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Marseille - Schmelztiegel der Religionen und Kulturen

Die Hafenstadt Marseille ist seit fast 2600 Jahren ein Schmelztiegel französischer, nordafrikanischer und vieler anderer Kulturen. Dass die älteste Stadt Frankreichs näher an Algier liegt als an der eigenen Landeshauptstadt Paris, spürt und riecht man an jeder Ecke. Hier die arabische Teestube und der orientalische Gewürzladen, dort die französischen Bistros und Konditoreien mit ihren unwiderstehlichen Tartelettes. Mit Marseilles Ernennung zur „Europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2013“ begann ein gewaltiges Städtebau-Projekt. Erster Schritt: Man erschloss bislang ungenutzte Hafenareale für Einwohner und Touristen.

Mehrere Menschen machen Sport vor dem Le Corbusier-Haus

Le Corbusier-Haus - der anfangs ungeliebte Betonklotz ist heute Kult

Seitdem sind architektonisch kühne Museumsbauten die mondänen Nachbarn der Cafés und Restaurants entlang des Hafenbeckens. Manchmal wird die langgestreckte Mole auch zur Open-Air-Bühne für weltweit bekannte Marseiller Bands wie „Massilia Sound System“ mit ihrer ureigenen Mischung aus Jamaika-Reggae und Ragga-Sprechgesang. Sista K‘s Crossover-Band „Watcha Clan“ forderte auf der Mole „Freireise-Zonen“ und „lebenslang gültige Visa“. Altmeister und Newcomer ergänzen sich zum multikulturellen Soundtrack einer Stadt, deren Bewohnern nur zu zehn Prozent französische Vorfahren haben.

Sista K von der Band Watcha Clan

Sista K von Watcha Clan singt von einer Freireisezone und "Lebenslangen Visa"

„Wir fordern lebenslange Visa, öffnet die Grenze" SISTA K / WATCHA-CLAN


Clash der Architekturen - und der Einkommensklassen: Auch diese Kontraste zeichnen Marseille seit langem aus. Am Ufer steht neuerdings der atemberaubende neue Museumskomplex des algerischen Architekten Rudi Riciotti, das „Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraumes“ – kurz: MUCEM.

Seit 60 Jahren schon erhebt sich im Osten der Stadt der futuristische Betonblock von Le Corbusier „Cité Radieuse – Die strahlende Stadt“. 1952 zogen in das Modell-Projekt für gemeinschaftliches Wohnen, Arbeiten und Leben die ersten Bewohner ein. Inzwischen erhielt der Betonbau durch junge Designer und Künstler aus Paris eine Frischzellenkur. Sie öffnen für interessierte Touristen eher mal ihre Türen als die mittlerweile bejahrten ‚Ureinwohner‘.

Heute gilt Le Corbusiers als visionär

Heute gilt Le Corbusiers als visionär

Auch in die durch Bandenkriege, Schießereien und Einbrüche in Verruf gekommenen Trabanten-städte, die Banlieux des Marseiller Nordens wagt sich Filmemacherin Ilka Franzmann – und trifft dort beeindruckende sozial engagierte Bürger. Boxtrainer Kayser versucht, den Kindern arbeitsloser und sozial benachteiligter Eltern in seinem Boxclub einen Ausweg aus Armut und Gewalt zu eröffnen.

Die Auftritte des „Théâtre du Centaure“ sind ein sozialpolitisches Langzeitprojekt zur Stärkung Langzeitarbeitsloser und Jugendlicher.

Die Auftritte des „Théâtre du Centaure“ sind ein sozialpolitisches Langzeitprojekt zur Stärkung Langzeitarbeitsloser und Jugendlicher.

Das „Théâtre du Centaure“ ermutigt Menschen mit schlechten Startchancen ins Leben, sich vorzustellen, dass es auch für sie eine bessere Zukunft geben kann. Zieht der Kunstreiter Manolo Bez, aufrecht stehend auf zwei gewaltigen schwarzen Pferden, in die von Franzosen gemiedenen Vorstädte ein, dann ist das Magie pur.

 „Etwas gerät aus dem Lot – und die Augen der Zuschauer beginnen zu leuchten“. Manolo Bez „Théâtre du Centaure“


Auch Zuschauer, die nach dem Abenteuer lieber auf dem Meer suchen als  in den Straßen oder an den Ufern der Hafenstadt, kommen in der Dokumentation auf ihre Kosten: beim Bootsausflug mit Fischer Jean-Claude Bianco in die Calanques, das malerische Felsenmassiv im Süden Marseilles. Als dem Fischer dort 1998 das Uhrarmband des kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges verschollenen Fliegers und Schriftstellers Antoine de St. Exupéry ins Netz geriet, packte ihn das Jagdfieber. Jahrelang suchte er nach dem Flugzeug des Mannes, der das Buch „Der kleine Prinz“ geschrieben hat. Der Film begibt sich auf die Spuren des Fischers – und des schließlich gelösten Rätsels.

In einer Hafenstadt wie Marseille ist man seit jeher daran gewöhnt, dass Menschen aus anderen Ländern ankommen. Nach 1915 kamen die Armenier, die vor dem Genozid in der Türkei flüchteten. In den dreißiger Jahren siedelten sich Italiener an, die dem Faschismus entkommen wollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Einwanderung der nordafrikanischen Juden. Und als Frankreich seine Kolonien Marokko, Algerien und Tunesien in die Unabhängigkeit entließ, kamen Zehntausende sogenannter pieds-noirs („Schwarzfüße“) zurück: Franzosen, deren Familien seit Generationen in Algerien gelebt hatten.

Lebt man in Marseille in kosmopolitischer Harmonie  – oder steht die Stadtgesellschaft kurz vor dem Aufruhr? Beides trifft zu. Nach der Dekolonisation und der Unabhängigkeit der Länder des Maghreb stieg in Marseille damals die Zahl jener Menschen rapide an, die man heute „Bürger mit Migrationshintergrund“ nennen würde. Eine typische Marseiller Familienkonstellation könnte heute so aussehen: Die Großeltern leben in Algerien, die Eltern sind nach Marseille ausgewandert, die Enkel wurden dort geboren - und sind somit Franzosen. Doch weil sie arabische Nachnamen haben, werden sie immer noch als Fremde betrachtet – und behandelt.

Eine Köchin sucht Fische für Fischsuppe aus

Kreativköchin Georgiana wählt Fische für das kulinarische Heiligtum aus: die Bouillabaisse

Kreativköchin Georgiana Viou kommt aus einer dieser eingewanderten Familien: Sie weiß den Hunger von Einheimischen und Touristen auf typische Marseiller Weise mit der klassischen Fischsuppe Bouillabaisse zu stillen, verfeinert nach persönlichen Rezepturen der Familie. Professionelles Gespür beweisen an anderen Stellen des Hafenbeckens tagein tagaus zwei weitere Frauen auf sehr unterschiedliche Weise: Die Marine-Malerin Marie Detrée-Hourière fängt magische Meeresimpressionen mit dem Zeichenstift ein. Ein paar Meter weiter schnappt Zollfahnderin Sonia Marguet auch heute wieder Zigarettenschmuggler. C’est la vie á Marseille - zwischen Naturschönheit und Alltagskriminalität.