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Die künstliche Befruchtung ist nicht nur eine körperliche und emotionale Herausforderung, sie ist auch eine teure und aufwändige medizinische Behandlung. Oft müssen die betroffenen Paare einen großen Teil der Kosten selbst tragen. Wir erklären, was die Krankenkasse übernimmt, welche Zuschüsse es gibt und was Sie steuerlich tun können.

Laut Bundesfamilienministerium hat ein Drittel der Menschen zwischen 25 und 59 Jahren einen unerfüllten Kinderwunsch. Fast jedes zehnte Paar ist auf medizinische Unterstützung angewiesen, um ein Kind zu bekommen. Folgende drei Methoden werden – neben einer oder in Kombination mit einer Hormontherapie - in der Kinderwunschbehandlung angewendet. Häufig sind mehrere Versuche nötig, bis die Frau schwanger wird. Die Kosten können schnell auf mehrere tausend Euro steigen.

Methoden einfach erklärt Die Verfahren bei künstlicher Befruchtung

Schaubild weiblicher Unterleib - künstliche Befruchtung mittels Insemination (Foto: SWR, Grafik: Verena Kutscher)
Intrauterine Insemination (abgekürzt IUI): Übertragung von speziell aufbereitetem Sperma des Mannes direkt in die Gebärmutter der Frau. Die Insemination wird angewendet, wenn der Mann zu wenige oder nicht genügend bewegliche Spermien hat. Kosten: Ca. 300 Euro, evtl. weitere Kosten für Medikamente. Die gesetzliche Krankenversicherung beteiligt sich an bis zu acht Versuchen ohne vorherige Hormonbehandlung und an bis zu drei mit Hormonstimulation. Die am häufigsten verwendete Methode der künstlichen Befruchtung wird auch bei lesbischen Frauen oder Single-Frauen angewendet, die sich für eine Samenspende entscheiden. Grafik: Verena Kutscher Bild in Detailansicht öffnen
In-vitro-Fertilisation (IVF): Der Frau werden unter Narkose Eizellen aus dem Eierstock entnommen. Diese werden im Labor ohne weitere Hilfe von außen mit den aufbereiteten Spermien des Mannes zusammengebracht. Nach erfolgter Befruchtung werden ein bis zwei Embryonen ohne Narkose wieder in die Gebärmutter der Frau eingesetzt (Embryotransfer). Die Geburtenrate liegt bei durchschnittlich ca. 20 Prozent. Kosten: Ca. 3.000 Euro inklusive Medikamente. Die gesetzliche Krankenversicherung beteiligt sich an bis zu drei Versuchen, auf diese Weise eine Schwangerschaft herbeizuführen. Grafik: Verena Kutscher Bild in Detailansicht öffnen
Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI): Der Frau werden unter Narkose Eizellen aus dem Eierstock entnommen. Diese werden anschließend im Labor mit dem aufbereiteten Sperma des Mannes zusammengebracht. Dabei wird eine einzelne Samenzelle direkt in jede reife Eizelle eingespritzt. Nach erfolgter Befruchtung werden ein bis zwei Embryonen ohne Narkose in die Gebärmutter der Frau übertragen (Embryotransfer). Kosten: Ca. 4.000 Euro inklusive Medikamente. Diese Methode wird angewendet, wenn die Spermien des Mannes die Eizellen der Frau nicht selbstständig befruchten können und andere Methoden wie IVF nicht funktioniert haben. Die gesetzliche Krankenversicherung beteiligt sich an bis zu drei Versuchen. Grafik: Verena Kutscher Bild in Detailansicht öffnen

Einige Kassen zahlen mehr als 50 Prozent

Im Rahmen bestimmter Auflagen (siehe Infokasten) erstattet die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 50 Prozent der Kosten einer Kinderwunschbehandlung. Versicherte haben nämlich einen gesetzlichen Anspruch auf „Maßnahmen zur Herbeiführung einer Schwangerschaft“. Manche Kassen zahlen als freiwillige Leistung weitere Zuschüsse.

Die IKK Südwest beispielsweise zahlt die restlichen 50 Prozent, sofern beide Ehepartner bei der Kasse versichert sind und die Kosten 1.000 Euro pro Behandlungsversuch nicht überschreiten. Ähnlich hält es die Betriebskrankenkasse der Bahn. Weitere BKKs wie auch AOK und Techniker Krankenkasse zahlen zumindest Zuschüsse. Die AOK Baden-Württemberg unterstützt auch lesbische Paare mit eingetragener Lebenspartnerschaft bei der Kinderwunschbehandlung. Unser Rat: Erkundigen Sie sich bei Ihrer Krankenkasse!

Verursacher-Prinzip in der privaten Krankenversicherung

In der privaten Krankenversicherung ist es ebenfalls nicht so einfach, da die Bestimmungen je nach Tarif unterschiedlich sein können. In der Regel werden die Kosten aber zu 100 Prozent übernommen. Und verbindliche Altersgrenzen gibt es auch nicht, wenn diese nicht über den Tarif vorgegeben sind. Informieren Sie sich über die genauen Bedingungen in Ihrem Fall.

Mann sitzt beim Arzt (Foto: Getty Images, Pornpak Khunatorn)
Pornpak Khunatorn

Wenn der Arzt die Unfruchtbarkeit des Mannes als Ursache für die Kinderlosigkeit feststellt, zahlt seine private Versicherung übrigens sämtliche Kosten, auch wenn die Partnerin Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse ist. Anders als bei der gesetzlichen Krankenversicherung zahlen die Privaten oft auch für unverheiratete Paare.

Wie der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entschieden hat, muss die private Krankenversicherung die Behandlungskosten auch bei Ehepaaren im fortgeschrittenen Alter übernehmen. Sie darf sie jedenfalls nicht wegen geringerer Erfolgsaussichten ablehnen. Die Ehefrau des Klägers war bereits 44 Jahre alt.

Keine zusätzliche staatliche Förderung im Südwesten

Die Kosten für Untersuchungen, die die Ursache für die ungewollte Kinderlosigkeit ermitteln sollen (Diagnose), werden normalerweise von allen Krankenversicherungen komplett übernommen.

Ein Paar sitzt niedergeschlagen auf dem Sofa und schaut auf einen Schwangerschaftstest (Foto: Getty Images, dragana991)
dragana991

Darüber hinaus gibt es in neun der 16 deutschen Bundesländer auch eine staatliche Förderung. Möglich ist ein Anteil von bis zu 50 Prozent an den Kosten, die ein Paar abzüglich des Krankenkassenanteils selbst zahlen muss. Diese Förderung kommt aber den Menschen nur zu Gute, wenn das jeweilige Bundesland den gleichen Zuschuss wie der Bund zahlt. Paare im Südwesten erhalten aktuell keine Förderung: Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beteiligen sich bislang nicht an der Finanzierung.

Es gibt aber Pläne, dies noch im laufenden Jahr 2020 zu ändern. Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler strebt eine bundeseinheitliche Regelung an. Das Ministerium teilte dem SWR dazu auf Anfrage mit: „Der derzeit bestehende "Flickenteppich" bestehend aus Förderprogrammen des Bundes und der Länder ohne Rechtsanspruch, gesetzlichen Ansprüchen gegenüber den Krankenkassen und individuellen Satzungsleistungen der einzelnen Krankenkassen sollte einer solch übergreifenden Lösung weichen, die über die GKV finanziert, Paare in der Familienplanung unterstützt. Darüber hinaus prüfen wir ein eigenes Förderprogramm, das flankierend zum Einsatz kommen kann.“

In Bayern soll es bald ein eigenes Förderprogramm geben. „Die Kosten für Kinderwunschbehandlungen stellen vor allem Familien mit kleineren Einkommen vor enorme Schwierigkeiten“, stellt Thomas Huber, familienpolitischer Sprecher der CSU, fest.

Förder-Check: Welche finanzielle Unterstützung gibt es in meinem Bundesland?

Dose mit Tabletten liegt auf Steuerformulare zu außergewöhnliche Belastungen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
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Ausgaben in der Steuererklärung geltend machen

Die Kosten einer Kinderwunschbehandlung können Sie in Ihrer Steuererklärung angeben. Steuerrechtlich zählen diese Ausgaben zu Krankheitskosten, die als außergewöhnliche Belastung anerkannt werden. Auflisten können Sie nicht nur die Kosten der Behandlung, sondern auch Ausgaben für Medikamente sowie Fahrten zum Arzt oder zur Ärztin.

Der Bundesfinanzhof hat entschieden, dass auch Unverheiratete die Kosten für eine künstliche Befruchtung – im konkreten Fall nach der IVF-Methode – steuerlich geltend machen können. Ebenso verhält es sich, wenn eine unfruchtbare Frau, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, eine künstliche Befruchtung vornehmen lässt. Kosten einer künstlichen Befruchtung nach einer zuvor erfolgten Sterilisation können hingegen nicht steuerlich geltend gemacht werden.

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