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Die Zustimmung zur Organspende bleibt eine persönliche Entscheidung. Das hat der Bundestag entschieden. Vielen fällt es aber schwer, sich damit zu befassen: Es geht nicht nur um Fakten, sondern auch um Gefühle.

Der Bundestag hat mit seiner Entscheidung gegen die so genannte Widerspruchsregelung gleichermaßen für Aufatmen und Verärgerung gesorgt. Viele Menschen haben die aktuelle Diskussion verfolgt und sich bereits eine eigene Meinung über die Organspende gebildet.

Wie eine Organspende konkret abläuft und was das für den Organspender bedeutet, zeigt SWR Wissen in diesem Video:

Starke Emotionen bei Empfängerin und der Familie eines Organspenders

Sarah Schott aus Idar Oberstein war überglücklich, 2019 eine Spenderlunge zu bekommen und wieder frei atmen zu können. Der SWR hat sie lange begleitet. Nach der Transplantation sagte sie: „Ich bin sehr dankbar, dass die Familie und der Spender sich so entschieden haben. Und ich hoffe auch sehr, dass die Familie mit dieser Entscheidung ein bisschen Trost finden wird und dem Tod vielleicht ein bisschen Sinn gibt.“

„Die Lunge ist jetzt ja das, worauf ich am allermeisten achten werde.“

Sarah Schott hat eine Spenderlunge

Mutter aus Mainz musste schnell über ihren sterbenden Sohn entscheiden

Die andere Seite tiefgehender Emotionen wird in dem Video von „Zur Sache Rheinland-Pfalz“ beleuchtet: Nicole Sieben aus Mainz musste vor fünf Jahren die schwerste Entscheidung ihres Leben treffen: Quasi in einem Atemzug informierte sie der Arzt darüber, dass ihr 13-jähriger Sohn seinen Fahrradunfall nicht überleben werde und fragte, ob sie schon einmal über Organspende nachgedacht habe. Das empfand sie als „sehr grenzwertig“. Dennoch entschied sie sich in dieser extremen Situation für die Organspende.

Die zwei Seiten der Organspende: Sarah Schott über ihre Spenderlunge und Nicole Sieben über die Entscheidung zur Organspende bei ihrem toten Sohn:


Das Herz des eigenen Kindes in einem anderen Körper?

Dass für Angehörige solche Entscheidungen sehr stark auch von Gefühlen geleitet werden, verdeutlicht der Facebook-Kommentar von Jessy Jezz: „Also mich können die ausschlachten nach meinem Tod . Was ich aber nicht erlauben würde ist, dass die das bei meinen Kindern dürfen... ich könnte es nicht ertragen zu wissen, dass noch das Herz meines Kindes woanders schlägt.“

Vorstellungen von Ersatzteillager, Organmafia und Hirntod machen Angst

Berichte und Videos, wie der Beitrag von SWR Wissen über das Procedere bei der Organspende, haben viele Nutzer motiviert, einen persönlichen Kommentar zu schreiben. Auch untereinander wird diskutiert, mal mehr, mal weniger heftig. Zweifel und Ängste werden angesprochen:  „Allerdings habe ich durch die aktuellen Diskussionen und Berichte um das Thema Angst bekommen. Ich möchte nicht unnötig lange am Leben gehalten werden und im Zweifel doch leiden deswegen. Und wer kann sicher sagen, was man in diesem halbtoten Zustand noch wahrnimmt?!“, hat beispielsweise Sebastian Neuhaus gepostet.

Es beschäftigt Menschen, trotz aller Aufklärung nicht genau zu wissen, wie eine Organspende umgesetzt wird. Aus Bedenken werden Ängste, als menschliches Ersatzteillager zu fungieren, einer Organ-Mafia zum Opfer fallen zu können oder dass der Hirntod nicht ausreichen könnte.

„Willkommen auf der Schlachtbank!“

Auszüge aus der Diskussion auf dem Facebook-Kanal von SWR Wissen: „Wenn ich so eine Spende unterschreibe, was kann mir denn alles entnommen werden?“ – „Willkommen auf der Schlachtbank!“, schreibt ein Leser, und ein anderer: „Wenn man erst mal auf der Liste ist ... nee danke die Welt ist so korrupt.“

Dass es nicht nur um rein medizinische Fakten geht, verdeutlicht Claus Paulus: „Das sollten doch viele zu Herzen nehmen, das jeder Mensch seine persönliche Ansicht auf den Tod hat. Hirntod ist eben für viele nicht der Tod.“

„Man wartet, dass jemand stirbt“   -  „mit dem Körper noch was Gutes tun“

Ursula Hermann stellt klar: „Ich habe eine Patientenverfügung gemacht, in der steht unter anderem, dass ich an keine Maschinen angeschlossen werden will , um mich künstlich am Leben zu halten. Von daher kann ich schon gar nicht Organe spenden oder erhalten. Außerdem möchte ich nur einmal sterben.“

„Wenn ich nicht mehr da bin, könnte mein Körper eigentlich was Gutes tun.“

Frau in einer SWR-Umfrage zur Organspenderegelung

Umfrage zur Organspenderegelung nach der Bundestagsentscheidung:

Nachdenken übers Sterben und Tod – lieber nicht

Warum es manchmal so schwer ist, bei diesem Thema zu einem Entschluss zu kommen, liegt nicht nur an der Art und dem Umfang an Informationen. Menschen denken nicht gerne über ihren eigenen Tod oder den von Familienangehörigen nach.

So ist das auch häufig bei ähnlichen Themen wie Regelungen für die eigene Bestattung, Erbschaft oder die Patientenverfügung. Unangenehmes, das die Gefühle durcheinanderwirbelt, lassen viele erst an sich heran, wenn das Thema im Umfeld akut wird: die Tante, die Leukämie hat oder der Freund, der dringend eine Spenderniere benötigt.

"Die regelmäßige Abfrage der Organspende-Bereitschaft kann dazu beitragen, die Menschen stärker als heute für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren."

Ärztepräsident Klaus Reinhardt über die Zustimmungsregelung zur Organspende

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