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Ökologie Borkenkäfer: So extrem wird 2019

Gespräch mit Hans Werner Schröck

Die Gefahr durch Borkenkäfer steigt nach der extremen Dürre im letzten Sommer rasant an. Nach einer Prognose könnten die Tiere 2019 einen Schaden von etwa 100 Millionen Euro bei Waldbesitzern in Baden-Württemberg anrichten. SWR2 Impuls im Gespräch mit Hans-Werner Schröck, Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz.

Wie hoch ist die Gefahr einer Borkenkäfer-Invasion in diesem Jahr?

Wir haben im letzten Jahr drei komplette Generationen Borkenkäfer, die sich entwickelt haben. Das heißt, das Potential an Käfern, die dieses Jahr entweder aus dem Boden oder aus den Bäumen ausfliegen und neue Fichten besiedeln können, ist extrem hoch.

Wann wird der Borkenkäfer Bäume befallen, und gibt es einen kritischen Schwellenwert?

Dieses Jahr beginnen die Käfer Mitte April zu fliegen. Dafür reicht eine Temperatur ab 16,5 Grad (Anm. der Redaktion: die sogenannte Schwärmschwelle). Dann fliegen die Käfer aus und fangen an, sich neuen Brutraum zu suchen. Das betrifft entweder vorgeschädigte Bäume, Windwurf, der noch am Boden liegt oder vitale Bäume, in die sich die Käfer versuchen einzubohren.

Welche Bäume sind davon besonders betroffen?

In erster Linie geht es um die Fichte und den Fichtenborkenkäfer beziehungsweise den Buchdrucker. Es gibt noch eine andere Art mit dem Namen Kupferstecher, der ebenfalls an die Fichte geht. Hier sind noch nicht die Kiefernborkenkäfer dabei, bei denen wir mit ähnlichen Problemen in diesem Jahr rechnen.

Borkenkäfer

Drei Generationen des Borkenkäfers konnten sich dank das warmen und trockenen Wetters im Jahr 2018 ausbilden und haben großen Schaden hinterlassen

Wie schädigen die Käfer konkret die Bäume?

Die Käfer brauchen Brutraum. Dieser befindet sich unter der Rinde im Kambium, wo die Käfer Eier ablegen. Die Junglarven fressen sich dann durch das Kambium. So unterbinden sie praktisch die Nährstoff- und auch zu großen Teilen die Wasserversorgung im Baum. So geht der Baum, wenn er von einer Vielzahl von Käfern befallen ist, innerhalb von wenigen Wochen kaputt.

Muss man sich jetzt nur die Fichte Sorgen machen, oder betrifft das dann auch ganze Wälder?

In allererster Linie muss man sich um die Fichte Sorgen machen, das ist das größte Problem, das wir zur Zeit haben. Wir haben noch mehrere Hunderttausend Festmeter Fichte, die noch nicht komplett aufgearbeitet sind. Und die Käfer befallen nun mal in allererster Linie geschwächte Bäume – also entweder durch Trockenheit vorgeschädigte Bäume oder Bäume, die vom Windwurf oder Schneebruch betroffen sind und bereits gebrochen am Boden liegen.

Deshalb sind auch die gesamten Forstverwaltungen, alle Förster, Waldarbeiter und Unternehmer sind momentan extrem aktiv und versuchen, in möglichst kurzer Zeit diese Fichten aufzuarbeiten. In einem zweiten Schritt muss das Material direkt verkauft und abgefahren werden, oder, wenn dies nicht möglich sein sollte, mindestens 500 Meter weit entfernt in einem fichtenfreien Waldstück gelagert werden.

Ist also die Monokultur unserer Wälder das Problem?

Jein: Ich bin immer vorsichtig, wenn ich den Begriff Monokultur höre. In Rheinland-Pfalz hat der Fichtenanteil seit den Achtzigerjahren etwa 30 Prozent abgenommen, heute haben wir weniger als 20 Prozent Fichten. Auch der Anteil der sogenannten Monokulturen ist drastisch zurückgegangen. Wir haben seit Jahren ein Unterbau-Programm, das heißt, wir pflanzen vorsorglich Buchen in die Fichtenbestände hinein, so dass wir später Mischbestände bekommen. Der Wald ist bunter geworden. Das reine Monokulturdenken trifft nicht mehr zu.

Blick von unten in die Baumkrone und den Himmel bei Waldleiningen

Der Aufbau von stabilen Wäldern ist eine Generationenaufgabe

Heißt das, der letzte Sommer ist verheerend für 2019?

Auch das stimmt nur teilweise, denn wir hatten schon eine relativ hohe Ausgangspopulation als Ausgangsmenge an Borkenkäfern aus dem Vorjahr 2017. Und dann hatten wir beginnend mit Mitte April 2018 bis Ende September 2018 optimales Borkenkäfer-Wetter. So etwas gibt es nur ganz selten. Wenn die Temperaturen hoch genug sind, können sich mehrere Generationen bilden.

Woran erkennt man dann als Laie vom Borkenkäfer befallene Bäume?

Spätestens dann, wenn die Bäume beginnen, abzusterben. Entweder wird hierbei die Krone rot und später grau - oder die Rinde fällt ab. Das lässt sich sehr gut im Wald erkennen.

Minister Hauk hat jetzt ja mehr Geld gefordert für die schnelle Wiederaufforstung von Wäldern, die von Borkenkäfern befallen sind. Ist das Ihrer Meinung nach das richtige Mittel der Wahl oder muss man anders ansetzen?

Das sind zwei Sachen. Wenn wir vorausschauend denken, müssen wir daran denken, dass wir klimastabile Wälder aufbauen. Das heißt, wir müssen von eventuell noch vorhandenen Fichten-Reinbeständen wegkommen und Mischbestände aufbauen – zum Beispiel vermehrt Buchen und Eichen auspflanzen. Die kosten aber deutlich mehr Geld, und ich könnte mir denken, dass Minister Hauk ein Problem sieht, wenn ein Waldbesitzer wenig Geld hat. Unabhängig davon, ob das ein Staats- oder Kommunalwald ist: Ein Eigentümer gibt nicht gern viel Geld aus für den Aufbau von klimastabilen Wäldern. Und deswegen wurde hier gefordert, dass da Geld fließen soll. Denn das ist letztendlich eine Generationenaufgabe.