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SENDETERMIN Do, 18.10.2018 | 23:45 Uhr | SWR Fernsehen

Junger Dokumentarfilm Ferne Heimat - Die neuen Kinder von Golzow

Dem ostdeutschen Dorf Golzow gehen die Kinder aus. Der Strukturwandel zieht die Menschen fort aus dem Oderbruch. Der örtlichen Schule droht die Schließung. Da hat Bürgermeister Schütz die Idee, syrische Flüchtlingsfamilien in seine Gemeinde zu holen. Er möchte ihnen die Chance auf eine neue Heimat bieten und gleichzeitig den kleinen Ort wieder mit Leben füllen.
Zwei syrische Familien ziehen nach Golzow. Filmemacherin Simone Catharina Gaul begleitet sie über zwei Jahre hinweg. Wie werden sich Einheimische und Flüchtlinge begegnen? Welche Erwartungen haben sie? Und wird es klappen mit der Integration?

Vielleicht sind Flüchtlinge ja auch eine Chance? Ein Lösungsansatz für den demografischen Wandel in Deutschland? Das dachte sich zumindest Frank Schütz, ehrenamtlicher Bürgermeister des ostdeutschen Dorfes Golzow.

Denn sein Dorf, das einst berühmt wurde mit dem DDR-Langzeitfilmprojekt "Die Kinder von Golzow", hat ein Problem: Ihm gehen die Kinder aus. Golzow liegt im östlichen Oderbruch, direkt an der polnischen Grenze. Seit der Wende gibt es hier kaum Arbeit, die Jungen verlassen das Dorf, um anderswo ihr Glück zu suchen. Die Alten sitzen auf Bänken vor den Wohnblocks, schauen auf die Straße und träumen von früher, von "damals, als es noch mehr Zusammenhalt gegeben hat."

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Junger Dokumentarfilm – Die neuen Kinder von Golzow

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Fadi Sayed Ahmad und Halima Taha mit ihren drei Kindern Kamala, Bourhan und Hamza. © SWR/Philipp Jester

Fadi Sayed Ahmad und Halima Taha mit ihren drei Kindern Kamala, Bourhan und Hamza. © SWR/Philipp Jester

Beim Dreh in Golzow mit Bourhan. © SWR/Philipp Jester

Bourhan. © SWR/Philipp Jester

Film-Team mit Familie. © SWR/Philipp Jester.

Flüchtlinge gegen den demografischen Wandel

850 Einwohner sind dem Dorf geblieben. Schütz will das ändern. Und als der Dorfschule die Schließung droht, ergreift der junge Bürgermeister die Initiative.
Im Sommer 2015, als sich deutsche Politiker fragen, "Wohin mit all den Flüchtlingen?", sagt Schütz: "Wir wollen sie!". Syrische Familien sollen mit ihren Kindern nach Golzow ziehen und dem Dorf den dringend benötigten Nachwuchs bringen. Sein Plan geht zunächst auf: Zwei Familien kommen, die Schule ist gerettet. Die Sayed Ahmads, eine der beiden Familien, beziehen eine kleine Wohnung und richten einen eigenen Schrebergarten für sich her. Die Kinder Kamala und Bourhan werden Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Es scheint zu klappen mit der Integration im Oderbruch.

Aber wie sieht es unter der Oberfläche aus? Nicht alle Dorfbewohner sind mit der Willkommenspolitik einverstanden. Und Halima, Fadi und die Kinder werden immer wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Das Feuerwerk beim Dorffest weckt Erinnerungen an Bomben, Krieg und Flucht. Eine Filmnacht, bei der Bürgermeister Schütz statt alter Golzow-Filme alte Filme aus Syrien zeigt, erinnert Halima schmerzlich an ihr früheres, gutes Leben.
Halima und Fadi vermissen ihr Haus, die Familie und ihren Platz in der Gesellschaft. Von angesehenen, wohlhabenden Angehörigen der syrischen Mittelschicht sind sie in Deutschland plötzlich zu Bittstellern geworden. Und auch die Rollenmuster verändern sich: Hier ist es Halima, die einen Job findet, in Syrien brachte ihr Mann das Geld nach Hause. Der Neuanfang im brandenburgischen Golzow fällt der Familie nicht leicht. Nur den Kindern gefällt es ganz prima in Golzow, das so "klein ist wie eine Ameise."

Bourhan, der achtjährige Sohn, findet im Dorf sogar einen Ersatzopa: Bodo, der eigentlich gar nicht gut findet, dass so viele Flüchtlinge nach Deutschland wollen. Er hat Bourhan zufällig beim Angeln kennengelernt und beschlossen, sich des Jungen anzunehmen. Bald bringt er Bourhan selbst das Angeln bei.

Der Film zeigt das Golzower Integrationsexperiment in vielen Facetten. Simone Catharina Gaul und ihr Team haben über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren viele berührende und teils komische Momente des Aufeinandertreffens eingefangen. Aber auch aggressive Auseinandersetzungen. Eine tragische Szene zeigt eine nächtliche Bürgerversammlung, bei der das wütende Dorf verhindern will, dass "100 junge Flüchtlingsmänner" in der Turnhalle untergebracht werden sollen. Mittendrin: Fadi und Halima.
Der Film begleitet Familie Sayed Ahmad bei all dem unaufgeregt und unkommentiert. Gleichzeitig können wir die Golzower beobachten, wie sie sich durch die neuen Nachbarn verändern. Und wie der eine oder andere von ihnen seine Vorurteile verliert. Wie Bodo es ausdrückt: "Ich bin eigentlich dagegen. Aber dann hab ich die Menschen ja kennengelernt".
Und genau darum geht es in diesem Film: Ums Kennenlernen. Und um die Suche nach einer neuen Heimat.

Produktionsnotiz

Eine Gemeinschaftsproduktion von INDI FILM, dem SWR und dem MDR für die Reihe »Junger Dokumentarfilm« in Zusammenarbeit mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg.

"Ferne Heimat – Die neuen Kinder von Golzow" lief im Internationalen Programm von DOK Leipzig 2017.


Sendung vom

Do, 18.10.2018 | 23:45 Uhr

SWR Fernsehen