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Arbeitsunfälle im Südwesten Mehr tödliche Unfälle am Arbeitsplatz

Nach Recherchen des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus ist die Zahl tödlicher Arbeitsunfälle im vergangenen Jahr gestiegen. Dagegen gehen die Betriebskontrollen der staatlichen Arbeitsschutzbehörden seit Jahren zurück.

Ein Mann klettert auf einem Container, der gerade von einem Kran angehoben wird.

Beim Arbeitsschutz gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa.

Ralf Puchmeier wird seinen Sohn nie wiedersehen. Mit 19 Jahren ist Marvin gestorben – bei einem Arbeitsunfall. Er arbeitete nach einem Rockkonzert in der Stuttgarter Schleyerhalle mit beim Abbau der Technik – und dabei kam es zu dem schrecklichen Unfall. Als Marvins Vater dort ankam, bot sich ihm mit dem Anblick der großen Blutlache ein schreckliches Bild. Ein Arbeitskollege stürzte aus zwölf Metern Höhe auf Marvin. Ungesichert. Ein klarer Verstoß gegen Arbeitsschutzvorschriften, stellen Gewerbeaufsicht und Berufsgenossenschaft später fest.

Von 21.000 Baustellen in Stuttgart können nur 30 kontrolliert werden

Arbeitsunfall in einer Stuttgarter Veranstaltungshalle

Der Unfallort in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle.

Marvin war nicht der einzige, der bei einem Arbeitsunfall im vergangenen Jahr ums Leben kam. Deutschlandweit kommen an jedem Werktag durchschnittlich zwei Menschen bei Arbeitsunfällen ums Leben. Das müsste nicht sein.

Dafür sollen auch regelmäßige Kontrollen sorgen, zum Beispiel auf Baustellen. Doch die fänden zu selten statt, sagt Michael von Koch, Chef der Gewerbeaufsicht Stuttgart. 21.0000 Baustellen im Jahr gibt es in Stuttgart, erklärt von Koch, doch davon könnten nur 30 kontrolliert werden. Die Betriebe müssten deshalb nicht fürchten, dass eine Baustelle stillgelegt werde, weil sie für die Mitarbeiter nicht sicher ist.

In allen Bundesländern wurden bei den Arbeitsschutzbehörden massiv Stellen abgebaut. Die Folge: Die Zahl der Arbeitskontrollen wurde je nach Bundesland zwischen 35 und 96 Prozent zurückgefahren.

Jan-Georg Seidel, der Chef des Bundes der technischen Beamten, kritisiert den Stellenabbau schon lange: "Es besteht ein Zusammenhang zwischen Kontrolle der Betriebe, Abstellen von Mängeln und der Verhinderung von Arbeitsunfällen."

Sechs Prozent mehr Unfälle als 2017: "Staatsversagen beim Arbeitsschutz"

Prof. Wolfhard Kohte, Universität Halle-Wittenberg

Arbeitsrechtler Professor Wolfhard Kohte, Universität Halle-Wittenberg

Aber weil das Personal knapp ist, muss ein Betrieb in Deutschland statistisch maximal damit rechnen, dass er alle 30 Jahre überprüft wird. Deutschland gehöre beim Arbeitsschutz zu den Schlusslichtern in Europa, sagt Professor Wolfhard Kohte von der Universität Halle-Wittenberg. "Wir haben uns eingereiht bei Bulgarien und Ungarn. Und das ist allerdings in Deutschland wenig zur Kenntnis genommen worden." Mit Blick auf diese Entwicklung spricht Kohte von einem "Staatsversagen beim Arbeitsschutz".

Über 450 Arbeitsunfälle mit tödlichem Ausgang gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um sechs Prozent. Die Zahlen wurden von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ermittelt.

2017 gab es in Baden-Württemberg 70 tödliche Arbeitsunfälle. Die Zahl der Betriebskontrollen ist seit 1996 um über 80 Prozent zurückgegangen. In Rheinland-Pfalz gab es im vergangenen Jahr 20 Arbeitsunfälle mit tödlichem Ausgang. Die Zahl der Kontrollen ging hier um 35 Prozent zurück.

Marvins Vater ist entsetzt über den Zustand des Arbeitsschutzes. Er fordert ein Umdenken in Politik und Wirtschaft. Denn jeder Arbeitstote sei einer zu viel: "Marvin ist tödlich verunglückt, den werden wir auch nie mehr lebendig machen. Aber in dieser Arbeitswelt wird es weiterhin passieren, wenn jetzt nicht endlich mal was entschieden wird und wenn nicht kontrolliert wird."

Ralf Puchmeiers vor einem Portrait seines Sohnes, der bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen ist.

Ralf Puchmeier wird seinen Sohn nie wiedersehen. Marvin ist mit 19 Jahren bei einem Arbeitsunfall gestorben.