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Wenn sich Paare trennen, leiden vor allem die gemeinsamen Kinder. Doch manche Eltern verschärfen das Leiden ihrer Kinder sogar noch.

Im Familiendrama „Weil du mir gehörst“ geht es darum, dass Kinder zum Spielball werden können, wenn sie dem Partner bewusst entfremdet und entzogen werden. Ein gutes Jahr nach ihrer Scheidung stehen Julia und Tom erneut vor Gericht. Das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Anni soll auf Julias Antrag hin neu entschieden werden. In ihrem Schmerz manipuliert Julia die achtjährige Tochter und wiegelt sie gegen den Vater auf. Ein Prozess, der Anni zunehmend verstört.

Wie kann es zu solchen Situationen kommen? Und was können Betroffene tun? Darüber sprachen Betroffene und Experten im Anschluss an die TV-Ausstrahlung im Ersten beim Talk mit dem ARD-Rechtsexperten Frank Bräutigam.

Frank Bräutigam im Gespräch mit dem Psychologen Dr. Stefan Rücker (Foto: SWR)

Aus der Mediathek Talk zum Film "Weil du mir gehörst"

Ergänzend zum Mittwochsfilm im Ersten vertieft der Talk das Thema Eltern-Kind-Entfremdung: Welche Folgen hat es, wenn Mütter oder Väter nach der Trennung dem anderen Elternteil das Kind entfremden? Ist das Sorge- und Umgangsrecht noch zeitgemäß?

Die meisten Kinder wachsen nach einer Trennung bei der Mutter auf

Zu Beginn der Diskussion war es den Beteiligten wichtig, klar zu machen, dass es sich nicht um ein geschlechtsspezifisches Thema handelt. Psychologe Stefan Rücker: „In 84 Prozent der Fälle leben Kinder nach der Trennung bei der Mutter. Die Elternteile, die das Kind hauptsächlich betreuen, haben große Manipulationsmöglichkeiten. Ich glaube, wenn wir genauso viele Väter wie Mütter hätten, die überwiegend betreuen, hätten wir genauso viele männliche Entfremder.“

Die Ursachen beschreibt Rücker so: „Trennungen sind auch Lebenskrisen für Eltern. Oft fallen Kinder dabei hinten runter. Angst spielt eine Rolle: Man hat einen Partner verloren und nun Angst, auch das Kind zu verlieren.“ Auch Rache könne ein Motiv sein.

„Die Grausamkeiten zwischen Eltern sind enorm“

Und die Persönlichkeit sei entscheidend. Häufig seien die Täterinnen und Täter emotional instabile Menschen. Viele glaubten irgendwann tatsächlich daran, dass der andere Elternteil für die Entwicklung des Kindes schlecht sei. Markus Witt vom Verein "Väteraufbruch für Kinder", sagt: „Die Grausamkeiten, die zwischen Eltern stattfinden, wenn Emotionen nicht bewältigt sind, sind enorm.“

"Eine Eltern-Kind-Entfremdung ist für mich nicht weniger als ein Verbrechen an der seelischen Entwicklung von Schutzbefohlenen. Die Folgen reichen von Traumatisierungen bis zu Störungen im Sozialverhalten, Depressionen, Angsterkrankungen. [...] Jungen fallen in der Regel mehr auf, Mädchen leiden eher nach innen, entwickeln Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Esstörungen, Suizidwünsche. Betroffene stehen innerlich in Flammen, oft ihr ganzes Leben lang."

Psychologe Stefan Rücker

Er fordert: Schadet ein Elternteil dem Kind, zum Beispiel indem er es aus der vertrauten Umgebung herausreißt, müsse sofort eingegriffen werden. Anders sieht das in der Diskussionsrunde Fee Linke vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter. Sie plädiert dafür, die Kinder keinen weiteren Loyalitätskonflikten auszusetzen: „Es muss auch erstmal Ruhe in diese Familie rein. Die Beteiligten brauchen Unterstützung und Beratung.“

Aber was dann zu tun ist, ist auch für Gerichte nicht einfach zu entscheiden, vor allem bei kleinen Kindern. „Wenn ein Sechsjähriger drei Jahre einen Elternteil nicht gesehen hat, ist das für ihn ein fremder Mensch,“ sagt Psychologe Rücker.

Hinzu kommt, dass es auch schwierig sein kann, herauszufinden, was das Kind wirklich will. Benutzt ein Kind zum Beispiel Formulierungen, die nicht altersgemäß sind, liegt der Verdacht nahe, dass hier ein Elternteil manipuliert hat.

„Es muss ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden. Omas und Opas müssen den Entfremdern den Kopf waschen. Freunde sollten kein Verständnis zeigen, sondern eingreifen und pro Kind handeln: Warum macht ihr, was ihr am meisten liebt, kaputt?“

Nutzer Edi zur Diskussion über den Film im Ersten

Was ist besser fürs Kind - Residenz- oder Wechselmodell?

In der Praxis leben Kinder von geschiedenen bzw. getrennten Paaren meist bei einem Elternteil und sehen den jeweils anderen Elternteil zu festgelegten Zeiten - das sogenannte Residenzmodell. In den letzten Jahren entscheiden sich Eltern zunehmend für das Wechselmodell, bei dem Kinder zu gleich langen Zeiträumen bei den Elternteilen wohnen, beispielsweise für jeweils eine Woche. Die Kinder haben damit praktisch zwei Mal ein Zuhause.

Wenn Kinder zwei Zuhause haben Mal zu Mama, mal zu Papa

In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Ex-Partner auf das sogenannte Wechselmodell geeinigt: Sie übernehmen die Betreuung des Kindes jeweils etwa zur Hälfte.  mehr...

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Welches der Modelle das beste für das Kind ist, dazu gibt es laut Psychologe Rücker keine eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Lebenszufriedenheit der Kinder sei aber grundsätzlich dort am höchsten, wo sie auch nach Trennung oder Scheidung Zugang zu beiden Elternteilen gewährt bekommen. Auch eine geringe geografische Distanz wirke sich positiv aus. Ansonsten seien es vor allem Eigenschaften der Eltern, die entscheiden: Ein warmherziger Erziehungsstil, wenig Streit - das helfe Trennungskindern, ganz unabhängig vom Modell.

In gerichtlichen Auseinandersetzungen zum Sorgerecht hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Durch das „Cochemer Modell“ wurden Verfahren beschleunigt. Richter können nun zum Beispiel gemeinsame Therapiesitzungen für die Ex-Partner ansetzen. Grundsätzlich wird eine einvernehmliche Lösung angepeilt, um langwierige Gerichtsprozesse im Sinne der Kinder zu vermeiden.

Verantwortung für das Kindeswohl als Elternpflicht

Das Modell stößt jedoch an seine Grenzen, wenn die Positionen der Parteien besonders verhärtet sind. Eva Becker, Fachanwältin für Familienrecht: „Der Film zeigt auch die Hilflosigkeit der Juristen - es gibt Fälle, wo sie mit Recht nicht weiterkommen.“ Becker ist beteiligt an einem Vorschlag für die Reform des Sorge- und Umgangsrechts, bei der die Pflichten der Eltern in den Blick genommen werden sollen. „Häufig glauben Eltern, dass sie den Gerichtsbeschluss als Anregung auffassen können.“ Sie hätten aber nicht nur Rechte, sondern auch eine Verantwortung für das Kindeswohl.

Mit dieser Verantwortung müssen immer mehr getrennt und geschieden lebende Paare umgehen. Die Zahl der Trennungskinder wächst in Deutschland jährlich um rund 180.000. Und vielen von ihnen droht ein Schicksal wie im Fernsehfilm „Weil du mir gehörst“.

Aus der Mediathek Der Film "Weil du mir gehörst" in voller Länge

Als Paar sind sie gescheitert, doch als Eltern teilen sich Julia und Tom nach der Scheidung das Sorgerecht für die Tochter Anni. Von ihren verletzten Gefühlen getrieben, beginnt Julia, das Mädchen systematisch dem Vater zu entfremden.  mehr...

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