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Chinesischer Großaktionär bei Daimler Innovationstreiber oder Wolf im Schafspelz?

Fast zehn Prozent der Daimler-Aktien hält Li Shufu, Chef des chinesischen Autobauers Geely. Viele Aktionäre rätseln, was das für den Stuttgarter Autobauer bedeutet.

Interessierte laufen in einem Verkaufsraum einer Mercedes-Niederlassung in China herum.

Daimler ist es wichtig, auf dem chinesischen Markt präsent zu sein.

Daimler verdient in China Milliarden, hat eigene Werke und chinesische Partner. Dennoch war die Überraschung groß, als der Milliardär und Eigentümer des chinesischen Autobauers Geely Li Shufu Mitte Februar erklärte, er halte knapp unter zehn Prozent der Daimler-Aktien. Damit ist der Chinese derzeit größter Einzelaktionär des größten deutschen Unternehmens.

Aktionäre rätseln über Absichten Li Shufus

Li Shufu, Chef von Geely, sitzt an einem Konferenztisch.

Nur Li Shufu weiß, ob er bei Daimler nur investieren oder auch mitbestimmen will.

Auch auf der Hauptversammlung von Daimler kürzlich in Berlin war der Einstieg des chinesischen Investors ein Thema bei vielen der rund 6.000 Anleger.

Manche von ihnen können sich vorstellen, dass der Stuttgarter Autobauer von der Erfahrung des chinesischen Aktionärs in der Elektromobilität profitieren könnte, andere fürchten, dass Daimler-Technologien ins Reich der Mitte getragen werden könnten.

Daimler-Chef Dieter Zetsche ging direkt zu Anfang seiner Rede bei der Hauptversammlung auf die Unsicherheit vieler Anleger ein: Li Shufu habe versichert, sich langfristig bei Daimler zu engagieren. Außerdem könne der Chinese ein wichtiger Ratgeber sein, was den chinesischen Markt angehe.

Das sieht auch Autoanalyst Frank Biller von der Landesbank Baden-Württemberg so. Das Investment des chinesischen Milliardärs bei Daimler ist für ihn ein positives Zeichen: "Durch den Einstieg hat ein Chinese signalisiert, dass er das Geschäftsmodell für valide hält." Gemeinsam könnten neue Projekte vorangetrieben werden, wie etwa Mobilitätsdienste.

Gemeinsam stark gegen Mitbewerber wie Tesla?

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China ist für alle deutschen Autobauer ein wichtiger Absatzmarkt.

Li Shufu geht es nach eigenem Bekunden darum, Partnerschaften zu schmieden - denn nur mit solchen Kooperationen könne ein Unternehmen in der Zukunft bestehen und es mit Wettbewerbern wie Tesla oder Google aufnehmen.

Daimler, so wird Shufu zitiert, sei der vielversprechendste der traditionellen Autokonzerne. Er werde Daimler auf dem Weg begleiten, der weltweit führende Anbieter von Elektromobilität zu werden.

Der chinesische Unternehmer war in der Branche lange Zeit belächelt worden. Mittlerweile ist seine Firma Geely aber einer der größten Autokonzerne in China. 2010 hatte Li Shufu den schwedischen Autobauer Volvo gekauft und baut diesen seither um. Volvo gilt nun als europäischer Pionier beim Thema Elektromobilität: Ab 2019 will das Unternehmen nur noch E-Modelle auf den Markt bringen.

Chinesische Autobauer wie Geely treiben die E-Mobilität schon lange voran. Von ihrem Knowhow könnte Daimler profitieren und noch stärker als bisher auf dem wichtigen chinesischen Markt Fuß fassen. Der baden-württembergische Autoexperte Biller meint, die Zukunft werde zeigen, ob es Li Shufu nur um eine Investition gehe, oder ob Industriebeteiligungen möglich seien.

Geely nur einer von mehreren chinesischen Partnern

Aktionärsstruktur Daimler AG

Die Aktionärsstruktur zeigt: Es gibt keinen mächtigeren Anleger als Li Shufu.

Fondsmanager Ingo Speich von Union Invest sieht den Einstieg Shufus kritisch. Daimler habe bereits gute Kooperationen mit chinesischen Partnern. Li Shufu kaufe sich nicht wegen der Dividende ein, sondern verfolge einen strategischen Ansatz.

Speich ist gespannt, wie die bisherigen chinesischen Partner darauf reagieren werden. Er vermutet, es könnte zu Konkurrenzsituationen unter den Partnern kommen, was Daimler schaden könne.

Einer dieser chinesischen Partner ist die Beijing Automotive Group, kurz BAIC. Daimler und BAIC hatten während der Aufregung um den Einstieg von Geely eine Milliarden-Investition in China angekündigt: Zusammen wollen sie mehr als 1,9 Milliarden Dollar in China investieren und dort die Produktion ausbauen.

Anleger: Daimler muss seine Technologien schützen

Viele Aktionäre von Daimler trauen dem neuen chinesischen Investor nicht. Ein Verdacht, der immer wieder zu hören ist: Li Shufu sei vor allem am Knowhow der Daimler-Ingenieure interessiert. Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz betont: "Es darf kein Wissen nach China abwandern, was Geely stärken könnte. Möglicherweise ist Geely der Wolf im Schafspelz."

Es gibt auch Gerüchte, die chinesische Regierung könnte hinter dem Investment Li Shufus bei Daimler stecken. Ein Zitat von Shufu ließ Kritiker aufhorchen. Er sagte dem chinesischen Staatssender, Ziel seines Investments sei es, durch das Wachstum von Geely das Wachstum der chinesischen Autoindustrie zu unterstützen.

Von Geli Hensolt, SWR Wirtschaft und Soziales | Online: Heidi Keller, Jutta Kaiser