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Erinnerung an ein Verbrechen Das Leiden der Jesiden ist noch nicht zu Ende

Es war ein Menschheitsverbrechen, das vor vier Jahren begann. Anfang August 2014 überfiel der sogenannte Islamische Staat das Siedlungsgebiet der Jesiden im Nordirak. Jesiden in Baden-Württemberg erinnern daran.

Iklas ist im Rahmen des baden-württembergischen Sonderprogramms für 1000 traumatisierte Jesidinnen nach Stuttgart gekommen. In Stuttgart hat sie für die Erinnerung an die Opfer demonstriert. Sie erzählt ihre Geschichte - aber ihr Gesicht will sie nicht zeigen.

Es waren die ersten Tage im August 2014 im Nordirak. Anhänger des IS überfielen die friedlichen Dörfer und Städte der Jesiden. Sie ermordeten Tausende Männer und Frauen und verschleppten Mädchen und junge Frauen.  Iklas war 14 Jahre alt, als sie in die Hände der Terroristen fiel: „ Ich war bei meiner Familie. Der IS hat meinen Vater vor meinen Augen getötet und uns mitgenommen. Ich war sechs Monate in Gefangenschaft. Das war sehr schwer für mich. Jeden Tag geschlagen und jeden Tag … also das war sehr schwer.“

Täglich Gewalt ausgesetzt

Iklas wurde von Anhängern des Islamischen Staates missbraucht – so wie Tausende jesidische Frauen und Mädchen: „ Einmal habe ich zu einem IS-Anhänger gesagt: „Was willst du von mir? Ich bin ein Kind! Was willst du! Du hast auch Geschwister. Und du hast keine Angst, dass jemand zu deiner Schwerster kommt und mit ihr so etwas macht, wie du? Er hat gesagt: „Nein, du bist kein Kind und die Jesiden und Christen sind Kuffar, Ungläubige, deswegen.“

Drei Mal hat Iklas vergeblich versucht zu fliehen. Dann gelang es ihr und zwei Freundinnen ein Handy zu klauen. Sie rief einen ihrer Brüder an, sagte ihm, wo sie gefangen gehalten wurde – so bekam sie Hilfe.

Das baden-württembergische Sonderprogramm

Iklas ist eine von mehr als 1000 traumatisierten Frauen und Mädchen aus dem Nordirak, die das Land Baden-Württemberg in einer einzigartigen humanitären Aktion nach Deutschland geholt hat. Sie konnte im Rahmen des Sonderprogramms eine Therapie machen. Die habe ihr sehr geholfen, erzählt sie. Doch die Schrecken sind nicht vorbei. Die junge Frau trauert um ihren ermordeten Vater. Zwei Brüder und eine ältere Schwester sind wie Tausende andere Jesiden verschollen. Bis heute weiß sie nicht, ob sie noch leben.

Nach Angaben des Zentralrats der Jesiden in Deutschland müssen auch heute noch mehr als 300.000 Jesiden in Lagern im Nordirak ausharren. Die Millionenhilfen für den Irak kämen bei den Jesiden nicht an, beklagen sie.

"Die Welt schläft!"

Iklas wünscht sich die Befreiung, der noch beim IS gefangenen Frauen. Die Welt schläft, sagt sie: „Die brauchen Hilfe und die Welt und die Leute sehen, dass die Jesiden Hilfe brauchen.“

Wenn man die jungen Jesiden nach ihren Zukunftsplänen fragt, dann hellen sich ihre traurigen Gesichter auf. So wie bei Iklas. Die heute 18-jährige möchte Jura studieren. Zwei Praktika in einer Anwaltskanzlei habe sie schon absolviert.

Text: Utku Pazarkaya; Online: Anna Koktsidou