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Archäologie des Lebensstandards Die Frauen, das Essen und der Luxus der Kelten

Der Archäologe Dr. Frank Siegmund erforscht das Leben und den Lebensstandard vergangener Kulturen. Er erklärt im Interview, wie sich die Rolle der Frau bei den Kelten auf ihre Körpergröße auswirkt und was Forscher alles herausfinden, wenn sie keltische Gräber untersuchen.

SWR: Sie beschäftigen sich mit dem Lebensstandard der Kelten. Wir verstehen heute unter Lebensstandard zum Beispiel ein schönes Haus und ein großes Auto. Was haben sich die Kelten darunter vorgestellt?

Porträtfoto von Dr. Frank Siegmund

Dr. Frank Siegmund

Frank Siegmund: Das wissen wir nicht genau. Aber so, wie wir heute Gegenstände wertschätzen - beispielsweise ein schönes Haus und ein schönes Auto - werden auch die Kelten ihre persönlichen Luxusgüter gehabt haben. Wenn man sich reiche Gräber und ihre Grabbeigaben anschaut, kann man sehen: Sie hatten auch Interesse an materiellen Gütern. Sie fanden es zum Beispiel schön, goldenen Schmuck zu haben.

Die Frage, die Sie anschneiden, ist aber die, die mich beschäftigt: Wie kann man den Lebensstandard messen? Wie kann man diesbezüglich Unterschiede zu heute und anderen frühen Kulturen feststellen - in einer Weise, dass es vergleichbar ist? Da fällt ein schickes Auto weg, denn das hatten die Kelten ja noch nicht. Ich untersuche solche Parameter wie zum Beispiel die an den Skeletten ablesbare Körpergröße, damit man den Lebensstandard weit auseinander stehender Kulturen miteinander vergleichen kann.

Ich habe während der Vorbereitung auf dieses Gespräch überrascht festgestellt, dass ich mit meinen 1,57 m auch nur zwei Zentimeter größer bin als eine durchschnittliche Keltin. Bedeutet das, dass mein Lebensstandard auch nicht besser ist?

Keltische Frau und Männer in historischer Tracht

So sahen die Kelten wahrscheinlich aus.

Ja und nein. Sie machen jetzt eine Aussage auf Sie alleine bezogen. Solche Aussagen sollte man aber nur über Gruppen machen.
Die Menschen sind unterschiedlich. Jeder von uns hat eine genetische Veranlagung. Der Eine ist von der biologischen Vorbestimmung her tendenziell kleiner, der Andere größer. Was wir dann an der Körpergröße sehen können, ist ein Gemisch: Einmal die genetische Vorbestimmung, und dann, ob man sie erreichen konnte. Wenn in einem Menschen zum Beispiel genetisch angelegt ist, dass er 1,60 m groß wird, können die Lebensumstände so günstig sein, dass er das erreicht, oder aber so beschaffen sein, dass er eben kleiner bleibt.

Sie haben zuvor gesagt, dass die Kelten auch schönen Goldschmuck zu schätzen wussten. Heißt das eigentlich, Archäologen forschen viel über das Leben von Privilegierteren und nicht so viel über das des Durchschnittsmenschen?

Mond steht über dem Magdalenenhügel in Villingen-Schwenningen

Grabhügel vom Magdalenenberg

Tendenziell ja. Weil wir das besser erforschen und umfangreichere Analysen machen können. Natürlich sind die Gräber von Privilegierteren, in denen besonders viele und wertvolle Beigaben sind, besonders spannend; man kann über sie mehr aussagen. Aber Archäologen sind nicht nur auf Fürstengräber fixiert. Es gibt auch Gräber von "einfachen" Leuten, die wir erforschen, und daher können wir auch über die Durchschnittsmenschen Aussagen machen.

Sie haben festgestellt, dass keltische Frauen größer waren als in der Bronzezeit in den Jahrhunderten davor. Können Sie dadurch sagen, dass sie eine besonders gute Stellung in der Gesellschaft hatten?

In der Tendenz ja. Von der vorhergehenden Bronzezeit zur Eisenzeit werden die Menschen circa einen Zentimeter größer. Das mag Ihnen nicht viel erscheinen, es ist aber viel. Man kann sich geschlechtsdifferenziert anschauen, wer größer wird: Die Männer werden einen knappen Zentimeter und die Frauen eineinhalb Zentimeter größer. Das ist für mich ein Hinweis darauf, dass die Verbesserung des Lebensstandards für die Frauen deutlich stärker war als für die Männer.

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Keltinnen durften sich scheiden lassen und konnten als Kriegerinnen in die Schlacht ziehen. Weiß man, ob sie rechtlich im Vergleich zu anderen Kulturen besser gestellt waren und es ihnen deshalb besser ging?

Das wird unter Kollegen heftig diskutiert. Ich denke, das ist vor allem für die frühe Eisenzeit, also zwischen 650 - 450 v. Chr., richtig. Für die spätere Zeit, in der sich zum Beispiel Cäsar um 50 v. Chr. mit den Kelten herumschlägt, ist das schon wieder anders. In der frühen Eisenzeit gibt es mehrere Anhaltspunkte dafür, dass die Stellung der Frau stark war.

Keltische junge Frauen

Teil des Lebensstandards: die Ernährung

Die "einfachen" Leute bei den frühen Kelten wurden typischerweise in einem Grabhügel bestattet. Die Kelten errichteten nicht ein Grab für einen einzelnen Menschen, sondern ein Grab für viele Menschen, die miteinander verwandt waren - wie heutige Grüfte. Man hat an mehreren großen Gräberfeldern festgestellt, dass neue Grabhügel jeweils für eine verstorbene verheiratete Frau angelegt wurden. Das ist etwas Besonderes: Eine verheiratete Frau, nicht ein Mann! Ein neuer Hügel wird für sie angelegt und macht sie dann quasi zur Urahnin, zu der Person, auf die man sich später bezog. Wenn diese frühen Kelten sich auf einen wichtigen Vorfahren bezogen, dann nicht auf den Ururgroßvater, sondern auf die Ururgroßmutter.

Um auf den Lebensstandard zurückzukommen: Für mich gehört dazu auch gutes Essen. Was haben denn die Kelten gegessen?

Gute Ernährung führt zu gutem Wachstum. Das ist das, was sich am Ende in der Körperhöhe niederschlägt. Man sollte sich die Landwirtschaft zu dieser Zeit schon relativ entwickelt vorstellen. Die keltische Landwirtschaft kannte alle Sachen, die unsere neuzeitliche Landwirtschaft kennt. Da gab es wenig Unterschiede in dem, was an Tieren und Pflanzen vorhanden war und gegessen wurde. Die Idee, dass damals alles sehr primitiv war, ist für diese Zeit sicher falsch.

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