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Mann und Frau gleichberechtigt in Beruf, Familie und Politik – eine schöne Vorstellung, aber oft nicht die Realität. Testen Sie mit fünf Fragen aus, wie viel Gleichberechtigung in Ihrem Alltag herrscht.

Wagen Sie ein kleines Gedankenexperiment. Mit folgenden Fragen und Denkanstößen können sich und Ihren Lebensalltag scannen und beurteilen, wie es bei Ihnen in Sachen Gleichberechtigung aussieht.

1. Stellen Sie sich eine Führungsperson vor. Wer taucht vor dem inneren Auge auf und mit welchem Geschlecht?

Haben Sie gerade an einen Mann als Chef gedacht und nicht an eine Chefin - auch wenn Sie eine Frau sind? Die Wirklichkeit spiegelt sich in der eigenen Vorstellungskraft: Meistens haben um uns herum in der Arbeitswelt mehr Männer als Frauen das Sagen. Und auch beim Verdienst ziehen Frauen oft den Kürzeren, besagt eine Studie des Weltwirtschaftsforums zur Gleichberechtigung aus dem Jahr 2019. Allzu oft kommt mit der Geburt von Kindern auch der berüchtigte Karriereknick.

2. Sind Stellenanzeigen, die Sie sehen, meistens für m/w/d ausgeschrieben, also für Männer, Frauen und intersexuelle Menschen (d wie „divers“)?

Gleichberechtigung heute bedeutet, nicht nur Frauen gleichberechtigt(er) zu behandeln, sondern auch intersexuelle Menschen. „Divers“ ist seit 2018 die offizielle Bezeichnung für das „dritte Geschlecht“. Schätzungsweise 160.000 Menschen in Deutschland sind intersexuell. Jobs müssen laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz eigentlich geschlechterneutral ausgeschrieben werden - immer wieder finden sich dennoch Anzeigen, die darauf verzichten.

3. Wenn der kleine Paul seine Puppe frisiert und in der Tanz-AG mitmacht, und Leonie am liebsten draußen kickt und Bagger sammelt – denken Sie als Vater, Tante, Freundin oder Nachbar dann insgeheim: „Muss das denn sein?“

„Hoffentlich legt sich das wieder“ ist ein Gedanke und Wunsch, der davon geprägt ist, „wie es normalerweise“ sein sollte. Toleranz Fehlanzeige? Eine geschlechter- oder genderneutrale Erziehung ist ein Versuch, Stereotypen bei Mädchen und Jungen auszuklammern - als Grundstein, damit sie sich freier entwickeln können.

Das „Experiment Baby“: Welche Stereotype wecken Babys in blauer und rosafarbener Kleidung?

4. Wer ist in der Beziehung oder Familie das „Organisationstalent“ oder der „Familien-Manager“: Fahrdienst zu Hobbies, die Lieblings-Joghurtsorte der Kinder kennen, Arzttermine koordinieren oder „noch schnell“ Bad putzen?

Listen Sie doch mal ganz ehrlich auf, wie gut die Aufgabenteilung in Familie und Haushalt klappt. Erkennen Sie Ihre Situation in der Statistik von 2014 wieder? Sie besagt, dass Frauen zuhause durchschnittlich 164 Minuten putzen, aufräumen, bügeln oder Sonstiges im Haushalt erledigen. Männer dagegen nur 90 Minuten.

Auch junge Paare schlüpfen oft in traditionelle Rollen

Der Bundestag hat 1957 das Gleichberechtigungsgesetz beschlossen - die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung sollte dadurch auch rechtlich umsetzbar werden. Doch was rechtlich machbar ist, wird nicht immer Realität. Eine Mannheimer Frauenärztin erlebt häufig, dass auch junge Paare, die Nachwuchs bekommen, in traditionelle Rollen schlüpfen. Sie beschrieb das im Mai 2019 im SWR-Gespräch so:

„Am Ende machen fast alle das Gleiche: Sie gehen als modernes Paar in den Kreißsaal rein und kommen als 50er-Jahre-Paar raus.“

Kristiane Palm, Frauenärztin in Mannheim

https://www.facebook.com/SWRFernsehen/posts/2440284379539371

5. Wer kümmert sich in Ehe oder Partnerschaft eher um Finanzen, große Ausgaben, Handwerkliches und wer ums Kochen?

Große Anschaffungen, Kredite, Bausparverträge und die Steuererklärung managt er und sie ist die Herrin über die alltäglichen Ausgaben. Eine vermeintlich bequeme Aufgabenteilung, die ihr auch Nachteile bringen kann: Denn etwa ein Drittel der Frauen kümmert sich laut Statistik wenig oder gar nicht um ihre Finanzen, was sich zum Beispiel auf die Rentenansprüche auswirken kann.

Auch andere Aufgaben daheim können daraufhin abgeklopft werden, ob es eine sinnvolle Begründung für die Aufteilung gibt. Sind die To Dos eher nach Rollenbild und angeeignetem Können verteilt oder können es nicht doch beide erledigen?

Artikel 3 im Grundgesetz: Männer und Frauen sind gleichberechtigt

Die Anstrengungen, Frauen und Männer gleich zu behandeln, sind schon älter als das Grundgesetz von 1949. Dort wurde erstmals in Artikel 3 festgehalten: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Artikel 3 im Grundgesetz hat keinen plötzlichen (männlichen) Sinneswandel in den verschiedenen Lebensbereichen ausgelöst. Besonders die 50-er und 60-er Jahre waren patriarchalisch geprägt.

Eine unterhaltsame Zeitreise in die Mottenkiste der Gendergerechtigkeit:

Kleine Fortschritte: Frauen bekämpfen die „Tamponsteuer“

Im Kampf für mehr Gleichberechtigung geht es nicht immer nur um große Ziele und Veränderungen. Im vergangenen Jahr haben sich Frauen erfolgreich dafür stark gemacht, nicht wegen der Monatshygiene benachteiligt zu werden, so dass im Januar 2020 die Mehrwertsteuer auf Tampons und Binden von 19 auf 7 Prozent Mehrwertsteuer gesenkt worden ist.

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