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Neuerscheinung Das migrationspolitische Vermächtnis des Klaus J. Bade

Er ist wohl der bekannteste Migrationsforscher Deutschlands, zudem Politikbegleiter und Politikberater : Klaus Bade. Sein umfangreiches Werk - von der "Gastarbeiterfrage" bis zur "Flüchtlingskrise"  - fasst er zusammen in seinem neuen Buch. Eine Rezension von Karl-Heinz Meier-Braun.

Klaus J.Bade

Der Migrationsforscher Klaus J.Bade

Der Migrationsdruck auf die Grenzen Europas sei Ausdruck einer historisch neuen globalen Krisensituation – so eine gängige Einschätzung der aktuellen sogenannten Flüchtlingskrise. Das alles wird oft verbunden mit der politischen Ausflucht: „Niemand konnte voraussehen, dass …" Dem widerspricht Prof.Klaus J. Bade ganz entschieden in seinem migrationspolitischen Vermächtnis, das er jetzt vorgelegt hat.

Der bekannteste Migrationsforscher Deutschlands, Politikbegleiter und Politikberater sagt vielmehr: neu sei, wie so oft in Sachen Migration und Integration, nicht die Krise, sondern nur die späte Erkenntnis ihrer Folgen. "Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen", so Bade in seiner typischen Art und Weise, mit der er die Politik im Laufe der Jahre immer wieder "auf die Palme gebracht" hat.

Pionier der Migrationsgeschichte

Über 30 Jahre lang war Klaus Bade  oft ein einsamer Mahner in der Wüste  in Sachen Einwanderungsland Deutschland, das die Politik einfach nicht wahrhaben wollte.  Bade hat als Pionier die Migrationsforschung in Deutschland maßgeblich vorangebracht, hat beispielsweise den Rat für Migration (RfM) gegründet. Seine Mahnungen und Warnungen gehen mit dem "Manifest der 60" bis zum Jahre 1993 und später zurück.

Neu – so Bade – sei also nicht die "Migrationskrise", sondern die späte Akzeptanz der dazu schon lange vorliegenden Erkenntnisse, Warnungen und Mahnungen. Zu den Lebenserfahrungen des Grenzgängers zwischen Migrationsforschung und Migrationspolitik gehört die lange anhaltende Spannung zwischen  wissenschaftlicher Forschung und der Erkenntnisverweigerung auf der Seiten der Politik.

Vom "Gastarbeiter" bis zum "Flüchtling"

In seinem Buch präsentiert Bade eine Auswahl seiner Medientexte, Vorträge und gutachterlichen Stellungnahmen, von der "Gastarbeiterfrage" bis zur "Flüchtlingskrise" von heute. Das über 600 Seiten starke Werk ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil mit Einführungen zu einzelnen Kapiteln der Beiträge-Sammlung, so dass man diesen Teil auch am Stück lesen kann. Der zweite viel umfangreichere Teil enthält dann die Beiträge selbst mit einem Inhaltsverzeichnis. So ist es möglich und eigentlich ratsam, sich die jeweils interessierenden Beiträge herauszugreifen und das umfangreiche Werk – im Laufe der Jahre ist eben einiges zusammengekommen – nicht unbedingt am Stück zu lesen.

Mit der Sammlung wird die jüngere Geschichte des Diskurses um die Forschung der Migration mit all ihren Kontroversen in Deutschland sichtbar. Das alles in Verbindung mit der Person Bade, von Haus aus Historiker, seinem Engagement und seinen Erinnerungen, den Anfechtungen, denen er von Politik, Teilen der Wissenschaft und einigen Medienvertretern  ausgesetzt war.

Kritischer Beobachter und Mahner

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Natürlich konnte niemand absehen, was sich im Wanderungsgeschehen wann, wo und wie ereignen würde. Aber dass der weltweite Migrationsdruck zunehmen und auch Europa erreichen dürfte, das konnte man sehr wohl wissen, schreibt Bade.  Auch der durch Angela Merkels mutige drei Worte "Wir schaffen das!" versehentlich  ausgelöste Schabowski-Effekt (eine Anspielung an die DDR) im Wanderungsgeschehen sei deshalb so unerwartbar nicht gewesen. Wie immer nimmt Klaus Bade auch heute kein Blatt vor den Mund und erinnert an die "dunkle Kehrseite" von Merkels Worten. Dabei kritisiert er die "Flüchtlingsabwehr" und bringt es auf den Nenner: "Wir schaffen es, die Flüchtlinge fernzuhalten… in einer Mischung von Zuckerbrot und Peitsche."

Bereits im Jahre 2000 schrieb Bade der Politik folgendes ins Stammbuch: "Solange das Pendant der Abwehr von Flüchtlingen aus der 'Dritten Welt', die Bekämpfung der Fluchtursachen in den Ausgangsräumen, fehlt, bleibt diese Abwehr ein historischer Skandal, an dem künftige Generationen das Humanitätsverständnis Europas im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert bemessen werden." Und aktuell fügt er hinzu: "Bei der Flüchtlingsabwehr gibt es eine Art legitimatorischen Schaukeleffekt: Je unsicherer die Bevölkerung wird bzw. je unsicherer sie gemacht wird, desto leichter lassen sich inhumane Abwehrkonzepte legitimieren. Das gilt zum Beispiel für Verträge mit selbst Flucht verursachenden brutalen Diktaturen wie in Eritrea und im Sudan."

Alles in allem ist das Buch ein weiteres Verdienst von Klaus J. Bade, mehr als ein  migrationspolitisches Testament, das gerade in diesen Tagen so wichtig ist und das einen hohen Stellenwert in der Migrationsgeschichte einnimmt. Bade macht sein Werk sogar durch eine kostenfrei zugängliche Internetversion einem breiten Publikum zugänglich:

Klaus J. Bade:  Migration – Flucht – Integration.  Kritische Politikbegleitung  von der ›Gastarbeiterfrage‹ bis zur ›Flüchtlingskrise‹. Erinnerungen und Beiträge  Von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe April 2017 ISBN 978-3-86059-350-9, ca. 650 S., € 32,-  Subskriptionspreis bis 30.4.2017: € 25,-
http://www.ariadne.de/detail/index/sArticle/9078/sCategory/22

Hybride Publikation mit Open Access / frei zugänglich ab 21.4.2017 unter: https://www.imis.uni-osnabrueck.de/fileadmin/4_Publikationen/PDFs/Bade_Migration.pdf

Rezension von: Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun, langjähriger Redaktionsleiter und Integrationsbeauftragter des SWR, ist Mitglied im Rat für Migration und arbeitet seit seiner Gründung im Kuratorium des Forums mit. Gerade ist die 3., völlig aktualisierte Neuauflage seines Buches im C.H.Beck Verlag (Einwanderung und Asyl. Die 101 wichtigsten Fragen) erschienen.