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Bundestagswahl 2017 So bunt ist der Bundestag

Nach so vielen Jahren Einwanderung sollte es eigentlich Normalität sein: Parlamentarier mit migrantischen Wurzeln. Ist es aber nicht.

Cem Özdemir erinnert sich noch gut daran, wie alle geschaut haben, als er 1994 in den Bundestag einzog. Ein Kind türkischer Gastarbeiter! Jetzt Parlamentarier! In den Gesichtern der deutschen Abgeordneten große Fragezeichen. Sie fragten sich, ob einer jetzt auf dem fliegenden Teppich komme, so Özdemir:  „Hat er vielleicht seine Aldi-Tüte dabei mit den Kopftüchern für die Frauen, vielleicht noch ein Beschneidungsmesser für die Männer?"

Irgendwann hätten sie aber bemerkt, dass er ein ganz normaler Abgeordneter sei, der versuche, die Interessen seines Wahlkreises zu vertreten und "es ist ein bisschen Normalität eingezogen“, sagt Özdemir, heute Vorsitzender und Spitzenkandidat der Grünen.

6% der Abgeordneten stammen aus dem Ausland

1994 gab es gerade Mal zwei Abgeordnete mit ausländischen Wurzeln im Bundestag. Heute sind es 37. Ihre Familien kommen aus der Türkei, aus der Ukraine oder aus den Niederlanden. Zwei Abgeordnete haben ihre Wurzeln in Afrika, im Senegal. Schaut man sich alle Abgeordneten an, sind jene mit Migrationshintergrund klar in der Minderheit. Sie machen 6 % der Parlamentarier aus  – obwohl in Deutschland 20 % der Menschen aus Einwanderer-Familien stammen.

Sevim Dagdelen

Sevim Dagdelen (Linke), Bundestagsfraktion, Sprecherin für internationale Beziehungen

Wichtig ist die Arbeit, die sie tun

Die Abgeordnete der Linken Sevim Dagdelen sieht darin kein Problem: „Wir könnten auch fragen, warum sitzen so wenig Arbeiter oder so wenig alleinerziehende Frauen im Bundestag“, entgegnet sie.  Ihr käme es darauf an, welche Politik vertreten würde, unabhängig von der Herkunft. Dagdelen wurde in Duisburg geboren und ist seit 2005 im Bundestag.

Ideal und Wirklichkeit

Cem Özdemir bezeichnet sich gerne selbst als anatolischen Schwaben. Schubladendenken hat im Bundestag nichts zu suchen,  findet der Grünen-Chef: Es dürfe keine Rolle spielen woher jemand kommt. Das Ideal sollte sein. Jemand mit Migrationshintergrund übernehme nicht den Bereich Migrationspolitik. „Auch jemand, der seine Vorfahren auf die Schlacht am Teutoburger Wald gegen die Römer zurückführen kann, kann sich auch um das Thema Integration und Flüchtlinge kümmern und jemand mit Migrationshintergrund macht Finanzpolitik oder Mobilität von morgen.“

Soweit das Ideal. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Diese Erfahrung macht Sevim Dagdelen. Abgeordnete mit ausländischer Abstammung haben es schwerer, sagt sie. Sowohl im Bundestag als auch in ihrer Fraktion gebe es Hemmungen und Hürden, wenn bestimmte Positionen Menschen mit Migrationshintergrund machen sollen, meint sie: „Ich weiß nicht, ob das ein verkappter Rassismus ist oder nicht, oder ob es unbewusst ist,  weil man  bestimmte Stereotypen im Kopf hat.“ Sie findet: da müsse man noch dran arbeiten.

Weg von der ethnischen Brille

Sevim Dagdelen macht Außenpolitik, kritisiert den türkischen Präsidenten Erdogan immer wieder heftig. Dafür wird sie auch von Türken in Deutschland angegriffen. Bis hin zu Morddrohungen. Auch Cem Özdemir hat es mit rassistischen Beleidigungen zu tun. Abgeordnete mit ausländischen Wurzeln sind dann eben doch noch keine Normalität – auch wenn Özdemir sich wünscht, „dass wir in Deutschland wegkommen von dieser ethnischen Brille, und danach urteilt, ob jemand ein „Kerle“ ist, wie man im Schwäbischen sagt oder eine Lady – oder eben nicht.“

Autor: Matthias Zahn, online: Anna Koktsidou