Bitte warten...

Blickpunkt Europa - Teil 1 Europa - eine Garantie für den Frieden

Was die ältere Generation an der EU schätzt

70 Jahre Frieden in Europa – das erscheint uns heute als etwas Selbstverständliches. Doch das ist es nicht. Besonders der älteren Generation ist das bewusst. Als am 8. Mai der Zweiten Weltkriege zu Ende war, waren beispielsweise die deutsch-französischen Beziehungen noch lange Zeit belastet.

Mitterand und Kohl reichen sich 1984 die Hand an den Gräbern von Verdun

Der französische Präsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich 1984 an den Gräbern von Verdun die Hand.

Frankreich ist der Erbfeind, der Deutschland einnehmen will – das war im Prinzip alles, was Philipp Münch während der Zeit des Naziregimes in der Schule über das Nachbarland erfuhr. Dass die Franzosen eigentlich nette Menschen sind wie du und ich, lernte der 89-Jährige durch die Erzählungen seines Großvaters.

Der hatte im Ersten Weltkrieg in Verdun gekämpft. „An Weihnachten stellten die Soldaten einen Christbaum an der Grenze auf, die Franzosen brachten Rotwein mit und es wurde gemeinsam gefeiert und erzählt. Eine Stunde später wurde wieder aufeinander geschossen“, sagt Philipp Münch. Als kleiner Junge habe ihn diese Erzählung seines Großvaters immer ziemlich mitgenommen.


Warnung vor dem Erbfeind

Er war 18 Jahre alt als nach Kriegsende im zerstörten Mainz neben ihm eine Limousine hielt und ihn ein Franzose nach dem Weg fragte. Als Dankeschön, weil er so freundlich war, brachte ein paar Tage später ein Chauffeur einen Sack Kohle bei den Eltern vorbei. Außerdem fragte er Philipp Münch, ob er Interesse an einem Job auf der Mainzer Zitadelle habe, wo die Franzosen eine Kulturabteilung eingerichtet hatten. Seine Freunde warnten ihn vor dem Erbfeind. Doch er hatte die Geschichte seines Großvaters im Kopf und ging hin.

Angst, dass Europa in alte Zeiten zurückfallen könnte

Die Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen ist für ihn seitdem eine Herzensangelegenheit. Vor allem aber die Idee eines vereinten Europas begeisterte ihn. Der 89-Jährige freut sich immer, wenn er sieht, wie selbstverständlich heute deutsche und französische Schüler oder Sportvereine miteinander Kontakt haben. Doch angesichts der Äußerungen vieler Politiker hat er Angst, dass Europa wieder in alte Zeiten zurückfallen könnte.  

Begeisterung für die europäische Idee


Mit Vorbehalten gegenüber dem Nachbarland ist auch die 78jährige Französin Françoise Despalles groß geworden. Ihr Vater war lange in Pommern in Kriegsgefangenschaft und starb an den Folgen. Für ihre Familie war es deshalb nur schwer zu akzeptieren, als sie in den 60er Jahren in Paris ihren deutschen Mann Johannes kennen lernte und zu ihm nach Mainz zog.

Es war fast so etwas wie Verrat, sagt sie. Um etwas für die Versöhnung zwischen den beiden Ländern zu tun, setzte sie sich in ihrer neuen Heimat Deutschland für die Friedensbewegung ein. Das geeinte Europa garantiert ihrer Meinung nach den Frieden. Sie glaubt, dass Grenzkontrollen innerhalb Europas und nationale Abschottung den Beziehungen zwischen den Ländern nicht guttun würden. 

Nationalstaaten als überholtes Konstrukt

Die Politiker in Europa verlieren ihrer Meinung nach den sozialen Aspekt aus den Augen. Sie beobachtet, dass viele Menschen hätten Angst, ins soziale Abseits geraten. Aber das sei kein Grund, die Grenzen innerhalb Europas zu schließen.

Die Idee der Nationalstaaten halten sie und ihr Mann Johannes Strugalla für ein überholtes Konstrukt. Françoise Despalles selbst fühlt sich nicht als Deutsche aber auch nicht mehr als Französin. Sie sei Europäerin, sagt sie von sich.