Das Hausarztmodell gibt es seit 2004, bisher haben es rund zehn Millionen gesetzlich Versicherte abgeschlossen. Noch ist es freiwillig. Doch wenn es nach dem Willen der neuen Bundesregierung geht, könnte es bald für alle Kassenpatienten verpflichtend werden.
Dabei soll der Hausarzt künftig für Patienten immer die erste Adresse für alle gesundheitlichen Probleme sein. Dieser entscheidet dann die weiteren Schritte - also etwa auch, ob und welcher Facharzt mitbehandelt.
Wie funktioniert das Hausarztmodell?
Beim Hausarztmodell, auch Primärarztmodell oder Hausarztprogramm genannt, gehen die Patienten einen freiwilligen Vertrag mit ihrem Arzt ein. Der Hausarztvertrag läuft jeweils für ein Jahr.
Grundsätzlich gilt für Patienten dabei:
- Patienten müssen immer zuerst zum gewählten Hausarzt gehen.
- Für den Besuch bei einem Facharzt benötigt man eine Überweisung des Hausarztes.
- Das gilt nicht für Besuche beim Zahnarzt, Augenarzt, Gynäkologen oder im Notfall.
Individuelle Steuerung für Ärzte nicht möglich So könnt ihr die Sichtbarkeit eurer Daten in der ePA steuern
Welche Daten sind in der elektronischen Patientenakte (ePA) hinterlegt und wie kann ich die Sichtbarkeit für meine Ärzte steuern?
Hausarztmodell: Welche Vorteile haben Patienten?
Patienten, die den Hausarztvertrag unterschreiben, werden von ihren Hausärzten durch den Fachärztedschungel gelotst. So soll vermieden werden, dass sich Patienten an den falschen Facharzt wenden und unnötige Untersuchungen stattfinden.
Außerdem bekommen Patienten schneller Arzttermine und müssen bei einem Teil der Medikamente nichts dazu zahlen.
Kritik am Hausarztprogramm
David Matusiewicz ist Gesundheitsökonom und Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule. Er beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit Strukturen und Kosten im Gesundheitssystem. Eine Patientensteuerung hält er grundsätzlich für richtig, aber den Hausarzt als verpflichtenden Lotsen einzusetzen, sieht er kritisch.
Der Experte erklärt: „Es ist durchaus ein Problem, dass der Hausarzt der erste Ansprechpartner ist, weil ich dann immer zwei Termine habe: Will ich zum Hautarzt, muss ich vorher noch zum Hausarzt. Wir wissen, dass die Wartezeit beim Hausarzt durchaus lang sein kann. Das scheint nicht alles zu Ende gedacht. Ich glaube wir müssen das System zwar neu denken, aber der Hausarzt als Gatekeeper ist nicht unbedingt der richtige Weg.“
Diese Vorteile haben Ärzte im Hausarztmodell
Für Patienten, die nicht im Hausarztprogramm sind, wird teilweise am Ende das Honorar gekürzt. Für diese bekommen Ärzte nämlich pro Quartal nur einen im Vorfeld festgelegten Betrag. Bei Patienten, die ihm Hausarztvertrag sind, haben Ärzte mehr finanziellen Spielraum bei Verschreibungen.
Laut Dr. Susanne Bublitz seien durch den größeren finanziellen Spielraum auch notwendige, teure Gerätschaften bezahlbar. Sie ist Hausärztin und Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Baden-Württemberg e.V..
In der Hausarztzentrierten Versorgung bekomme sie einen Zuschlag, wenn sie ein Gerät habe und das benutze, wenn es medizinisch sinnvoll sei.
Gibt es genügend Hausärzte für das Hausarztprogramm?
In Deutschland fehlen derzeit fast 5.200 Hausärzte. Je nach Bundesland gibt es allerdings deutliche Unterschiede.
Während in Hamburg kaum Hausärzte fehlen, ist die Lage in Nordrhein-Westfalen besonders dramatisch. Dort fehlen rund 1.100 Ärzte, gefolgt von Baden-Württemberg mit 952 unbesetzten Stellen.
Daher blickt Wissenschaftler Professor David Matusiewicz skeptisch auf das geplante, verpflichtende Hausarztprogramm für alle Kassenpatienten. Wenn das Primärarztmodell in Zukunft verpflichtend werden sollte, muss vor allem dafür gesorgt werden, dass es wieder mehr Hausärzte gibt.