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Abschied vom Versandhaus-Wälzer Tschüss Otto-Katalog!

Ein letztes Mal 656 gedruckte Hochglanzseiten - mit der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2019 stellt der Handels- und Dienstleistungskonzern den berühmten Katalog ein. Zeit für nostalgische Kindheitserinnerungen.

Otto-Kataloge aus den letzten Jahrzehnten liegen auf einem Tisch in der Firmenzentrale von Otto, eine Frau blättert in einer Ausgabe aus den frühen 1970er Jahren.

Kiloweise Versandhaus-Kataloge gab es früher in den Haushalten - hier eine Ausgabe aus den frühen 1970er Jahren.

Der Otto-Konzern hat inzwischen weltweit rund 50.000 Mitarbeiter. Angefangen hat alles vor 70 Jahren mit dem ersten Katalog - drin waren 28 Paar Schuhe auf 14 Seiten.

Vom Versandhaus-Katalog verabschiedet sich SWR-Wirtschaftsredakteur Michael Wegmer

Wenn Sie Sich vielleicht wundern, dass ausgerechnet ein Mann das Ende des Otto-Kataloges betrauert - ich kann es erklären. Ich habe lebhafte Erinnerungen an die Katalogzeit meiner Kindheit. Wenn meine Eltern fertig waren mit ihrem oft abendfüllenden Studium dieser kiloschweren Wälzer, habe ich sie mir geschnappt. Und tagelang in meinem Kinderzimmer Wunschzettel daraus gebastelt.

Ein Junge schneidet etwas aus.

Ein unendliche Beschäftigung für viele Kinder: Wunschträume ausschneiden und aufkleben.

Wenn ich mich richtig erinnere, gab es bei Otto immer besonders viele Spielsachen. Ich habe ausgeschnitten, geklebt, beschriftet, priorisiert und nach tagelanger, mühsamer Kleinarbeit meinen Eltern einen selbstgebastelten Wunschzettel präsentiert, in der Hoffnung, das ein oder andere ausgeschnittene Spielzeug zum Geburtstag oder zu Weihnachten zu bekommen. Heute muss ich nur einen Link meiner digitalen Wunschliste verschicken - das ist einfacher, aber lange nicht so sinnlich.

Bestellung per App und Online statt Bestellschein und Fax

Selbstverständlich kann ich aus wirtschaftlicher Sicht verstehen, dass jetzt auch Otto auf den teuren Katalog verzichtet. Nur noch drei Prozent der Kunden haben nach Unternehmensangaben mit Bestellschein, Fax oder Telefon eingekauft. Alle anderen machen das längst digital, hauptsächlich per App. Für den Otto-Gesamtumsatz von drei Milliarden Euro spielt der Katalog so gut wie keine Rolle.

Der Versandhaus-Katalog - ein Spiegel der Gesellschaft

Otto-Kataloge aus den letzten Jahrzehnten liegen auf einem Tisch in der Firmenzentrale von Otto.

Trendsetter: Mode und Models in Katalogen.

Aber so ein Katalog hat auch eine ganz andere Funktion: Seit fast siebzig Jahren war der Otto-Katalog ein Spiegel der Gesellschaft. Sollten Sie noch alte Exemplare aus den 1950ern und 1960ern haben, werden sie dort von Hand gezeichnete Frauenunterwäsche finden, Fotos von halbnackten Models waren damals undenkbar. Männer präsentierten ihre Anzüge mit Zigarre und Whiskey in der Hand. Später, in den 1980ern, begann die Zeit der Supermodels - auch bei Otto. Claudia Schiffer oder Heidi Klum, sogar vier Mal, waren auf dem Titelblatt. Noch um die Jahrtausendwende hatte der Wälzer eine Auflage von zehn Millionen.

Ich vermisse den Otto-Katalog jetzt schon. Und deshalb werde ich mir ein letztes Exemplar besorgen, mir einen Abend frei nehmen und das Durchblättern feiern. Vielleicht schneide ich sogar ein paar Sachen aus.

Online: Heidi Keller