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SENDETERMIN Di, 12.12.2017 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

E-Zigaretten und Tabak-Sticks Wie Zigaretten-Alternativen den Markt erobern

Der neue Zigaretten-Trend sind Tabak-Sticks und E-Zigaretten. Die Industrie investiert Millionen, um es den Rauchern schmackhaft zu machen. Doch ist das wirklich gesünder? Was steckt hinter dem neue Hype?

Zigaretten machen krank und stinken, das wissen auch die Raucher. Am herkömmlichen Glimmstengel ziehen ist nicht deshalb nicht mehr cool. 2002 rauchten die Deutschen noch gut 145 Milliarden Zigaretten. 2016 waren es nur noch 75 Milliarden.

Das alte Geschäftsmodell der Tabak-Konzerne verglüht, deshalb müssen neue her.

Liquid-Hersteller im Odenwald

Wir besuchen die Firma Elm Vaping in Fürth im Odenwald. Hier werden die sogenannten Liquids hergestellt, die in den E-Zigaretten verdampft werden.

Elm Vaping ist eins von 200 mittelständigen Unternehmen in Deutschland, die beim E-Zigaretten-Markt mitmischen. Für Firmenchef Klaus Amer könnte es derzeit nicht besser laufen. Einer der Gründe: "Rauchen ist an vielen Stellen verboten, gerade in öffentlichen Bereichen. Mit dem Dampfen ist das anders. Das unterliegt dem Hausrecht. Dementsprechend kann man an vielen Stellen dampfen, ohne schräg angeguckt zu werden."

Nahaufnahme: Eine Frau dampft eine E-Zigarette.

Ist Dampfen besser als Rauchen?

Dazu kommt das Argument, Dampfen sei gesünder als Rauchen. Stimmt das? Das wird Lungenfacharzt Dr. Peter Kardos auch von vielen seiner Patienten gefragt, die sich nach der "Umsteiger-Zigarette" erkundigen. "Wenn man raucht, haben Sie über 1.000 Substanzen, die Sie inhalieren, darunter Nikotin, das ist das was süchtig macht und dann noch die Verbrennungsprodukte", erklärt der Arzt. "Wir wissen, dass Verbrennungsprodukte, welche auch immer, Krebs verursachen. Diese Verbrennungsprodukte haben wir nicht in der E-Zigarette."

Das Problem bei der E-Zigarette sind jedoch die enthaltenen Duft- und Aromastoffe. Wie diese sich auf Dauer auf die Gesundheit auswirken, ist noch unklar. Zumal mancher Ex-Raucher jetzt mehr dampft, als er früher geraucht hat.

Tabak-Stick Iqos von Philip Morris

Sieht eher aus wie ein Smartphone: Der Tabak-Stick Iqos von Philip Morris.

Neues Produkt: Der Tabak-Stick

Seit Mai dieses Jahres verkauft der weltgrößte Tabakkonzern Philip Morris in Deutschland Tabak-Sticks, die in Holdern namens "IQOS" geraucht werden. IQOS steht für englisch "I Quit Ordinary Smoking" - "Ich habe herkömmliches Rauchen aufgegeben". Ganz Deutschland ist mit Plakaten zugepflastert. Philip Morris will raus aus der Schmuddelecke und verkauft das "neue Rauchen" als Lifestyle. Apple hat es vorgemacht und auch bei Nespresso schaut sich IQOS eine Menge ab.

Der Vorstandsvorsitzenden von Philip Morris, André Calantzopoulos: "Ich glaube, dass schon bald der Zeitpunkt kommen wird, an dem wir das Ende der Zigaretten-Ära einläuten werden."

Verkauft durch Marketingagentur

Wir haben einen von aktuell vierzehn IQOS-Stores in Deutschland besucht. Hier wird die Lösung nicht nur verkauft, hier wird das "neue" Rauchen zelebriert. Beim Kauf des Tabaksticks fällt auf: Der Verkäufer ist gar nicht Philip Morris selbst. Auf der Quittung steht: "Avantgarde Gesellschaft für Kommunikation" – eine Marketingagentur mit Sitz in München.

Wenn die Werbeagentur zum Zigarettenverkäufer wird, dann soll das Einkaufen ein Erlebnis sein. Die Kippe ist uncool geworden, Zeit für eine neue, coole Idee. Die Beratung dauert mindestens eine halbe Stunde. 99 Euro kostet das Gerät, auf das 1.400 Patente angemeldet sind und dessen Verpackung eher an ein Smartphone erinnert.

Aufschrift auf Iqos-Pack

Gesundheitsschädlich sind auch die "neuen" Zigaretten.

Lifestyle-Produkt

Professor Karsten Kilian lehrt Marken- und Medien-Management an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Er bewertet für uns die Werbestrategie des Tabakgiganten. "Das ist keine klassische Werbung für eine Zigarette. Was hier präsentiert wird, ist ein Lifestyle-Produkt, das auch entsprechend aufwendig gedruckt ist mit halbtransparentem Papier. Sehr puristisch, mit wenigen Stilelementen. Ganz clean."


Wie "clean", also sauber, das neue Produkt ist, das steht außen auf der Verpackung: "Rauchen ist tödlich." Denn in den Mini-Zigaretten, die elektronisch erhitzt werden, befindet sich auch bei der vermeintlichen Neu-Erfindung Tabak.

Konzern will Tabak verkaufen

Prof. Kilian erklärt: "Der Tabakkonzern will Tabak verkaufen. Denen ist es egal, ob das gerollt oder in irgendeinem Gerät drin ist. Die Absatzmenge Tabak muss stimmen. Momentan schrumpft der Markt, deswegen versuchen sie mit IQOS eine neue Lösung zu präsentieren, die auch wieder dafür sorgt, dass sie mehr Tabak verkaufen."



In dem Tabak-Stick wird der Tabak lediglich auf 300 Grad erhitzt. Bei einer normalen Zigarette verbrennt der Tabak bei bis zu 900 Grad. Die Umwelt leidet dadurch bei Tabak-Sticks weniger: Sie wird nicht vollgeraucht. Laut eigenen Studien des Herstellers gelangen beim Stick weniger Schadstoffe in die Lunge, als bei der alten Kippe.

Keine unabhängigen Langzeitstudien

Biologin Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg erklärt zum neuen Tabakprodukt des Zigarettenkonzerns: "Die Produkte sind im Moment schwierig zu beurteilen, weil es fast ausschließlich von Herstellern durchgeführte Studien gibt, die nahelegen, dass weniger Schadstoffe aufgenommen werden." Die Tabak-Sticks seien aber alles andere als schadstofffrei, so die Wissenschaftlerin: "Das sind keine harmlosen Lifestyle-Produkte." Selbst der Philip Morris-Vorstandsvorsitzende André Calantzopoulos gibt zu: "Heat-Sticks sind keine ungefährlichen Produkte. Sie enthalten Nikotin und machen abhängig." Wie schädlich die vermeintlich neuen Zigaretten sind, weiß bislang niemand, da unabhängige Langzeitstudien fehlen. 


Für die Hersteller der Tabak-Sticks gibt es jedoch einen entscheidenden Vorteil: Nach deutschem Steuerrecht gelten diese Zigaretten als Pfeifentabak, weil man sie nicht direkt in den Mund steckt. Für eine Schachtel Kippen, die im Laden sechs Euro kostet, zahlt der Konzern 3,88 Euro Tabaksteuer. Für ein Päckchen Tabak-Sticks, ebenfalls 6 Euro teuer, fallen nur 1,05 Euro Steuern an.



Außerdem müssen bei Pfeifentabak auf der Verpackung keine Ekelbilder abgedruckt sein.


Die Politik lässt das durchgehen. Einzig die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, sagt: "Es ist fraglich, ob die steuerliche Gleichsetzung mit dem klassischen Pfeifentabak so von Dauer sein kann." 




Filmautorinnen: Barbara Berner, Michaela Krause
© SWR Marktcheck