Bitte warten...

SENDETERMIN Fr, 2.9.2016 | 18:45 Uhr | SWR Fernsehen RP

Lage in Rheinland-Pfalz angespannt Kreißsäle platzen aus allen Nähten

Die Kreißsäle der großen Kliniken in Rheinland-Pfalz werden in den zurückliegende Monaten von Schwangeren regelrecht überrannt. Grund ist aber nicht ein Babyboom, sondern die Schließungen zahlreicher Kreißsäle. Die verbliebenen, wie der am Marienhof in Koblenz, stoßen dadurch an ihre Belastungsgrenzen.

Um das Video abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

In diesem Jahr sind bereits mehr als 950 Kinder im Koblenzer Marienhof geboren worden. Innerhalb von zwölf Monaten ist die Zahl der Geburten somit um fast 30 Prozent gestiegen.

Marienhof

Teilweise fahren Schwangere 40 Kilometer und mehr, um in Marienhof entbinden zu können.

Chefarzt Dr. Jan Dünnebacke und Hebamme Andrea Wener freuen sich natürlich über jede zusätzliche Geburt. Doch sie wissen auch, dass der Grund natürlich nicht eine plötzliche Vermehrungswelle in Koblenz ist. Sondern eher eine Folge der Kreißsaalschließungen in Diez, Nastätten, Boppard und Lahnstein.

"Wir waren sehr überrascht. Es liegt wohl an den Klinikschließungen im Umland. Es ist auch eine Tendenz zum dritten Kind zu sehen, was uns sehr freut. Aber es ist auch eine Belastung, die wir irgendwie gestemmt bekommen müssen", sagt Wener.

Immer mehr Aufgaben kommen hinzu

Neben der eigentlichen Geburt übernehmen die Hebammen im Krankenhaus auch zunehmend Aufgaben, die früher von niedergelassenen Kolleginnen erledigt wurden: Vorsorge, Geburtsvorbereitung und insbesondere Nachsorge. Der Grund: wegen horrender Beiträge für die Haftpflicht mussten viele Hebammenpraxen - vor allem auf dem Land - schließen.

Die Nachfrage nach Nachsorge sei groß, da die Frauen so lange in der Klinik blieben. Manche entbinden auch ambulant. "Diese Frauen sollten auch von einer Hebamme betreut werden, doch für die ist es schwierig überhaupt eine zu finden", so Wener.

Neugeborens wird von Schwestern versorgt

Hebammen im Krankenhaus sind immer häufiger mit der Nachsorge betraut.

Dadurch kommen viele Frauen auch früher in die Klinik. Sie wollen nicht riskieren, wegen der langen Anfahrt zu spät dort zu sein. Die wenigen freien Kapazitäten werden dadurch noch stärker belastet. Und durch die pauschale Bezahlung der Kassen wird das oft zum Minusgeschäft für die Krankenhäuser.

Geburten rechnen sich nicht

Ingrid Mollnar vom Hebammenverband Rheinland-Pfalz beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. Recherchen des Verbandes haben ergeben, dass in den letzten 25 Jahren rund 40 Prozent aller Kreißsäle in Deutschland geschlossen wurden. Fast immer aus Gründen der Wirtschaftlichkeit.

Vereinfacht gesagt: Die Geburt eines Kindes ist im jetzigen Gesundheitssystem weniger lukrativ als die Hüft-OP bei einem 90-Jährigen. Hinzu kommt, dass die wenigen Zentren wie der in Marienhof gerne mehr Personal einstellen würden, finden aber oft niemanden. Fast ein Wunder, dass die Versorgung überhaupt noch funktioniert. "Das Leben beginnt hier bei uns, und jeder freut sich über mehr Kinder. Aber die Wertschätzung ist nicht da", laut Wener.

Runder Tisch von Landesregierung einberufen

Politik und Gesellschaft sollten sich dringend fragen, ob es Sinn macht, für Milliarden Banken zu retten und Geburten zum teuren Luxus zu degradieren. Immerhin tut sich auf Landesebene schon etwas. Die rheinland-pfälzische Regierung hat einen Runden Tisch ins Leben gerufen, an dem alle Beteiligten Lösungen erarbeiten sollen.

Das könnte sie auch interessieren