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SENDETERMIN Fr, 22.6.2018 | 2:15 Uhr | SWR Fernsehen

Junger Dokumentarfilm "Leyla" Eine kurdische Bürgermeisterin in der Türkei

Eine junge, in Deutschland aufgewachsene Kurdin beschließt, in ihre Heimat zurückzukehren. Leyla gibt ihr Leben in Deutschland auf, um sich für die Menschen in ihrer Heimatstadt Cizre einzusetzen. 2014 wird sie dort mit nur 26 Jahren als erste Frau zur Bürgermeisterin gewählt. Die Filmemacherin Aslı Özarslan begleitet ihren Weg und zeigt, wie sie das Leben der Menschen in der Region mit Leidenschaft und unbeugsamem Willen zu verbessern versucht. Die politische Situation verschlechtert sich jedoch schnell. 2015 belagert türkisches Militär die Stadt und legt einen Großteil von Cizre in Schutt und Asche. Leyla wird ihres Amtes enthoben, ein Prozess wegen Aufrufs zum Bürgerkrieg wird gegen sie eröffnet. Hat sie ihr Leben und ihre persönliche Freiheit umsonst aufs Spiel gesetzt?

Die türkische Grenzstadt Cizre - einstige Hochburg der PKK

Leyla Imret ist Deutsche und Kurdin. 2014 wurde sie mit nur 26 Jahren als erste Frau in der Geschichte Cizres zur Bürgermeisterin gewählt. Die türkische Kleinstadt Cizre liegt an der syrisch-irakischen Grenze, ihre Bewohner sind zum größten Teil Kurden. In den neunziger Jahren war Cizre eine Hochburg der PKK, das Leben in der Stadt von schweren Unruhen geprägt. Der Bürgerkrieg zwischen der türkischen Armee und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) forderte tausende Opfer. Aktuell sind Kämpfe und Aufstände in der Stadt wieder an der Tagesordnung. Fast alle Bewohner Cizres haben Angehörige in den Bürgerkriegen verloren, auch Leyla Imret.

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Leyla | Junger Dokumentarfilm

Eine kurdische Bürgermeisterin in der Türkei

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Leyla Imret – die gewählte Bürgermeisterin von Cizre auf einem Friedensmarsch.

Leyla Imret – die gewählte Bürgermeisterin von Cizre auf einem Friedensmarsch.

Cizre - Bei einer Demo von Cizre bis nach Diyarbakir, Mädchen schwingt kurdische Flagge.

Dil Leyla: Leyla, eine junge Frau aus Deutschland, wird mit 26 Jahren die jüngste Bürgermeisterin der Türkei. In Cizre, an der syrisch-irakischen Grenze.

Cizre - Kurdenhochburg an der syrisch-irakischen Grenze, Kurdisches Neujahrsfest Newroz.

Cizre - Kurdenhochburg an der syrisch-irakischen Grenze.

Cizre – Bei einer Demo von Cizre bis nach Diyarbakir, Junge im Flüchtlingslager.

Regisseurin von LEYLA Asli Özarslan am Drehort.

Von Deutschland nach Cizre - eine Bürgermeisterin voller Ideale

Als sie vier Jahre alt war, wurde ihr Vater, ein kurdischer Freiheitskämpfer, in einem Gefecht mit dem türkischen Militär getötet. Nach dem Tod ihres Vaters wuchs Leyla bei Verwandten in Norddeutschland auf. 2008 kehrte sie erstmals wieder in die Türkei zurück, um ihre Mutter und ihre Geschwister zu besuchen.
Am Grab ihres Vaters, der in Cizre als Märtyrer verehrt wird, traf sie die Entscheidung, sobald wie möglich wieder in Cizre zu leben. Wenige Jahre später setzte die gelernte Friseurin ihren Plan um. Sie kandidierte in ihrer Heimatstadt als Bürgermeisterin und gewann die Wahlen. Voller Elan ging Leyla ihre neue Aufgabe an: Sie plante Parks und Kindergärten – ein Stück Normalität, das es schon lange nicht mehr gab. Leylas Ziel ist es, das Leben der Menschen in Cizre zu verbessern: »Ich habe meine Freiheit und meine Freunde, die ich in Bremen hatte, aufgegeben, um hier in Cizre zu helfen. Ich trage für diese Stadt jetzt Verantwortung und die Leute haben hohe Erwartungen an mich. Diese Erwartungen möchte ich erfüllen.«

Vermittlerin zwischen der türkischen Regierung und dem kurdischen Volk

Für Leyla ist Deutschland ein Modell für Demokratie und Gleichberechtigung, das sie auch in Cizre umsetzen möchte. Mit Leidenschaft und Überzeugung setzt sie sich für die Kurden ein. In einem Interview mit CNN Türk spricht sie bewusst Kurdisch, obwohl sie auch Türkisch beherrscht. »Warum beharren Sie darauf, Kurdisch zu sprechen, wenn Sie Türkisch können? Unsere Zuschauer möchten das wissen«, fragt sie der Journalist. Leyla Imret antwortet souverän, dass ihr Volk in Cizre kaum Türkisch könne und auch diese Menschen sie verstehen sollten. Ein mutiger Akt in einer Zeit, in der in der Türkei immer wieder Kurden verhaftet werden. »Leute werden ständig verhaftet. Das ist das Risiko. Ich möchte aber Frieden«, sagt Leyla entschieden. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, zwischen der türkischen Regierung und dem kurdischen Volk zu vermitteln.

Dil Leyla

Dil Leyla: Hier ist Leyla geboren und kehrt nach über 20 Jahren zurück. Ihr Ziel - die bürgerkriegszerstörte Stadt zu verschönern. Doch dann spitzt sich die Situation vor Ort radikal zu. Die Erinnerungen aus ihrer Kindheit holen sie ein.

Türkisches Militär belagert die Stadt - Rückkehr nach Deutschland?

Leyla hat sich viel vorgenommen, aber vor den Toren der Stadt herrscht Krieg, und Leyla hat keinerlei politische Erfahrung. Die Situation in Cizre spitzt sich zu und eskaliert schließlich: Im September 2015 geht das türkische Militär gegen die Kämpfer der PKK vor. Im Dezember kesseln Truppen der türkischen Regierung die 120.000-Einwohner-Stadt erneut ein und nehmen sie unter massiven Beschuss. Mittendrin Leyla, die von den Ereignissen überrollt wird und sich fragt: War ihre Entscheidung, als Bürgermeisterin nach Cizre zurückzukommen, richtig? Sollte sie lieber nach Deutschland zurückkehren?

Entlassung aus dem Amt und Anklage

Im September 2015 entlässt der türkische Innenminister Leyla Imret aus ihrem Amt. Die Begründung: Aufruf zum Bürgerkrieg. Ein Verfahren gegen sie wird eröffnet.
Die Regisseurin Aslı Özarslan begleitet Leyla in Deutschland und in der Türkei. Sie dokumentiert ihren Amtsantritt in Cizre, ihre Arbeit als Bürgermeisterin, ihren Umgang mit den wachsenden Problemen in der Stadt und mit ihrer persönlichen Bedrohung. Sie hält eindrucksvolle Momente in der Phase der Hoffnung auf Frieden und Demokratie fest und zeigt auf erschütternde Art und Weise, wie diese Hoffnung in Schutt und Asche gelegt wird.


Produktionsnotiz

Die Festivalfassung von »Leyla« lief unter dem Titel »Dil Leyla« auf zahlreichen Festivals, unter anderem auf dem International Documentary Film Festival Amsterdam 2016, dem Max Ophüls Film Festival 2017 und dem DOK.fest München 2017. 2017 gewann »Dil Leyla« den FIDADOC Prix des Droits Humains 2017 in Marokko und war für den Studio Hamburg Nachwuchspreis nominiert.