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Klimawandel oder fehlender Lebensraum? Deshalb sterben Insekten im Regenwald

Nicht nur in Deutschland, auch im tropischen Regenwald sinkt der Insektenbestand dramatisch. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie. Die Ursache für das Insektensterben dort ist eine andere als in Deutschland.

Insektensterben in den Tropen hat andere Ursachen

Im Oktober 2017 erschien eine Studie von Forschern aus Krefeld, nach der die Zahl der Insekten in manchen Regionen Deutschlands um bis zu 75 Prozent zurückgegangen ist.

Nun veröffentlichte das US-amerikanische Wissenschaftsmagazin PNAS eine Studie zweier Biologen aus Puerto Rico. Sie ermittelten einen deutlichen Rückgang von Insekten, Spinnentieren und weiteren Gliederfüßern im tropischen Regenwald auf Puerto Rico.

Ein Vertreter tropischer Insektenarten: der Blaue Morphofalter (Morpho peleides), eine mittelamerikanische Schmetterling-Art.

Ein Vertreter tropischer Insektenarten: der Blaue Morphofalter (Morpho peleides), eine mittelamerikanische Schmetterling-Art.

Menge gesammelter Insekten nimmt stark ab

Die Forscher fingen Insekten an zwei Punkten mit Sammelnetzen, die mit einem Kescher vergleichbar sind und mit Klebfallen, an denen gefangene Insekten haften bleiben. Die Sammlungen wurden 1976 und 2013 durchgeführt und für die Studie miteinander verglichen. Die Wissenschaftler trennten die Fänge nicht nach Insektenarten. Sie interessierten sich vorrangig für die Masse der gefangenen Insekten in ihren Fallen.

Die Studie zeigt ein drastisches Insektensterben im tropischen Luquillo-Regenwald auf Puerto Rico. Ihr Ergebnis: Im Jahr 2013 fingen die Biologen deutlich weniger Insekten, Spinnentiere und andere Gliederfüßer als 1976 zum Zeitpunkt der ersten Zählung. In den Sammelnetzen sank die Masse an gefangenen Insekten auf ein Viertel bis ein Achtel. An den Klebefallen fingen die Wissenschaftler gar sechzigmal weniger Insekten. Und dieser starke Rückgang trat auf, obwohl der Luquillo-Regenwald ein geschütztes Habitat für Flora und Fauna ist.

Klimaerwärmung in Tropen bedroht Insekten und Gliederfüßer

Die Studie macht den Klimawandel für das Insektensterben auf Puerto Rico verantwortlich. Die US-Forscher verzeichneten im Untersuchungszeitraum auf der Karibikinsel einen Temperaturanstieg. Die erhöhte Temperatur gilt als Ursache für den Rückgang der Fangzahlen.

Denn im Gegensatz zur heimischen Fauna in Mitteleuropa kennen Tierarten in tropischen Gebieten keine jahreszeitlichen Temperaturschwankungen. Tropische Insektenarten sind bereits bei einer leichten Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur bedroht.

Lars Krogmann

Der Insektenforscher Lars Krogmann

Der Insektenkundler Dr. Lars Krogmann forscht am Naturkundemuseum in Stuttgart. Der Entomologe vergleicht die Ergebnisse der neuen Studie aus Puerto Rico mit der aus Deutschland aus dem vergangenen Jahr.

Bei beiden Studien war die Masse der gefangenen Insekten am Ende der Untersuchungszeit deutlich kleiner. Hat das Insektensterben bei uns und im Regenwald die gleichen Gründe?

Die Studie aus Krefeld von 2017 nannte als Hauptursache für den Rückgang der Insekten die Veränderung der Landschaft. Die industrielle Landwirtschaft in Europa verbraucht Flächen für Monokulturen. Große Felder ohne Randstreifen zerschneiden die Verbreitungswege für Insekten. Der Einsatz von Pestiziden bedroht die Insekten zusätzlich.

Die Untersuchungsflächen in der Studie auf Puerto Rico lagen dagegen weit entfernt von agrarisch genutzten Flächen. Selbst in geschlossenen tropischen Regenwäldern, wo man denkt, die Welt sei noch in Ordnung, haben wir Ursachen wie den Klimawandel. Sie bedrohen die Artenvielfalt stark.

Die Ursachen des Insektensterbens sind komplett unterschiedlich. Ist es also Zufall, dass Forscher nahezu zeitgleich in Deutschland und im Regenwald einen Rückgang an Insekten beobachten?

Nein, das gleiche Ergebnis der beiden Studien ist sicher kein Zufall. Die Ursachen beider Studien – der Flächenverbrauch und der Temperaturanstieg – lassen sich natürlich auf den Menschen zurückführen. Die neue Studie erweitert jetzt die Diskussion, weil sie zeigt: weltweit gibt es das Problem des Insektensterbens.

Heuschrecken, Libellen, Schmetterlinge: Vertreter der Insekten nehmen im tropischen Regenwald und in Deutschland ab.

Heuschrecken, Libellen, Schmetterlinge: Vertreter der Insekten nehmen im tropischen Regenwald und in Deutschland ab.

Wie sollte aus Ihrer Sicht auf das weltweite Insektensterben reagiert werden?

Wir brauchen jetzt gar keine neuen Studien mehr. Die Wissenschaft ist sich schon lange einig, wo die Hauptursachen in Mitteleuropa liegen und wo sie in den Tropen sind.

Jetzt kommt es nur darauf an, durch gezielte und gemeinsame Maßnahmen zwischen Industrie, Politik, Wissenschaft und den Bürgern endlich noch die Kurve zu bekommen. Die Insekten sind wichtige Bestandteile des Nahrungsnetzes. Gibt es weniger Insekten, finden die Tiere weniger Nahrung, die sich von Insekten ernähren, beispielsweise Vögel und Fledermäuse. Das nennt man Kaskadeneffekt: Eine Art stirbt aus, und viele Arten, die von dieser Art abhängen, sterben auch aus.

Der Klimawandel ist sicher eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Es ist traurig, wie wenig die Politik auf die Wissenschaft gehört hat. Spätestens seit den Siebzigerjahren weisen Wissenschaftler auf die Folgen zurückgehender Insektenbestände hin.