STAND
AUTOR/IN

Zitate, Weisheiten und Denkanstöße für den Alltag: „SWR3 Worte“ und „SWR3 Gedanken“ sind die Verkündigungssendungen der Kirchen – hier kannst du sie als Podcast abonnieren.

Podcast Logo Worte und Gedanken (Foto: SWR)

Podcast abonnieren

Gedanken "Gemeinsam aushalten"

Jenni Berger, evangelische Kirche: Gemeinsam aushalten, dass es nicht auf alles eine Antwort gibt. (Verkündigungssendung) Heute ist Karfreitag. In diesem Jahr ist er anders. Ich darf als Pfarrerin heute mit meiner Gemeinde keinen Gottesdienst in der Kirche feiern. Karfreitag feiern wir eigentlich immer einen besonderen Gottesdienst. Wir erinnern uns daran, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Normalerweise brennt im Gottesdienst immer die Osterkerze und die Bibel liegt aufgeschlagen auf dem Altar. Am Karfreitag löschen wir die Osterkerze aus. Und wir schlagen die Bibel zu. Die Orgel spielt nur leise und wenige Töne. Im Gottesdienst hören wir die Geschichte von Jesus. Wie er verurteilt, gegeißelt und ans Kreuz geschlagen wird. Und wie er dann stirbt. Am Ende des Gottesdienstes war mir immer nach Weinen zu Mute. Es war eine ganz besondere Traurigkeit. Und die war gut so. Warum? Weil wir gemeinsam einfach sein lassen konnten, was nun mal so ist. Weil wir es miteinander ausgehalten haben. Dass es eben für viele Fragen keine Antwort gibt. Dass es für viele Probleme keine Lösung gibt. Dass es so vieles gibt, dessen Sinn wir nicht verstehen. Allein ich kenne umd mag so viele, die überraschend und viel zu früh gestorben sind. Ich kenne viele, die schwer krank sind und eigentlich doch gesund sein sollten. Und wenn ich Nachrichten schaue, begegnen mir so viele Regionen auf der Welt, in denen Krieg, Hunger und Gewalt herrschen. Und ich denke an die Flüchtenden, die in schrecklichen Lagern in Griechenland auf ein menschenwürdiges Leben hoffen. Im Gottesdienst am Karfreitag haben wir all das gemeinsam in den Blick genommen und ausgehalten. Wir haben darin eine große Kraft erlebt. Deshalb hat der Karfreitag für mich eine ganz eigene Schönheit und Würde. Wir konnten das gemeinsam aushalten, weil wir daran glauben: Der Tod Jesu ist nicht das Ende. Nach dem Karfreitag kommt Ostern. Jesus ist auferstanden. Es gibt ein Zurück ins Leben.  mehr...

Gedanken "Füße waschen"

Jenni Berger, evangelische Kirche: Anderen gut tun ohne ihnen zu nahe zu kommen… (Verkündigungssendung) Heute ist Gründonnerstag. Da erinnern sich Christinnen und Christen an den letzten Abend, den Jesus mit seinen Jüngern verbracht hat. Dabei hat er ihnen die Füße gewaschen. Die müssen schmutzig gewesen sein, denn sie waren den ganzen Tag auf staubigen Boden unterwegs, nur in Sandalen. Eigentlich haben das damals die Diener für ihre Herren gemacht. Jesus hat das umgedreht. Hat als Lehrer seinen Schülern die Füße gewaschen. Das mit dem Füße Waschen hat seitdem Tradition. Der Papst hat das zum Beispiel schon oft gemacht. Ist ins Gefängnis gegangen und hat dort Häftlingen die Füße gewaschen. Nadia Bolz-Weber, eine amerikanische Pastorin hat das auch gemacht. In einer Gemeinde, die „Haus für all die Sünder und Heiligen“ heißt. In dieser Gemeinde sind viele Menschen, die in anderen Kirchen gar nicht erwünscht wären. Viele von ihnen haben psychische Probleme, oder Probleme mit Drogen. Viele sind krank, leben ihr Leben anders, als es die Norm vorgibt. Sie haben aber dort ein Zuhause und am Gründonnerstag waschen sie sich dort gegenseitig die Füße. Nadia Bolz-Weber, die Pastorin sagt: Jesus will die Menschen so, wie sie sind. Sie müssen vorher nicht ihr Leben ändern. Sie dürfen kommen mit ihren schmutzigen Füßen und mit all ihren Problemen. Und er ist für sie da. Und mit dem Füßewaschen will er ihnen zeigen: das meine ich ernst. Deshalb waschen sich Menschen am Gründonnerstag in der Gemeinde gegenseitig die Füße. Heute fällt das weg. Kontaktverbot. Aber uns daran erinnern das können wir tun.  mehr...

Gedanken "Achtsam sein"

Jenni Berger, evangelische Kirche: Nächstenliebe weiter leben. Mit aller gebotenen Vorsicht. (Verkündigungssendung) Ich war schon wieder auf dem Rückweg. Bei schönem Wetter eine Tour mit den Inlinern. Auf einem gut befestigten Weg war plötzlich Schluss. Ein Stein hatte sich zwischen Rolle und Bremse geklemmt und ich bin gestürzt. Hose kaputt, Daumen verdreht. Ich lag eine ganze Weile auf dem Boden. Viele Radler sind an mir vorbeigefahren. Einer hat sich im Vorbeifahren umgedreht und gerufen „Ist schon alles klar, gelle?!“. Naja, was hätte ich da noch antworten sollen. Dabei: Früher hat immer jemand angehalten. Wenn ich einen Unfall hatte, ob mit Inlinern oder dem Rad. Oft waren es mehrere, die mir geholfen oder ihre Hilfe angeboten haben. Dieses mal war das anders. Ob die, die vorbeigefahren sind, Angst hatten, sich bei mir mit Corona anzustecken? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Das kennt fast jeder. Wo ein Mann verwundet am Wegrand liegt. Wie bei mir gehen einige Männer an ihm vorbei. Nur einer bleibt stehen und hilft. Ausgerechnet ein Ausländer, einer aus einer anderen Kultur. Es ist ihm egal, wer der Verwundete ist. Es ist ihm egal, was ihm das bringt zu helfen. Er hilft einfach. Er bringt den Verletzten dorthin, wo er weitere Hilfe bekommt, kümmert sich also darum, dass es dem Verletzten gut geht. Ich verstehe die Geschichte so: Die eigene Gesundheit ist wichtig. Aber dem zu helfen, der einem vor die Füße gerät und Hilfe braucht, ist auch wichtig. Nächstenliebe in Zeiten von Corona ist auch wichtig. Ich hoffe, dass uns die Corona-Angst nicht den Blick und das Herz verschließt. Dass wir uns weiterhin um andere kümmern und achtsam bleiben wie der barmherzige Samariter.  mehr...

Gedanken "Das Verlorene suchen"

Jenni Berger, evangelische Kirche: Jeder und jede ist wichtig und darf nicht verloren gehen. (Verkündigungssendung) Ich lebe allein. Schon lange. Und eigentlich auch gerne. In letzter Zeit ist es mir aber richtig aufgefallen. Seit der Coronakrise müssen wir ja alle unsere Sozialkontakte einschränken. Wir dürfen nur unmittelbaren Kontakt haben zu denen, mit denen wir zusammenwohnen. Tja, das heißt bei mir, dass ich außer beim Einkaufen und Spazieren gehen kaum noch Menschen sehe. Und umarmen und anfassen darf ich gar keinen mehr. Deshalb tut es mir jetzt besonders gut, wenn jemand an mich denkt und mich nicht vergisst. Auch wenn der in einer Familie lebt und jede Menge unmittelbaren Kontakt hat. Wenn der oder die sich bei mir meldet, anruft, eine Karte in den Briefkasten wirft. Das ist dann für mich was ganz Besonderes, ein bisschen wie Himmel auf Erden. Was ist das Himmelreich? Hat Jesus mal gefragt. Und dann ein Gleichnis erzählt. Es ist, wie wenn ein guter Hirte sich um seine Schafe kümmert. Und zwar so: Wenn er 100 Schafe hat und eines geht ihm verloren, dann sucht er das eine. Er ist nicht damit zufrieden, dass ja noch 99 da sind. Nein, er geht das Verlorene suchen. Weil ihm jedes Einzelne wichtig und unersetzlich ist. Im Himmel wird das so sein, dass keiner verloren geht. Und jetzt schon ist Gott wie ein guter Hirte, dem jedes einzelne Schaf unersetzlich und wichtig ist. Und wenn wir jetzt schon aufeinander achten, dann haben wir ein bisschen Himmel hier auf Erden. Manchmal fühle ich mich in meiner Wohnung schon ein bisschen wie dieses eine Schafe aus dem Gleichnis. Das der Hirte suchen geht. Und es ist schon jetzt ein bisschen Himmel auf Erden, wenn das jemand tut und nach mir fragt. Wenn ich merke, dass ich anderen wichtig bin. Gerade jetzt mit dem Kontaktverbot.  mehr...

Gedanken "Heilsam"

Jenni Berger, evangelische Kirche: Erinnerungen an besondere Menschen können heilsam sein. (Verkündigungssendung) Von meinem katholischen Kollegen habe ich eine Taschenikone bekommen. Sie ist ca. 5 cm groß, ist zum Aufklappen und innen drin sind zwei Bilder. Links sieht man Maria mit dem Jesuskind im Arm und rechts ist Jesus. Er hebt seine rechte Hand, als ob er mich segnen würde. Beide Bilder strahlen vor einem goldenen Hintergrund. Immer wenn ich sie anschaue, ist das richtig heilsam für mich. Es macht mich ruhig und gibt mir Kraft. Und so geht es mir auch, wenn ich an besondere Menschen denke. Vor meinem inneren Auge stelle ich sie mir manchmal vor. Da ist ein Freund, in dessen Gegenwart bin ich immer so entspannt, weil er einfach Ruhe ausstrahlt und ich mich bei ihm daheim fühle. Meine Mutter gehört dazu. Weil sie so viel Liebe ausstrahlt. Nicht nur mir gegenüber. Sondern gegenüber allen Menschen, von denen sie redet und denen sie begegnet. Mein Professor von der Uni, der in weiser Gelassenheit all meine Fragen, mit denen ich ihn auch provoziert habe, ernst genommen hat. Wenn ich mich an diese Menschen erinnere, dann gibt mir das Kraft. Es hat etwas Heilsames. Tut mir einfach gut. Manches möchte ich selbst so machen wie sie. An anderem freue ich mich einfach, weil es mir gut tut, mit ihnen Kontakt zu haben. Was sie in sich tragen, ist für mich wie etwas Heiliges. Ich glaube, dass Gott das in sie hineingelegt hat. Damit wir es in ihnen entdecken und es für uns heilsam ist.  mehr...

Gedanken "Alltagshelden"

Jenni Berger, evangelische Kirche: Auch Alltagshelden können Superman und Superwoman sein. (Verkündigungssendung) Letzte Woche hat die Postbotin geklingelt. Ich hab ihr Auto schon aus dem Arbeitszimmer gesehen und den Türöffner gedrückt. Als ich die Treppe runtergekommen bin stand sie schon im Flur. Mit dem nötigen Abstand natürlich. „Hallo Frau Berger“ hat sie gerufen. Wie immer in ihrer fröhlichen, beschwingten Art. Sie macht mir einfach immer gute Laune. Die Postbotin ist für mich eine Alltagsheldin. Sie trotzt der Angst und tut verlässlich ihren Job. Solche Alltagshelden gibt es im Moment viele. Heute an Palmsonntag erinnern wir uns an die Geschichte, als Jesus in Jerusalem eingezogen ist. Die Leute damals haben einen strahlenden Helden erwartet. Mit Rüstung und einem Streitwagen. Aber Jesus ist ganz einfach gekommen. Ist auf einem kleinen Esel geritten. Die Leute waren enttäuscht, weil er nicht so war, wie sie es erhofft hatten. Und auch nicht das gebracht hat, was sie sich gewünscht haben. Er hat nicht die römischen Besatzer aus dem Land gejagt und hat auch nicht die Gesellschaft komplett verändert. Er hat im Kleinen gewirkt. Er hat sich um die Kranken gekümmert, hat die Einsamen besucht und sie wieder in die Gemeinschaft zurückgeführt. Es war wichtig, dass er gekommen ist. So ist das auch bei unseren Alltagshelden. Sie können nicht jede Erwartung erfüllen. Und manches wird auch nicht klappen. Nicht jeder Patient wird von seiner Ärztin gesund gemacht. Nicht jeder Brief des Postboten hat eine gute Nachricht und der Kassierer kann nicht selbst dafür sorgen, dass Klopapier und Hefe wieder vorrätig sind. Trotzdem geben sie alle ihr Bestes. Sie sind unsere Alltagshelden. Wie meine Postbotin. Gut, dass sie da sind.  mehr...

Gedanken Authentisch

Martin Wolf, katholische Kirche: Authentisch, aber kultiviert durchs Leben gehen. (Verkündigungssendung) Also der kommt echt authentisch rüber. Mein Kollege sagte das kürzlich über einen Mann, den wir beide kennen. Authentisch. Das Wort hör ich immer wieder, wenn es um Menschen geht. Und immer ist das besonders positiv gemeint. Der ist authentisch. Das heißt so viel wie: Der verstellt sich nicht. Der spielt mir nichts vor. Der ist einfach so, von Natur aus. Religiös könnte man auch sagen: Der ist genau so, wie Gott ihn geschaffen hat. Ich frage mich nur immer öfter, ob das wirklich so gut ist. Denn die meisten von uns haben ja im Lauf des Lebens auch was gelernt und eintrainiert. Kultur. Dazu gehört für mich auch die Religion. Dass ich rücksichtsvoll sein sollte und höflich dem anderen gegenüber. Auch wenn‘s mir gerade mal gegen den Strich geht. Dass ich mich solidarisch verhalte, damit möglichst alle genug zum Leben haben. Dass ich mich auch freiwillig mal zurücknehme, selbst wenn es mir schwerfällt. Damit auch der Schwächere neben mir zu seinem Recht kommt. Zwar nicht alles, aber doch ziemlich viel davon ist erlernte Kultur. Und ich finde es eben gar nicht toll, wenn mich einer vielleicht ganz authentisch, aber dafür primitiv anpöbelt. Vielleicht kommt in diesen Tagen, in denen wir alle ziemlich unter Stress stehen, ja mehr als sonst davon zum Vorschein, wie wir wirklich sind. Ziemlich verschieden nämlich. Selbstlos und hilfsbereit der eine, eher rücksichtslos und vor allem auf sich bedacht der andere. Das ist und war schon immer so. Umso mehr hoffe ich und wünsche mir, dass wir bei allem Stress gemeinsam authentisch und dennoch kultiviert durch diese Zeit kommen.  mehr...

Gedanken Ein Segen sein

Martin Wolf, katholische Kirche: Wenn Menschen für andere zum Segen werden. (Verkündigungssendung) Ein Krankenzimmer auf der Intensivstation, das Büro des Fallberaters in der Arbeitsagentur, die Wärmestube für Wohnsitzlose. Alle diese Orte können etwas gemeinsam haben. Sie können ein Segensort sein. Segen, damit verbindet sich immer etwas Gutes. Und ich glaube, es gibt viel mehr von diesen Orten als man denkt. Denn Orte und Menschen, die anderen Segen bringen, sind fast überall zu finden. Mir fällt eine städtische Sozialarbeiterin ein, die einen Mann begleitet hat, dessen Leben aus den Fugen geraten war. Nie genug Geld, immer wieder Alkohol, eine völlig zugemüllte Wohnung. Und wenn es mal ein bisschen besser lief, kam der nächste Absturz, mit Alkoholexzessen, Mietrückständen und wieder mal dem drohenden Untergang. Sich selbst Hilfe zu holen, dazu fehlte ihm die Kraft und auch der Wille. Schon der Gang zum Amt hätte ihn überfordert. Eigentlich ein hoffnungsloser Fall. Mit fast übermenschlicher Geduld hat diese Sozialarbeiterin ihm wieder auf die Beine geholfen. Hat die Anträge auf Sozialhilfe und Wohngeld fertig gemacht. Ein Unternehmen beauftragt, dass die Wohnung entrümpelt. „Sie hat mir das Leben gerettet“, sagt er. Fast liebevoll klingt das und es ist wohl was dran. Menschen wie sie gibt es so viele. Die meisten von ihnen kennt kaum einer. Aber für andere sind sie echte Segensbringer. Und manchmal vielleicht sogar Lebensretter.  mehr...

Gedanken Möchtegernpropheten

Martin Wolf, katholische Kirche: Katastrophen als Strafe Gottes? Nein! (Verkündigungssendung) Eine Strafe Gottes - für was auch immer. Es gab schon immer Leute, die so was nach globalen Katastrophen behauptet haben. Es gab sie, als vor fast 40 Jahren plötzlich Menschen an Aids erkrankten. Es gab sie, als ein Tsunami in Indonesien eine viertel Million in den Tod gerissen hat und jetzt gibt es sie natürlich auch wieder. Das ist nicht nur zynisch gegenüber dem Leid der Betroffenen. Für mich haben diese Leute auch eine ziemlich seltsame Vorstellung von Gott. Für sie ist Gott offenbar ein Oberlehrer, der es nötig hat, hin und wieder den Rohrstock rauszuholen. Um Menschen kollektiv für ein angebliches Fehlverhalten zu bestrafen. Es stimmt, dass es diese Vorstellung in der Bibel gibt. In der Geschichte von der großen Flut etwa, die alles wegrafft, weil die Menschen so schlecht waren. Wenn ich aufmerksam die Bibel lese merke ich aber auch, dass es darin nicht nur dieses eine Bild von Gott gibt. An der Bibel ist schließlich rund 1000 Jahre geschrieben worden. Für mich heißt das, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten Gott eben ganz unterschiedlich wahrnehmen. Und dass wir deshalb nie sagen können: Schau, genau so ist Gott und nicht anders. Für mich als Christ ist aber das Bild wichtig geworden, das Jesus von Gott gezeichnet hat: Das eines Gottes, der die Menschen liebt. Der auch dem letzten Verirrten nachgeht, weil er keinen aufgeben will. Der sich den Kranken und Gescheiterten besonders nah weiß. Warum also sollte dieser Gott dann Katastrophen schicken, die die Alten und Kranken besonders treffen? Für mich ist das einfach absurd.  mehr...

Gedanken Solidarität

Martin Wolf, katholische Kirche: Solidarität heißt das Gebot der Stunde. (Verkündigungssendung) „Wenn jeder an sich selber denkt ist an alle gedacht.“ Diesen Spruch habe ich schon immer gehasst. Eine zynische Umschreibung für rücksichtslosen Eigennutz. Hauptsache ich hab meine Schäfchen im Trockenen. Wer nach mir kommt, der hat Pech gehabt. Klar, solche Leute gab‘s schon immer, aber im Moment fallen gerade die besonders unangenehm auf, die sich unsolidarisch und asozial verhalten. Durch Hamsterkäufe etwa oder unnötige Parties. Und dennoch glaube ich, dass das nicht die Mehrheit ist. Ich höre und lese auch von den vielen jungen Leuten, die gerade unerwartet viel Zeit haben und ein Teil dieser Zeit für andere investieren wollen. Schulen und Unis haben dicht gemacht und viele von ihnen kommen gerade nicht weiter. Und statt rumzuhängen engagieren sie sich. Nicht alle, klar, aber immerhin viele von ihnen. Helfen etwa mit, wo sich Menschen nicht mehr raus zum Einkaufen trauen, weil sie besonders gefährdet sind. Sie sind die andere Seite, leben Solidarität. Christen nennen es auch Nächstenliebe. Ich glaube, wie eine Gesellschaft wirklich tickt wird erst dann so richtig deutlich, wenn es mal eng wird. Wenn eine heftige Krise plötzlich alle betrifft. Wenn Solidarität mit den Schwachen mehr denn je zuvor gefragt ist. Ja, wenn sie sogar lebenswichtig wird. Und ich hoffe und bete, dass unsere Solidarität auch dann noch anhält, wenn die Gefahr irgendwann vorüber ist. Denn dann werden sie all jene dringend brauchen, die ihr Geschäft und ihre Existenz verloren haben. Wie großartig wäre es, wenn der Satz dann lauten würde: „Wenn jeder auch an den anderen denkt, erst dann ist wirklich an alle gedacht.“  mehr...

Gedanken Geschlossene Grenzen

Martin Wolf, katholische Kirche: Bei allen eigenen Sorgen die Ärmsten nicht vergessen. (Verkündigungssendung) Bis vor kurzem hab ich mich gefreut, dass ich eines der begehrtesten Dokumente der Welt besitze. Meinen dunkelroten Reisepass. Weil er mir, falls ich das will, die Grenzen von 189 Ländern dieser Erde öffnet. Nur den Bürgern aus Japan und Singapur stehen noch ein paar mehr Länder offen. Doch jetzt, wo fast überall die Grenzen dicht sind, nützt mir mein kostbarer Reisepass für erste nicht mehr viel. Das wertvolle Dokument ist mit einem Schlag ziemlich wertlos geworden. Das ist genau die Erfahrung, die Menschen machen, deren Pass sich am unteren Ende dieser Rangliste wiederfindet. Die geringste Reisefreiheit genießen nämlich die Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Ihr Pass ist auch sonst kaum etwas wert. Zufall ist das nicht. Natürlich gibt es gute Gründe, dass die Grenzen auch für Menschen wie mich gerade dicht sind. Und sie vermitteln mir zumindest ein vages Gefühl davon, wie es all den Flüchtlingen gehen muss, die schon so lange vor dichten Grenzen stehen und nun noch weniger Chancen haben, hindurch zu kommen. Ihre Situation hat sich nochmal dramatisch verschlimmert, denn wir haben hier jetzt andere Sorgen. Auch wenn das menschlich verständlich sein mag, aus dem Blick verlieren möchte ich diese Menschen in Not trotzdem nicht. Denn bei allen Einschränkungen und Ängsten im Moment genügt ein kurzer Blick über meinen Tellerrand, nach Norditalien etwa oder auf die Insel Lesbos, um zu wissen: Es geht mir hier trotz allem noch vergleichsweise gut.  mehr...

Gedanken "Jammerlappen"

Markus Eckert, evangelische Kirche: Wer jammert und klagt, spürt das Leben wieder neu. (Verkündigungssendung) Meine Bekannte Beate hat mal gesagt, wir sollten ja auch nicht vergessen, zu jammern und zu klagen. Ein etwas eigenwilliger Ratschlag, wer will das schon, ein Jammerlappen sein? Bei Trauergesprächen höre ich tatsächlich immer wieder mal: Sie hatte es wirklich schwer im Leben, aber geklagt oder gejammert hat sie nie. Oder er. Und es scheint so, als würden die Angehörigen das bewundern. Beate findet das aber ganz falsch. Sie meint, die Gefühle müssen raus, gerade auch die schlechten. Sie weiß das aus eigener Erfahrung. Sie hat sich das Schreien in ihrer Seele, das Jammern und Klagen so sehr verboten, dass es sie krank gemacht hat. Sie ist in ein großes dunkles Loch gefallen, in eine tiefe Depression. Erst ein Aufenthalt in der Klinik hat ihr geholfen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Nicht zu reden, nie etwas zu beklagen und stattdessen immer weiter zu funktionieren, das macht letztendlich krank. Klar soll man nicht allen mit Dauergenöle auf die Nerven fallen. Aber reden über das, was mich bewegt, anderen mein Leid klagen oder mir das der anderen anhören - das ist Mitleiden im guten Sinne. Und im christlichen, denn so hat es auch Jesus vorgelebt. Und: Wenn ich klage, sage ich ja nicht nur, was mein Herz bedrückt, sondern auch, für was und wie mein Herz schlägt. Wer dagegen alles für sich behält, bedrückt sein Herz – im Zweifel so lange, bis es nicht mehr schlägt. Jetzt in der Zeit vor Ostern - in der Passionszeit, der Leidenszeit – üben wir Christen das sogar ein. Klagen, jammern über das, was uns bedrückt, in uns - in dieser Welt. Nicht, weil wir Jammerlappen sind, sondern damit wir - wie Beate – wissen wofür und wie unser Herz schlägt und das Leben wieder richtig spüren können.  mehr...

Gedanken "Aufbrechen"

Markus Eckert, evangelische Kirche: Wenn ein Lied einem Türen öffnet. (Verkündigungssendung) Nach dem dritten Mal war offensichtlich: Ich komme mit diesen Kindern nicht klar. Ich habe die Klasse eines kranken Kollegen übernommen. Schon vorher hat er mir immer wieder von dieser Klasse erzählt und ich habe geahnt: Puh, das wird nicht leicht. Und tatsächlich: Der eine springt einfach im Unterricht von seinem Stuhl auf und rutscht auf den Knien durch den Klassenraum. Ein Mädchen, ist unangenehm anhänglich und immer am Fragen. Und dann fangen zwei auch noch an sich zu beschimpfen und zu verhauen. „Eigentlich sind sie richtig nett….“ Hat mein Kollege gesagt…. Ich habe davon leider nichts gespürt. Nach der dritten Stunde denke mir: So wird das nichts mit mir und dieser Klasse. Aus lauter Verzweiflung habe ich meine Gitarre geschnappt und mit den Kindern das Lied „Du bist Du“ gesungen. Nach erstem Staunen und nach etwas Üben haben sie aber begeistert mitgeschmettert: „Du bist kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal ob Du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur, du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu: Du bist Du“. So haben wir miteinander gesungen. Und was soll ich sagen: Es hat geholfen! Plötzlich hatte ich tatsächlich einen anderen Blick auf die Kids, nur weil ich gesungen habe, dass sie ein genialer Gedanke Gottes sind. Nicht die Kinder haben sich verändert, sondern ich. Ich hatte einen anderen Blick auf sie. Der Schüler, der so gern auf dem Boden rutscht, freut sich, wenn er besondere Aufgaben übertragen bekommen hat. Für das anhängliche Mädchen habe ich mir mal fünf Minuten intensiv Zeit genommen und habe ihre Fragen beantwortet – mehr war gar nicht nötig. Und wir haben gemeinsam Regeln aufgestellt, dass man keine Schimpfworte verwendet und sich nicht verhaut. Nein, es ist nicht alles leicht seither in dieser Klasse, aber zu singen: „Du bist ein genialer Gedanke Gottes“, hat uns nähergebracht. Und dafür bin ich echt dankbar.  mehr...

STAND
AUTOR/IN