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6. Februar - Internationaler Tag gegen Genitalverstümmelung Stoppt die Beschneidung von Frauen

Millionen Frauen weltweit werden durch Beschneidungen traumatisiert. Viele sterben an den Folgen. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Betroffenen. Menschenrechtsorganisationen versuchen zu helfen, durch Aufklärung, Beratung und psychologische Betreuung.

Awa hat viel gelitten

Awa hat viel gelitten

Awa ist 38 Jahre alt. Sie ist in Banjul, der Hauptstadt von Gambia geboren, einem kleinen westafrikanischen Land. Awa hat vier Schwestern. Als sie sieben Jahre alt war, beschloss ihre Mutter, mit ihnen ins Dorf zu gehen, um sie beschneiden zu lassen. Weibliche Genitalverstümmelung ist Alltag in vielen afrikanischen Ländern, aber auch in arabischen oder asiatischen Ländern.

asAktuellen Angaben zufolge sollen weltweit 200 Millionen Frauen betroffen sein, doch tatsächlich dürften es eher doppelt so viele sein, schätzt die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes. Widersetzen sich Mütter der grausamen archaischen Tradition, gelten ihre Töchter als "unrein" und werden von der Gemeinschaft ausgestoßen. Ihre Libido und ihr Temperament sollen kontrolliert werden. Eine unbeschnittene Frau gilt als nicht vermittelbar, egal ob die Familie in Afrika, Asien oder Europa lebt. Auch Awas Mutter unterwarf sich dem Willen der Gemeinschaft und der jahrhundertealten Tradition. Sie fürchtete, ihre Stellung in der Community zu verlieren und ihre Tochter nie standesgemäß verheiraten zu können.

Beschneidungswerkzeuge

Beschneidungswerkzeuge

Die Überlebenden sind schwer traumatisiert

Noch heute leidet Awa an den Folgen. "Ich wurde kaum betäubt. Die Beschneiderin rieb mich mit Kräutern ein, aber das linderte die Schmerzen nicht", erzählt Awa mit Tränen in den Augen. "Sie haben mich gefesselt und geknebelt und dann hielten sie mir den Mund zu." Die Beschneiderinnen benutzen Rasierklingen, Messer, Scheren und sogar Glasscherben für die Prozedur. Genäht wird die Wunde mit Bindfäden, gedrillten Tierdärmen, als Nadeln dienen nicht selten die Dornen des Akazienbaumes. Awa war danach wochenlang krank, denn häufig sind Infektionen die Folge. Die Gefahr, dass Mädchen verbluten, eine Sepsis bekommen oder sich mit Hepatitis anstecken, ist hoch. Auch werden viele Mädchen mit dem Aidserreger HIV infiziert, da die Instrumente selten steril sind und mehrfach zum Einsatz kommen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 25 Prozent der betroffenen Mädchen an den mittelbaren oder unmittelbaren Folgen des Eingriffs sterben.

Jedes vierte Mädchen stirbt an den Folgen der Genitalverstümmelung

Auch Awas Cousine starb nach der Beschneidung. Heute dürfen in Gambia Mädchen unter 15 Jahren nicht mehr beschnitten werden, doch das macht die Tradition nicht weniger grausam. Kaum einer will darüber sprechen, sagt Awa, und das, obwohl davon alle weiblichen Familienmitglieder betroffen sind: ihre Großmutter, ihre Mutter, ihre Schwestern und Cousinen wurden genitalverstümmelt. Die WHO unterscheidet drei Typen der Verstümmelung. Die radikalste Variante ist die "Infibulation". Dabei wird das gesamte äußere Geschlecht entfernt und die Schamlippen werden über der Scheide zugenäht. Diese winzige Öffnung wird nach einer Hochzeit mit roher Gewalt beim ersten Geschlechtsverkehr wieder geöffnet. Jede Geburt wird zum Martyrium. Bei der niedrigsten Form der Verstümmelung wird die Klitorisspitze entfernt, um zumindest das Lustempfinden zu unterdrücken. "Ich fühle mich nicht als Frau, wenn ich mit meinem Ehemann schlafe", sagt Awa. "Ich empfinde nichts, gar nichts. Manchmal rufe ich meine Mutter an und frage sie: Warum hast du das zugelassen, obwohl ich weiß, dass ich ihr nicht die Schuld geben kann."


In Deutschland ist Genitalverstümmelung ein eigener Straftatbestand

Seit 2013 ist weibliche Genitalverstümmelung ein eigener Straftatbestand in Deutschland und wird nach § 226a StGB mit einer Freiheitsstrafe zwischen ein und fünf Jahren bestraft. Die Tat verjährt erst nach zwanzig Jahren. Mittlerweile leben in Deutschland 65 Tausend betroffene Frauen und 15 Tausend gefährdete Mädchen, erklärt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes. Die Zahl von weiblicher Genitalverstümmelung betroffener Mädchen und Frauen habe sich innerhalb von knapp 20 Jahren fast verdreifacht. Und es werden immer mehr, denn viele Flüchtlingsfrauen kommen aus Ländern wie Eritrea, Somalia, dem Irak oder dem Sudan. "Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Migration aus Ländern, in denen es zur Tradition gehört, Mädchen zu beschneiden, muss dringend mehr in Aufklärung und Prävention investiert werden", betont Christa Stolle.

Aus- und Weiterbildung für das Fachpersonal

"Damit rechtzeitig erkannt wird, wer gefährdet und betroffen ist, brauchen wir zudem verpflichtende Aus- und Weiterbildungen für Fachpersonal aus medizinischen, pädagogischen, sozialen sowie juristischen Berufen und für Angestellte der Kinder- und Jugendhilfe", fordert Christa Stolle. "Nur so wird es möglich sein, dass die Zahl Betroffener und Gefährdeter nicht weiter in Deutschland ansteigt", meint sie.

Dazu kommt: Viele beschnittene Frauen, die aus Afrika nach Deutschland kommen, sehen sich als ganz "normale" Frauen, als rein und hygienisch. Ihnen wird erst allmählich bewusst, dass sie Überlebende schwerer Menschenrechtsverletzungen sind und sie ein Recht auf ein erfüllendes Liebesleben haben. Deshalb empfehlen Experten, mehr Informationen an die Hand zu geben und Fortbildungen anzubieten, damit betroffene Frauen Ansprechpartner finden. as

Ferienbeschneidungen sind üblich geworden

Die wohl größte Gefahr seien Ferienbeschneidungen, erklärt Charlotte Weil von Terre des Femmes. Die Eltern bringen ihre Töchter über die Sommerferien ins Ausland, in die alte Heimat oder nach Paris oder Amsterdam. Aber auch das ist strafbar in Deutschland und kann zu einer Freiheitsstrafte bis zu zehn Jahren geahndet werden. Terre des Femmes arbeitet mit sogenannten Change Agents, Frauen, die selbst aus den Communities kommen und über Genitalverstümmelung und die Folgen aufklären sollen. Integrationsarbeit sei ein wichtiger Schlüssel, um Zugang zu den Communities zu bekommen. Nur wer in der deutschen Gesellschaft integriert sei, so Weil, könne auch den Schritt in die Unabhängigkeit wagen und gegen die archaische Tradition aufbegehren. Und den Betroffenen kann geholfen werden. Durch psychologische Betreuung und Rekonstruktionsoperationen.