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Wohnen ist so teuer wie nie. Trotz niedriger Zinsen können sich Normalverdiener kaum noch Eigentum in deutschen Großstädten leisten. Das kann so nicht weitergehen.

Neulich erzählte mir eine Freundin, die in Paris lebt, dass sie sich eine Wohnung gekauft hat. Etwas außerhalb in einem schicken, großen Mehrfamilienhaus. In der Umgebung gebe es alles, was man zum Leben braucht: Läden zum Einkaufen, Ärzte, Kindergärten. Mit der Metro fährt sie 20 Minuten bis in die Innenstadt - bis zum "Arc de Triumphe". Ihre neue Wohnung ist 100 Quadratmeter groß, dort lebt sie mit Mann und Kind. 380.000 Euro kostet diese Wohnung. In Paris!

Speckgürtel bis zur Grenze ans Saarland

Ich lebe in Mainz. Mainz gehört zum Rhein-Main-Gebiet. Frankfurt ist nah, und auch nach Wiesbaden und Darmstadt ist es nicht weit. Mittlerweile reicht der Speckgürtel des Rhein-Main-Gebietes bis kurz vor das Saarland. Zumindest wenn man als Barometer die Preise für Wohnungen und Häuser nimmt.

Wenn ich zwanzig Minuten mit dem Auto raus fahre aus Mainz, dann bin ich mitten in der rheinhessischen Natur. Umgeben von vielen Weinbergen und sehr wenig Infrastruktur. Sagen wir mal, ich fahre 20 Minuten raus aus Mainz und lande in Aspisheim. Einkaufsmöglichkeiten, Kitas? Gar eine direkte Verbindung nach Mainz mit der Bahn in 20 Minuten? Fehlanzeige.

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Um zur Arbeit in Mainz zu kommen, müsste ich auf die im Berufsverkehr verstopfte A60 oder über die verstopfte Rheinhessenstraße fahren. Und eigentlich wären zwei PKWs nötig. Und was kostet eine Doppelhaushälfte in Aspisheim? Ungefähr 200.000 Euro mehr als eine zwanzig Minuten vom Pariser Zentrum entfernte Wohnung. Ist das ein fairer Vergleich? Ich weiß es nicht. Aber: Sind es denn die Preise in Mainz? Ich finde das alles grotesk. Und traurig. Es macht mich wütend.

Das eigene Haus als Altersvorsorge

Seit zwei Jahren suchen mein Mann und ich ein Haus oder eine Wohnung - Eigentum. Die Zinsen sind niedrig - da liegt es doch nahe, zu kaufen. Unseren Eltern erzählen wir, dass wir ein Haus suchen. Dass wir aber immer noch zur Miete wohnen, ist für unsere Familien - für Mainzer Verhältnisse größenwahnsinnige Großgrundbesitzer mit ausladenden freistehenden Einfamilienhäusern mitten in der saarländischen Peripherie – überhaupt nicht nachvollziehbar. Im Saarland hat gefühlt jeder ein Haus. Ein eigenes. Und damit auch eine zusätzliche Altersvorsorge.

Vor ein paar Wochen haben wir uns im Mainzer Vorort Bodenheim eine Doppelhaushälfte angeschaut. Der Preis war schon völlig irre, aber wir wollten einfach gerne wissen, was man für den Preis in Bodenheim bekommt. Bodenheim ist begehrt wegen seiner ländlichen Lage, der guten Infrastruktur und der direkten Anbindung an Mainz, Frankfurt und Wiesbaden. Mit Maklergebühren und Kaufnebenkosten wären wir bei einem Haus aus dem Jahr 2016 (Scheidung wegen verzockt beim Hauskauf) bei 1,2 Millionen gewesen. Für ein Haus in Bodenheim.

Mein Mann und ich haben nun beschlossen: Wir wollen unsere Ehe nicht aufs Spiel setzen für ein Haus. Das heißt: Wir machen den Irrsinn hier nicht mehr mit. Neubauwohnungen von um die 100 Quadratmeter am Mainzer Zollhafen für 800.000 Euro? Häuser in Mainzer Stadtteilen, die nur gegen Gebot verkauft werden - wo wir schon beim Einstiegsgebot raus sind? Das ist uns alles zu krass.

Bezahlbaren Wohnraum schaffen

Dass es anders geht, zeigen Metropolen wie Paris. Und Paris ist nur ein Beispiel. Wien hat es auch geschafft, bezahlbaren Wohnraum für die Menschen dort zu schaffen, wo sie leben und arbeiten - weil die Politik den sozialen Wohnungsbau nicht verscherbelt hat.

Wie unsinnig ein Haus weiter draußen außerhalb von Mainz ist, wenn die Infrastruktur nicht da ist, haben wir nun auch verstanden. Warum tut keiner was? Und für eine Wohnung uns für alle Ewigkeit verschulden? Das wollen wir nicht.

Haben wir Alternativen? Zumindest internationale Investoren machen wir so nicht reicher. Vielleicht kaufe ich mir eine Wohnung in Paris. Ich könnte sie vermieten - und ab und an selbst hinfahren. In zwanzig Minuten bin ja ich mit der Straßenbahn in der Innenstadt.

Sie haben Ähnliches erlebt oder Sie haben sich den Traum vom Eigenheim erfüllt? Schreiben Sie uns gerne unten Ihren Kommentar.

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