SWR1 RP Anstöße | SWR4 Morgengruß

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Informieren, trösten, anstoßen und ermutigen: Die Rundfunkbeauftragten der Kirchen begleiten Sie in den Tag.

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Podcast SWR4 'Morgengruß' (Foto: Colourbox, Fotograf:pavel bolotov)
Podcast SWR4 'Morgengruß' Fotograf:pavel bolotov

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Morgengruß Wer ist mein Nächster?

Mario Junglas, katholische Kirche: Der Nächste ist auch der, der nach mir kommt (Verkündigungssendung) Scherben auf dem Fahrradweg. Wieder einmal hat jemand eine Flasche auf dem Radweg zerschlagen und die Scherben nicht weggeräumt. Bei mir mischen sich Ärger und Vorsicht, denn ich will mir meinen Reifen nicht zerschneiden. So auch der Fahrradfahrer unmittelbar vor mir. Der fährt abrupt langsamer, um die Scherben zu umrunden. Denke ich. Doch der Radler hält an, stellt sein Fahrrad ab und beginnt die Scherben vom Weg zu räumen. Nicht nur für sich, sondern für alle, die nach ihm kommen. Ich bin der einzige, der das sieht und ihm danken kann. An diesem Tag sind sicher noch viele andere auf dem Radweg unterwegs ohne zu wissen, dass ihnen jemand den Weg frei gemacht hat. Jesus beantwortet die Frage, wer mir als Nächster so nahe steht, dass ich ihm helfen muss, mit einer Geschichte. Er erzählt vom barmherzigen Samariter, der einem ihm wildfremden Verbrechensopfer hilft. Die Antwort Jesu ist: Jeder, der Dich braucht und dem Du helfen kannst, ist dein Nächster. Durch das Beispiel des Fahrradfahrers ist mir deutlich geworden, dass mit dem Nächsten nicht nur der räumlich Nächste gemeint ist, so wie die englische Bibel das Wort „Nächster“ mit „Nachbar“ übersetzt. Ich glaube nämlich, dass der Fahrradfahrer nicht nur den räumlich Nächsten im Blick hatte. Nein, er hat den Weg frei geräumt für alle, die an diesem Tag noch kommen. Für alle, die als Nächste kommen. Die Nächsten, das sind auch die, die nach mir kommen, selbst wenn ich sie gar nicht kenne. Für mich ist das Handeln des Radlers ein Bild für größere Zusammenhänge: Die Scherben, die wir heute liegen lassen – im Umweltschutz, in der Klimapolitik, auf der Suche nach Gerechtigkeit und Frieden, in der Flüchtlingspolitik -, diese Scherben können wir vielleicht gerade noch umrunden. Aber sie gefährden diejenigen, die nach uns kommen. Jesus ruft uns auf, unsere Nächsten so zu lieben wie uns selbst. Das sind gewiss diejenigen, die hier und heute unsere Hilfe brauchen und denen wir helfen können. Es sind aber auch diejenigen, die nach uns als Nächste kommen. Wie auf dem Fahrradweg. Wir sollten ihnen keine Scherben hinterlassen.  mehr...

Morgengruß Dom Helder Camara

Mario Junglas, katholische Kirche: Der Bruder der Armen (Verkündigungssendung) Der Saal der Kirchengemeinde war überfüllt. Wer nicht eine halbe Stunde früher kam, musste von draußen zuhören. Die Gemeindeveranstaltung hatte so großen Zulauf, weil ein besonderer Gast angekündigt war: Der brasilianische Bischof Helder Camara kam ins Ruhrgebiet. Als Bischof Helder Camara in den 70er und 80er Jahren Deutschland besuchte, hatte er bereits einen weltweiten Ruf als „Bruder der Armen“. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil verkörperte er die Hinwendung der Katholischen Kirche zu den armen Menschen. Seine Theologie trug zu seiner Glaubwürdigkeit ebenso bei wie sein persönlicher bescheidener Lebensstil. Das Bischofspalais öffnete er für Obdachlose, er selbst wohnte im Hinterhof einer Kirche, ging stets zu Fuß. In einfacher, verständlicher Sprache verkündete er das Evangelium als befreiende Botschaft vor allem für die Armen. Dabei ging es ihm nicht um bloße Mildtätigkeit, sondern um die Veränderung von Strukturen. Den Kampf für die Armen verband er mit dem Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Mit seinem Organisationstalent schuf er eine Fülle von Einrichtungen im Dienst der Armen bis hin zu einer eigenen Bank, die er die „Bank der göttlichen Vorsehung“ nannte. Seine Positionen zwangen zur Stellungnahme, etwa wenn er sagte: „Entwicklung ist Frieden, Unterentwicklung ist Krieg.“ Solches Engagement führte zwangsläufig in den Konflikt. Die brasilianische Militärdiktatur wollte Dom Helder Camara ebenso zum Schweigen bringen wie viele Reiche, denen er ins Gewissen redete. Mitarbeiter wurden verfolgt, ja ermordet, er selbst wurde zum Kommunisten gestempelt, in Brasilien totgeschwiegen und auch innerkirchlich ausgegrenzt. Das alles schmälerte nicht seinen weltweiten Einfluss. So stießen etwa seine Besuche in Deutschland die Bewegung der Eine-Welt-Läden an, in denen Ehrenamtliche faire Produkte aus der sogenannten Dritten Welt verkaufen. 1985 ging Dom Helder Camara in den Ruhestand, und sein Nachfolger drehte viele Entwicklungen wieder zurück. Doch seit Papst Franziskus mit ähnlich klaren Worten die Kirche wieder an die Seite der Armen stellen will, wird auch die Erinnerung an Dom Helder Camara wieder lebendig. Sein Erbe lebt. Seine brasilianische Heimatkirche strebt jetzt die Heiligsprechung an. Heute vor 20 Jahren starb der Bischof und Bruder der Armen, Dom Helder Camara.  mehr...

Morgengruß Sündensteuer

Mario Junglas, katholische Kirche: Verbote alleine reichen nicht (Verkündigungssendung) Der Wüstenstaat Qatar, in dem die nächste Fußballweltmeisterschaft stattfindet, hat eine Sündensteuer eingeführt. So sollen vor allem alkoholische Getränke drastisch verteuert werden. Ein Kasten Bier kostet dann 90 €. Auch Zigaretten und Schweinefleisch werden teurer. Die hohen Preise sollen die Menschen von den unerwünschten oder gar nach islamischem Glauben verbotenen Genussmitteln abschrecken. Ganz anders in Deutschland: Kein Land der EU beeinflusst den Konsum von Alkohol und Nikotin, Zucker und Fett weniger als Deutschland. Steuern und Verbote spielen hier eine viel geringere Rolle als in anderen europäischen Staaten. Für Gesundheitspolitiker wird so der Schutz der Gesundheit sträflich vernachlässigt. Andere loben dagegen die deutsche Politik wegen ihrer Freiheitlichkeit und dass sie die Bürger nicht mit Verboten überzieht. Kein Zweifel: Alkohol und Nikotin, Fett und Zucker schädigen die Gesundheit nachdrücklich, wenn wir es damit übertreiben. Andererseits helfen Verbote alleine erfahrungsgemäß wenig. Sie können sogar Trotzreaktionen hervorrufen. Die Bibel ist in dieser Frage erstaunlich liberal. „Alles ist mir erlaubt,“ schreibt der Apostel Paulus, wenn es um Essen und Trinken geht. Also keine Verbote. Aber, so fährt Paulus fort, nicht alles nützt mir und nicht alles baut auf. Und nichts soll Macht über mich haben. Menschen sollen nicht Sklaven ihrer Gier oder Sucht werden. Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist gut für mich. Paulus ruft weder nach dem Staat, noch tut er die Frage nach dem rechten Umgang mit Essen und Trinken als beliebig ab. Er gibt sie vielmehr an die Einzelnen und ihre Verantwortung zurück. Sie sollen selbst prüfen, ob das, was sie tun, für sie gut ist. Er setzt nicht zuerst auf Verbote, die umgangen werden können, sondern auf die Einsicht, auf das vernünftige Eigeninteresse der Menschen. Natürlich brauchen wir auch Verbote, z.B.: Kein Alkoholausschank an Kinder. Zugleich überzeugt mich, was Paulus sagt. Übergewicht und Trunkenheit kann der Staat letztlich nicht verbieten; er kann sie teuer machen, aber nicht unmöglich. Wichtiger ist die Antwort auf die Frage: Was ist gut für mich und was nützt mir wirklich.  mehr...

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