzneimittel-ähnlich aufgemacht, haben aber nicht die Dokumentation eines Nutzens, die für Arzneimittel notwendig ist. Insofern werden die Verbraucher durch Medizinprodukte irregeführt."

Mit dem Konzept scheint sich gut Geld verdienen zu lassen.

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber arznei-telegramm:
"Letztlich geht es hier um einen Markt von hunderten von Millionen Euro für Erkältungsmittel oder Vorbeugungsmittel und diese Erkältungssprays sind eine neue Spielart den Markt noch weiter abzugreifen."

Was tun bei einer Erkältung?

Wundermittel gegen Erkältung – schön wär´s! Aber wie geht man am Besten damit um, wenn´s einen erwischt hat?

So ist gegen die Erkältung wohl mehr getan als mit Erkältungssprays.
Und: Um andere nicht anzustecken, sollte man statt in die Hände, in die Armbeuge niesen und jedes Taschentuch nur ein Mal benutzen.

Filmautorin: Meike Rathsmann | Online: Dorothée Panse
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