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Zeugen Jehovas Ein Aussteiger erzählt

Wer aktiver Zeuge Jehovas ist, ist Teil einer weltweiten Glaubens-Familie, die in der Regel das ganze Leben bestimmt. Aber dieses Familienleben hat Schattenseiten. Und wer sich entscheidet, die Gemeinschaft zu verlassen, verliert oft sämtliche sozialen Kontakte.

Menschen werden in einem Pool in einer Kongresshalle getauft

Internationaler Kongress der Zeugen Jehovas in Zagreb 2015

Über seine Mutter kam Walter Schöning zu den Zeugen Jehovas. Als Kind erlebte er die Zeit in der Gemeinschaft vor allem als Zwang. Walter Schöning: "Dass man ja vor der bösen Welt immer Acht geben muss, Fußballstars oder Spiderman, das ist ja Götzendienst, man sollte ja auch aufpassen, was man fühlt, keine Eifersucht, keine Wut – das sind ja alles negative Gefühle, da kann dich der Satan ja versuchen."

Gefühl der Befreiung

Porträt Walter Schöning

Walter Schöning

Nach dem Suizid eines Freundes begannen die Zweifel. Schöning fiel in ein Loch, suchte Rat bei den Ältesten. "Und das einzige, was ich gehört habe, waren solche Sachen wie: hast du spirituelle Sachen im Haus, also suchen dich die Dämonen heim? Stärke dein Verhältnis zu Jehova, sprich: geh mehr predigen, studiere mehr, besuch die Versammlungen, werde aktiv für Jehova." Aber mit solchen Ratschlägen konnte der damals 18jährige nichts anfangen. "Ich habe an demselben Tag meiner Mutter gesagt, ich geh nicht mehr in die Versammlungen, ich will nix mehr damit zu tun haben und das war für mich befreiend", erzählt Walter Schöninig.

Ausstieg nicht bereut

Zwei Zeuginnen Jehovas ziehen mobile Infostände mit Informationsmaterial

Zeuginnen Jehovas mit mobilen Infoständen

Keine Versammlungen mehr, keine Predigtdienste, keine soziale Kontrolle. Schöning hat seinen Schritt nicht bereut. Heute lebt der 37-Jährige mit seinen beiden Kindern in der badischen Provinz. Er arbeitet als Papiermacher. Dass ihm der Ausstieg so gut gelang, erklärt er sich so: "Ich war nicht allein. Mein Vater ist ja kein Zeuge Jehova, meine Mutter war jetzt nicht auf dem Kurs mich zu meiden. Also ich hatte, wenn man das so mit anderen Aussteigergeschichten vergleicht, einen sehr sanften Ausstieg."

Soziale Ächtung

Die totale soziale Ächtung, unter der viele Aussteiger oft leiden, blieb Schöning erspart. Der redselige, aufgeschlossene junge Mann hegt keinen Hass gegen die Zeugen Jehovas. Aber findet er die Religionsgemeinschaft gefährlich? Schöning antwortet mit Ja. Nicht der Zeuge Jehova sei gefährlich, sondern die Organisation, die die Spielregeln aufstelle, erklärt er. Die Organisation dringe tief ins Privatleben der Mitglieder ein und wolle alles bestimmen. Wer sich nicht unterordne, bekomme Probleme. Und wer die Zeugen verlässt, ist oft erstmal allein.

Videoblog will Mut machen

Mit einem Videoblog auf Youtube macht Schöning Aussteigewilligen Mut. Wichtig auf dem Weg raus sei eine erste Erkenntnis. "Ja, ich bin einer Religionsgemeinschaft eingetreten und ja, ich bin hinters Licht geführt worden, ja, ich wurde manipuliert – und wenn man das schon mal selber weiß, dann hat man schon die halbe Miete des Ausstiegs gemacht."

Autor: Lukas Meyer-Blankenburg, Online: Utku Pazarkaya

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