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Was viele Frauen nicht wissen: Die besten Eizellen gibt der Körper lange vor dem Zeitpunkt aus, wo der Wunsch nach Kindern akut wird. SWR-Redakteurin Sarah Stein im Gespräch mit dem Reproduktionsmediziner Prof. Thomas Steck über Wahrscheinlichkeiten und der Rolle des Glücks bei der Kinderwunsch-Behandlung.

Herr Professor Steck, Sie arbeiten in Mainz in einer privaten Kinderwunschklinik, haben viele Jahre als Chefarzt Frauenkliniken in Deutschland geleitet. Ist das Thema „unerfüllter Kinderwunsch“ eines der letzten großen Tabus?

Prof. Thomas Steck: Es wandelt sich. Die Bereitschaft, eine Kinderwunschbehandlung in Anspruch zu nehmen, hat sicherlich in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Man spricht heute auch offener darüber – mit weniger Vorbehalten als noch vor 20 Jahren. Dennoch gibt es viele Paare, die Scheu haben, sich zu „outen“. Sie haben Sorge, das ihrem Arbeitgeber, ihren Eltern zu kommunizieren, halten es vielleicht auch in ihrem Freundeskreis geheim. Von daher ist die Frage nach dem Tabu nach wie vor angebracht.

SWR-Redakteurin Sarah Stein im Gespräch mit dem Mainzer Reproduktionsmediziner Professor Dr. Thomas Steck über künstliche Befruchtung  (Foto: SWR)
Professor Thomas Steck vom Kinderwunschzentrum in Mainz und SWR-Redakteurin Sarah Stein im Gespräch über künstliche Befruchtung

Immer wieder machen Promis Schlagzeilen, die jenseits der 45 Eltern geworden sind. Verschwiegen wird oft, dass das Kind zum Beispiel mit einer Leihmutter ausgetragen wurde oder es nicht das genetisch eigene Kind der Mutter ist, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Eizellenspende handeln muss, also um eine Eizelle einer anderen Frau. Wann beginnt denn tatsächlich die Fruchtbarkeit abzunehmen?

Eigentlich schon ab dem 25. Geburtstag – nur ist da die Fruchtbarkeit noch so hoch, dass der Abfall kaum ins Gewicht fällt. Aber besonders ab dem 35. Lebensjahr geht das mit jedem Jahr des Älterwerdens nach unten. Eine 40-jährige Frau hat selbst unter Optimalbedingungen pro Zyklus nur eine Wahrscheinlichkeit von knapp zehn Prozent, vielleicht sogar noch weniger, dass sie auf natürliche Weise schwanger wird.

Viele Frauen denken: Ich habe einen Zyklus wie vor 20 Jahren, treibe Sport, gehe ins Fitnessstudio usw. Weil sie sich körperlich fit halten, neigen sie dazu, die eigene Fruchtbarkeit zu überschätzen.

Was genau führt dazu, dass die Fruchtbarkeit abnimmt?

Der Eierstock hat bereits im Säuglingsalter eine bestimmte Zahl von Eiern - aus diesem Vorrat schöpft er mit jedem Eisprung. Dabei gibt der Eierstock mit jedem Eisprung die besten Eier aus, die er hat. Im Alter von 16 bis 19 Jahren kommen also die Top-Eier des ganzen Lebens zum Eisprung.

Mit dem Älterwerden hat der Eierstock irgendwann nur noch wenige genetisch und funktionell gute Eier. Das heißt: nur noch jede 10. oder sogar nur jede 50. Eizelle kann zu einem gesunden Embryo führen.

Was für eine Verschwendung der Natur, oder?

In der Steinzeit und im Mittelalter war es natürlich geboten, dass Frauen ihre Familienplanung mit 25 Jahren abgeschlossen hatten, weil die Lebenserwartung viel niedriger war. Also macht das genetisch schon Sinn – vor 1.000 Jahren. Aber wir haben die gleichen Gene halt immer noch ins uns.

Können Sie in der Reproduktionsmedizin dann für alle Paare noch die Möglichkeit schaffen, ein Kind zu bekommen?

Wir können natürlich nicht zaubern. Was wir in der Regel schon schaffen: Dass wir die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, für das betreffende Paar anheben. Die ist auf natürlichem Weg in vielen Situationen nur im einstelligen Bereich.
Wenn wir die Wahrscheinlichkeit auf 20 oder 30 Prozent heben, sind das natürlich keine 100 Prozent. Aber gemessen an der Ausgangswahrscheinlichkeit ist es natürlich schon eine deutliche Anhebung.

Und dann braucht man natürlich auch Glück. Mal angenommen, ich mache eine künstliche Befruchtung und habe eine 30-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit. Dann kann ich bei den drei Versuchen, die die gesetzliche Krankenversicherung finanziert, ja trotzdem auch drei Mal bei den anderen 70 Prozent dabei gewesen sein.

SWR Redakteurin Sarah Stein im Gespräch mit Professor Dr. Thomas Steck (Foto: SWR)
"Die Politik hat dieses Feld seit 2004 nicht mehr bearbeitet. Man hat die Paare mit Kinderwunsch nicht als förderungs- und schutzwürdige Gruppe gesehen und erkannt. Aber die Krankenkassen geben ja auch in anderen Bereichen für eine ganze Reihe Dinge Geld aus, die vielleicht hinterfragbar sind."

In anderen europäischen Ländern übernehmen die Krankenkassen mehr als diese drei Versuche, zum Beispiel in Belgien werden bis zu sechs Versuche finanziert. Warum öffnen sich Gesetzgeber und Krankenkassen in Deutschland nicht einem liberaleren Weg?

Es gab ja bis zum Jahr 2004 eine Vollfinanzierung für vier Versuche, das wurde dann in einer der zahlreichen Gesundheitsreformen auf eine 50-Prozent-Kassenleistung und auch nur für drei Versuche reduziert.

„Nach meinem Empfinden übt das schon auf viele Paare einen gewissen Druck aus. Sie wissen: Das muss jetzt also klappen.“

Das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum bei vielen künstlichen Befruchtungen dann zwei Embryos in die Gebärmutter zurückgesetzt werden (dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit einer - riskanteren -Mehrlingsschwangerschaft, Anm. d. Red.). Denn sowohl der Therapeut als auch das Paar wollen möglichst schnell zu einer Schwangerschaft kommen, weil eben nach dem dritten Versuch quasi der Vorhang fällt. Viele Paare, die nicht zu den Besserverdienern gehören, haben Probleme, sich einen vierten Versuch zu leisten, der vielleicht 4.000 Euro kostet.

Wir empfinden diese Situation schon als ungut, weil da Druck aufgebaut wird, der sich auch bei den Paaren niederschlägt. Wir sehen auch in den Beratungsgesprächen, dass bei vielen Paaren – vielleicht bei den Frauen mehr als bei den Männern – depressive Erkrankungen und Ängste häufig angegeben werden.

Also ist der Leidensdruck richtig hoch?

Die Politik hat dieses Feld seit 2004 nicht mehr bearbeitet. Man hat die Paare mit Kinderwunsch nicht als förderungs- und schutzwürdige Gruppe gesehen und erkannt. Aber die Krankenkassen geben ja auch in anderen Bereichen für eine ganze Reihe Dinge Geld aus, die vielleicht hinterfragbar sind.

Hinzu kommt noch ein Tauziehen zwischen dem Bund und den Ländern. Seit 2012 gibt es ein Förderprogramm des Bundes für Kinderwunschbehandlungen. Aber für jeden Euro müsste das Land einen Euro aus dem Landeshaushalt dazugeben und das wollten in der Vergangenheit viele Landesregierungen nicht. So wird das Förderprogramm nach wie vor nicht ausgeschöpft.

In Österreich, Tschechien, Spanien, Polen ist auch die Eizellenspende erlaubt. Das heißt, dass ich, wenn ich keine geeigneten Eizellen mehr produziere, Eizellen einer jüngeren Frau kaufen kann. Warum ist das in Deutschland verboten?

Nicht nur ich, sondern Hunderte andere Ärzte, haben das Problem schon vor vielen Jahren immer wieder angesprochen. Aber der politische Wille fehlt.

Denken Sie an die hochemotionale Diskussion um die Organspende – Eizellspende ist ja etwas ähnliches. Der Bundestag hat sich auch nicht zu einer Widerspruchslösung bei der Organspende entschließen können. Und eine ähnliche Diskussion befürchtet die Politik vermutlich auch bei der Eizellspende.

Die Kinderwunschbehandlung ist auch ein großes Geschäft. Wird da zu viel Hoffnung gemacht, muss man das alles realistischer einschätzen?

Man muss das Paar aufklären über die realistischen Chancen. Wir nehmen uns schon die Freiheit, einer Frau mit Mitte 40 zu sagen: Selbst bei sehr gutem Behandlungsverlauf ist die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft wahrscheinlich keine zehn Prozent und dann ist auch noch gleichzeitig das Fehlgeburtenrisiko altersbedingt hoch. So dass sich wirklich jedes Paar die Frage stellen muss: Gehe ich in eine Behandlung mit diesen schlechten Aussichten? Aber es gibt auch Paare, die sagen: Weiß ich, ich will aber trotzdem eine Behandlung.

Die Behandlung bekommen sie dann auch?

Ja – ich hab durchaus Situationen, wo ich versucht habe, das einem Paar auszureden. Aber im Zweifel würde ich dann auch das Selbstbestimmungsrecht des Paares hoch hängen. Und sagen: Wir stehen eigentlich nicht dahinter, aber wenn es unbedingt euer Wille ist, dann machen wir mal einen Versuch.

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