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SENDETERMIN Do, 14.2.2019 | 22:45 Uhr | SWR Fernsehen

Die Ausstellung "Nicht mein Ding" in Ulm Was hat Gender mit Design zu tun?

Rosa für Mädchen, Blau für Jungen... Auch im 21. Jahrhundert sind Farben, Klamotten und Designobjekte noch ziemlich geschlechtsspezifisch orientiert. Nur ein Beispiel: Parfümflakons für Frauen haben meist runde weibliche Formen, während Männerdüfte eher kantig daherkommen.

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"Nicht mein Ding - Gender im Design" im Museum Ulm

Von der pinken Stillbank zum Legotechnik-Kinderwagen

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Eine besonders geformte Parkbank in Pastellrosa, mit großen Flügeln, die Sichtschutz bieten. Die Stillbank des Prager Designer-Duos Ivana Preiss und Filip Vasic ist der Blickfang in der Ulmer Schau. Sie soll zum Stillen im öffentlichen Raum einladen, so Katharina Kurz, Kuratorin am HfG-Archiv: "Stillen in der Öffentlichkeit ist immer noch ein Tabu, wenn man so will. In diesem Fall bietet das Design eine Lösung an."

Auf dem Bild: Studio 52hours, Heer breastfeeding bench 2018.
 
Hier können Sie den SWR2-Beitrag zur Ausstellung hören.

Eine besonders geformte Parkbank in Pastellrosa, mit großen Flügeln, die Sichtschutz bieten. Die Stillbank des Prager Designer-Duos Ivana Preiss und Filip Vasic ist der Blickfang in der Ulmer Schau. Sie soll zum Stillen im öffentlichen Raum einladen, so Katharina Kurz, Kuratorin am HfG-Archiv: "Stillen in der Öffentlichkeit ist immer noch ein Tabu, wenn man so will. In diesem Fall bietet das Design eine Lösung an."

Auf dem Bild: Studio 52hours, Heer breastfeeding bench 2018.
 
Hier können Sie den SWR2-Beitrag zur Ausstellung hören.

Hier geht es ganz klar um das biologische Geschlecht, also um „sex“ im Englischen. Die meisten der insgesamt 50 Positionen aus Design, Kunst und Forschung beschäftigen sich aber – wie der Titel sagt – mit  „gender“, also mit dem sozio-kulturellen Geschlecht, mit Identität und Rollenklischees.

Auf dem Bild: Studio 52hours, Heer breastfeeding bench 2018.

Eine geschlechtsspezifische Gestaltung von Produkten kann sich sogar auf den Preis auswirken. Katharina Kurz, Kuratorin am HfG-Archiv: "Genderpricing bedeutet, dass Frauen angeblich bereit sind, mehr Geld für kosmetische Produkte auszugeben. Deswegen bezahlen sie für einen herkömmlichen Einwegrasierer in Pink gerne auch mal 50 Cent mehr." Pink Tax heißt es auch ironisch, teure Rosasteuer.

Auf dem Bild: Designer in Residence Olivia Daigneault Deschênes, 2018.

Wie viel Gender mit Design zu tun hat, wird in Kinderzimmern augenfällig. Die südkoreanische Künstlerin Jeong Mee Yoon treibt es in monumentalen Fotografien auf die Spitze. Sie zeigt Mädchen, umringt von hunderten Spielsachen, beispielsweise Barbiepuppen, alles in Rosa getaucht.

Bild: Jeong Mee Yoon, The Pink Project – Emily and Her Pink Things, NY, USA 2005

Die Welt der Jungen mit eher technischen Accessoires: folgerichtig ganz in Blau...

Jeong Mee Yoon: The Blue Project I - Jake and His Blue Things, NY, USA, Light jet Print 2006.

In einer Vitrine daneben ein scheinbar typisches Spielzeug für Jungen, das sich auf den zweiten Blick als typisch weiblich entpuppt. Museumsleiterin Stefanie Dathe: "Ein fantastisches Exponat aus einem Forschungsprojekt der Hochschule in Hannover. Ein Kinderwagen aus Legotechnik. Natürlich eine Persiflage, aber warum nicht? Das gibt es nicht auf dem Markt, wäre aber durchaus eine Überlegung wert."

Auf dem Bild: OGEL-Hybrid Puppenwagen, 2011.

Das vergnügliche Vertauschen von Rollenklischees zeigt sich auch in der Küchen-Installation zweier Ulmer Studentinnen. Im Kühlschrank finden sich Silikonsprays. Auf der Küchenplatte: Hammer und Bohrer. Auf der Werkbank gegenüber: Kuchenformen, Gewürze und ein Tortenheber mit Holzklötzchen. Ein weiteres Beispiel: die pinke Säge mit Glitzersternchen. Ob es überhaupt neutrales Design gibt?

Eine Hommage an die Gestaltpioniere der HfG sind die Arbeiten von Olivia Daigneault Deschênes. Die Kanadierin hat als erste „Designerin in Residence“ der HfG in der Max Bill-Mensa ihre Foto- und Videostudien gemacht, auch mit einem legendären Möbel, das sie divers umgebaut hat, den Ulmer Hocker, ein flexibles Sitzmöbel, das sich der Form der Menschen anpasst, die sich darauf setzen.

Auf dem Bild: Designer in Residence Olivia Daigneault Deschênes, 2018.

So gelingt es der Ausstellung immer wieder zu verblüffen. Scheinbar selbstverständliche Dinge zu hinterfragen ist das Ziel von Kuratorin Katharina Kurz: "Menschen formen Dinge, und Dinge formen Menschen. Das ist ein ganz wesentliches Prinzip, nicht nur dieser Ausstellung, sondern auch unseres Alltags und von Design. Was wir sozial im Alltag leben und womit wir uns umgeben, findet sich in der Gestaltung wieder. Man muss nur mal genauer hinschauen."

Auf dem Bild: Antirauchkampagne der 60er Jahre.

Eine lohnenswerte Ausstellung im Ulmer HfG-Archiv. Das provokante und amüsante Spiel mit Geschlechterstereotypen stimmt auch nachdenklich. Etwa der Anblick einer Spielzeugwaffe mit Blumenranken, rosa Glitzer am Abzug und Flaumfederchen im Pistolenlauf.

Auf dem Bild: Dominique Gehrke, Gender Calling, 2011.

Höchste Zeit also, mal ernsthaft darüber nachzudenken, ob das noch zeitgemäß ist. Und genau das passiert jetzt in Ulm. "Nicht mein Ding" heißt die Ausstellung, die der Frage nachgeht: Wie könnte modernes, geschlechtsneutrales Design aussehen?