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Die Schilderungen von Magdalena Werner über die traumatisierende Geburt ihrer Zwillinge hat aufgerüttelt. 4,2 Millionen Menschen haben das Video der SWR-Sendung „mal ehrlich“ bei Facebook gesehen, über elftausend kommentiert - der Tenor: Endlich spricht jemand über dieses Thema.

Mehr als 1000 Zuschriften erreichten den SWR im Anschluss an die Sendung. Viele Frauen berichteten über ähnlich negative Erfahrungen. Für den SWR Grund nachzufragen und mit Experten, Politikern und weiteren Betroffenen zu sprechen: Wird Kinderkriegen riskanter?

Christine Eigenbrod war eine der Frauen, die sich nach der ersten Sendung an den SWR wandten. Sie ist vor vier Jahren das erste Mal Mutter geworden und schildert drastisch Untersuchungen durch eine Hebamme und eine Ärztin, vergleicht diese sogar mit einer Vergewaltigung.

Ihre Schilderungen sehen Sie hier im Video:

Keine Reaktion der Hebammen und Ärzte

Doch wie mit einer solchen Erfahrung umgehen? An wen kann man sich wenden? Ein Gespräch mit dem Chefarzt verlief für Christine Eigenbrod unbefriedigend, eine Reaktion der beteiligten Hebamme und Ärztin blieb aus. Doch für Christine Eigenbrod war klar, dass sie dieses traumatische Erlebnis nicht auf sich beruhen lassen wollte.

Um damit abzuschließen machte sie am "Roses Revolution Tag" mit, legte eine Rose vor dem Kreißsaal in der Mannheimer Klinik ab. Die Reaktion des Krankenhauses: Hausverbot per Einschreiben für Christine Eigenbrod. statt das eigene Handeln zu hinterfragen.

Das Schlimme war, ich habe mich schuldig gefühlt. Ich erlebe etwas Furchtbares [...] das mich mein Leben lang beschäftigen wird, und dafür werde ich kriminalisiert, [...] weil ich es wage, solche Missstände anzuprangern.  

Christine Eigenbrod

Der Kreißsaal als rechtsfreier Raum?

Uli Bahsler ist der Lebensgefährte von Magdalena Werner, die in der ersten Ausgabe von „mal ehrlich“ ihre Erlebnisse von der Gewalt im Kreißsaal schilderte. Er ringt mit den Tränen. als seine Sicht auf die Ereignisse im Kreißsaal schildert - auch für ihn traumatisierend und psychisch belastend. Jetzt, zehn Monate nach der Geburt seiner Zwillinge ist für ihn und die junge Familie noch kein Alltag eingekehrt. Bahsler kämpft mit Schlafstörungen und Angstschüben.

Er empfindet den Kreißsaal als einen rechtsfreien Raum, in dem Dinge geschahen, gegen die er sich in der Situation nicht wehren konnte. Dinge, die aber auch rechtlich später keine Konsequenzen haben werden, weil er als Betroffener in der Pflicht ist, den Sachverhalt beweisen zu müssen.

HIer sehen Sie seine drastischen Schilderungen

Mutiger Schritt in die Öffentlichkeit

Besonders belastend für die junge Familie war, dass es nach diesen traumatischen Erfahrungen kaum jemanden gab, mit dem sie über ihr erfahrenes Unrecht sprechen konnten. Hilfe fand die Familie dann bei einem Verein, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und Familien Mut macht.

Es ist so, dass es in dieser Gesellschaft kein Thema ist. Ich weiß nicht, wie viele Monate wir niemanden gefunden haben, mit de wir darüber sprechen können, weil alle gesagt haben, es gehört zu einer Geburt dazu.

Uli Bahsler

Umso mutiger empfindet er den Schritt seiner Frau, die Kraft aufzubringen damit an die Öffentlichkeit zu gehen, um auch weiteren Betroffenen Mut zu machen für die eigenen Rechte zu kämpfen und die Öffentlichkeit über ein strukturelles Problem in Krankenhäusern zu informieren.

Gewalt in der Geburtshilfe Thema unter Hebammen und Ärzten

Unter Hebammen und Ärzten ist das schon länger ein Thema, wie Ingrid Mollnar, Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Hebammen-Verbands, dem SWR bestätigte.

Arzt und Wissenschaftsjournalist Dr. Werner Bartens erkennt einen „Strukturfehler im System“, wie er sagte. Denn ein präsenzintensives Fach wie die Geburtshilfe brauche viel Personal. Das sei im Effizienzsteigerungsdenken und im kaufmännischen Kalkül vieler Krankenhäuser aber nicht vorhanden.

Und auch Sylvia Ottmüller, Oberärztin Geburtshilfe am Krankenhaus in Stuttgart sieht den wachsenden ökonomischen Druck kritisch.

Anja Lehnert ist Hebamme und auch bereits in der ersten „mal ehrlich-Sendung“ zu Gast. Sie ist froh darüber, dass nun das Thema Gewalt in der Geburtshilfe auch mehr Aufmerksamkeit in einer breiten Öffentlichkeit erfährt.

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