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Ausstellung "1000 und 1 Flaschenpost" in Bingen Poetische Schätze des Rheins

Ihren Adressaten erreichen sie praktisch nie: Flaschenposten. Der Künstler Joachim Römer aber holt sie aus dem Wasser, genauer gesagt dem Rhein. Mehr als 1.000 dieser schwimmenden Botschaften hat er gesammelt - zu sehen im Museum am Strom in Bingen.

Flaschenpost, Exponat der Ausstellung

"Message in a bottle"

Eigentlich suchte Joachim Römer damals am Rhein bei Köln nach Müll, Plastikmüll für seine künstlerischen Arbeiten. Gefunden hat er eine Flaschenpost. Einen Brief eingerollt und verschlossen in einer unauffälligen Schnapsflasche. Heute, 15 Jahre später, hat er rund 1.400 persönliche Botschaften aus dem Rhein gefischt.

Nicht alles, was er für seine Installation "1000 und 1 Flaschenpost" einsammelt, ist in einer Flasche verborgen, auch verschlossene Gläser, Dosen oder sogar Luftballons finden sich in seiner aktuellen Ausstellung wieder. "Wenn Menschen dem Fluss eine Botschaft übergeben, ist das für mich eine Flaschenpost", sagt er.

Kunst mit Strategie und jeder Menge Fleißarbeit

Fragt man Römer nach der Intention seines Schaffens, antwortet er mit: "eine Installation der Poesie des Lebens". Was zunächst sehr abstrakt klingt, offenbart bei genauerem Hinsehen sehr viel Konkretes: So tragen die Flaschen glühende Liebesbotschaften in sich, aber auch wütende Beschimpfungen und tief traurige Texte - die Poesie des Lebens, dem Künstler zufällig vor die Füße geschwemmt.

Nur mithilfe glücklicher Fügung wäre die Ausstellung mit ihrer weltweit einzigartigen Dimension allerdings nicht zustande gekommen. Hinter jeder einzelnen Flaschenpost steckt echte Fleißarbeit. Es sei schließlich kein Hobby oder etwas Verrücktes, stellt Römer immer wieder klar, sondern eine Kunststrategie.

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Impressionen der Ausstellung

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"1000 und 1" Flaschen mit ganz persönlichen Botschaften: Die Exponate folgen in der Ausstellung einer strengen Chronologie.

"1000 und 1" Flaschen mit ganz persönlichen Botschaften: Die Exponate folgen in der Ausstellung einer strengen Chronologie.

Begonnen hat Joachim Römers Kunstprojekt mit diesen Flaschen, die - wie alle Objekte - mit ihrem Funddatum katalogisiert sind.

Die beiden neuesten Funde bilden den Abschluss des Rundgangs - einen festen Weg durch die Ausstellung möchte der Künstler jedoch nicht vorgeben.

So kann man als Besucher seine ganz eigenen Querverweise zwischen den Exponaten entdecken - wie hier die doppelte Madonna.

Den Begriff Flaschenpost fasst der Künstler bewusst weit, schließlich kann eine Nachricht auch in einer Dose ihren Weg den Rhein entlang finden ...

... oder in einem Luftballon. Bedingung für die Aufnahme in die Sammlung ist: Der Ballon muss geschwommen sein, nicht geflogen.

Keine Flasche zur Hand? Auch Einmachgläser eigenen sich hervorragend, um Briefe sicher und trocken auf Reisen zu schicken.

In vielen Flaschen zu finden: Zeichnungen oder fantasievolle Botschaften von Kindern wie beispielsweise "SOS hilfe hilfe wir sind gefangen auf einer insel, von piraten. die insel ist im karibischen meer. bitte kommen sie schnell. die piraten sind schon da."

Eine "safe" Liebesbotschaft, die zum Schmunzeln anregt.

Um eine Flaschenpost zu finden, wandert Römer mehrere Stunden täglich entlang der Rheinufer. Was andere leicht übersehen würden, sieht er auf den ersten Blick.

Nicht jeder schwimmende "Briefumschlag" übersteht die Reise schadlos, doch Joachim Römer konnte auch aus zerbrochenen Flaschen noch den ein oder anderen Brief retten.

Mehr als nur eine Nachricht in einer Flasche: Einzelne Exponate in der Sammlung von Joachim Römer locken durch ihre Farbe und werden zu Anziehungspunkten, die die Besucher aus der Chronologie der Anordnung immer wieder herausreißen.

Inzwischen hat Römer mehr als 1.300 Flaschen aus dem Rhein gefischt, nicht alle schaffen es in die aktuelle Ausstellung.

"1000 und 1 Flaschenpost" - zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 1. November.

Zu dieser Strategie gehört, dass er täglich die Ufer des Rheins entlang wandert, oftmals mehr klettert als geht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er mit leeren Taschen nach Hause zurückkehrt. Im Gegenteil: Manchmal bringt er gleich 20 Flaschen auf einmal mit. Was andere leicht übersehen, springt ihm inzwischen sofort ins Auge. "Wenn man krampfhaft sucht, findet man gar nichts, wenn man aber nicht sucht, findet man auch nichts" lautet seine Devise.

Beziehungen zwischen den Botschaften

Nichts in den geschwungenen großen Regalen, die sich wie ein Fluss durch den Ausstellungsraum im Binger Museum am Strom ziehen, ist thematisch geordnet oder verändert, dennoch findet man schnell Reihen von Flaschen ähnlichen Aussehens mit ähnlichen Inhalten. Die Erklärung ist simpel: Findet irgendwo ein Kindergartenausflug oder - sein Lieblingsbeispiel - ein Junggesellinnenabschied statt, lägen oftmals gleich ein Dutzend Flaschenposten an einer Stelle, so der Künstler. Am Ende sei aber jeder Besucher frei, seine eigenen Querverweise herzustellen - so wie bei der Madonna, die er einmal in Form einer Glasflasche fand, ein anderes Mal gedruckt auf eine Plastikflasche.

Flaschenpost, Exponat der Ausstellung

Intime Botschaften

Orientierung für die Besucher bietet ein Katalog, in dem nicht nur alle Ausstellungsstücke erfasst sind, sondern zum Teil auch die Inhalte der Briefe nachgelesen werden können. Für viele ein zu intimes Moment, dass der Künstler jedoch entkräftet: "Wenn ich etwas in einen Fluss reinwerfe, muss ich davon ausgehe, dass es jemand findet und liest", sagt er. Er selbst lese im Übrigen nicht nur, er antworte auch, mit einer eigens entworfenen Postkarte.

Ob er nach Abschluss der Installation aufhört zu suchen, weiß Joachim Römer noch nicht. Der Rhein werde weiterhin Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens sein, und wenn er eine Flaschenpost sieht, so glaubt er, könne er sie ohnehin nicht liegen lassen.

Zur Person:
Joachim Römer, Jahrgang 1957, lebt und arbeitet in Köln. Seine Arbeiten sind - wie auch die aktuelle Ausstellung "1000 und 1 Flaschenpost" - eng mit dem Rhein verbunden. Dazu gehören u.a. "sunset in the east" (Großbild aus Rhein Treibgut) und "unterblicken II" (Installation aus 30.000 Brillengläsern in der Deutzer Rheinbrücke). Er absolvierte ein Studium der freien Kunst an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln.

Infos zur Ausstellung

"1000 und 1 Flaschenpost"

Ein Projekt von Joachim Römer

18. April bis 1. November 2015

Museumstraße 3
55411 Bingen
museum-am-strom@bingen.de
Zur Website

Öffnungszeiten:
Di-So: 10-17 Uhr

Eintritt:
Erwachsene: 3 Euro, ermäßigt 2 Euro
Familien: 6 Euro
Gruppen ab 10 Personen: 2 Euro

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