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Friedrichshafen: Natur-Mentoren helfen trauernden Kindern Jongomero - Trauerarbeit in wilder Natur

Miguel trägt ein jüngeres Kind auf seinen Schultern durch den Wald

Miguel hilft nun anderen Kids

Als Miguel ein Jahr alt war, erkrankte sein Vater an Krebs. Die Krankheit prägte die Familie und Miguels Kindheit sehr. Der Kontakt zu Gleichaltrigen fiel dem introvertierten und nachdenklichen Jungen schwer. In der Schule galt er später als "auffällig und unkonzentriert". Schließlich verlangten die Lehrer eine ADHS-Untersuchung – das Aufmerksamkeitsdefizit konnte jedoch nie festgestellt werden. Die Krankheit des Vaters wurde in der Beurteilung der Lehrer nie berücksichtigt.
Als Miguel zwölf Jahre alt war, starb sein Vater. Einen Tag nach dessen Tod schrieb er eine Mathearbeit – Note 6. Die Lehrer nahmen keine Rücksicht auf den Schicksalsschlag des Kindes, rechneten die Note voll an. Schließlich zog die Familie von Freising nach Friedrichshafen, um einen Neuanfang zu wagen. Hier entdeckte Miguels Mutter die Wildniscamps von "Jongomero" und der zurückgezogene Miguel nahm Teil - eine Erfahrung, die ihn veränderte: Miguel fasste neuen Lebensmut, lernte, über die Trauer zu sprechen.

Kinder sitzen mit Tarnfarbe beschmiert um einen Baum

Kleine Abenteurer überwinden gemeinsam Trauer

Lagerfeuer, Abenteuer und heilende Gespräche

Ein Mädchen mit pinkem Haarschopf spielt am Lagerfeuer Gitarre

Der Verein "Jugend und Natur e.V." bietet Kindern und Jugendlichen, die ähnliche Schicksalsschläge wie Miguel erlebt haben, schon seit über zehn Jahren ganz besondere Wildniscamps an - im Projekt "Jongomero". Hier erleben Kinder und Jugendliche, die den Tod oder eine schwere Krankheit eines Angehörigen zu verkraften haben, die heilenden Kräfte der Natur und können sich einmal ganz auf sich selbst konzentrieren. Der Zusammenhalt unter den Gleichaltrigen im Camp, die Ähnliches erlebt haben, gibt ihnen dabei Halt. So ist zum Beispiel die Angst, durch das eigene Schicksal von Freunden ausgegrenzt zu werden, unter den Kindern im Wildniscamp oft wie verflogen. Fern ab des Alltages finden Kinder und Jugendliche hier Ruhe, aber auch spannenden Spaß beim "Überlebenskurs im Wald" und in jedem Fall ein Umfeld, in dem sie offen über ihre Trauer sprechen können.

"Jongomero 15+" : Junge Natur-Mentoren helfen Trauer überwinden

Inspiriert von den Erfahrungen ihres Sohnes kam Miguels Mutter die Idee, auch anderen betroffenen Kindern und vor allem auch älteren Jugendlichen in einem Pilotprojekt die Möglichkeit zu bieten, in der Natur Kraft zu tanken, neuen Lebensmut zu schöpfen - und Verantwortung zu übernehmen für sich und für Andere. Im neuen Projekt "Jongomero 15+" sollen deshalb Jugendliche, die selbst bereits in den Wildniscamps Halt finden konnten, nun zu "Jugendleitern der Wildnispädagogik" ausgebildet werden. Als Natur-Mentoren und Ansprechpartner stehen sie dann den jüngeren Kindern zur Seite - und die bekommen so fast gleichaltrige Trauerhelfer, die aus eigener Erfahrung helfen können.

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Trauer überwinden im Wildniscamp

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In der wilden Natur liegt das Jongomero-Camp - in den Zelten oder im Schlafsack unter freiem Himmel verbringen die jungen Abenteurer ihre Nächte.

In der wilden Natur liegt das Jongomero-Camp - in den Zelten oder im Schlafsack unter freiem Himmel verbringen die jungen Abenteurer ihre Nächte.

Badezimmer? Nix da! Im Wildniscamp wird natürlich im Fluss gebadet - und das mit jeder Menge Spaß.

Zu den Aufgaben gehört natürlich auch das Bauen mit allem, was die Umgebung so hergibt...

Beim "Leben in der Natur" entstehen schnell echte Freundschaften, die auch in der Zeit danach fest geknüpft sind. Und: Die Jugendlichen kommen gerne zurück - dann als Betreuer oder als Auszubildende zum "Jugendleiter der Wildnispädagogik". Sie geben so ihr Wissen an die nächste Jongomero-Generation weiter.

Im Jongomero-Camp wachsen die Kinder und Jugendlichen als Gruppe zusammen - nicht nur, weil sie ein ähnliches Schicksal teilen, sondern in positiver Weise: weil sie gemeinsam spielen, entdecken und "Survival-Aufgaben" bewältigen.

Abends wird es dann gemütlich bei den Jongomeros: Zu einem echten Wildniscamp gehört natürlich auch Musik am Lagerfeuer. Hier können die Jugendlichen aber nicht nur von ihren Abenteuern singen, sondern auch mit anderen über ihre Gefühle sprechen.

Natürlich werden die kleinen Abenteurer auch bestens versorgt - mit dem, was sie selbst oder die anderen Jongomeros gekocht haben. In der Gruppe macht das Essen dann doppelt Spaß - vor allem, wenn man die "Kriegsbemalung" auch beim Campschmaus tragen darf...

Was auf den Teller kommt, muss aber auch erstmal gefangen werden! Weil die Jongomeros bei jedem Schritt dabei sind, bekommen sie auch ein Gefühl für natürliche Kreisläufe und Respekt vor tierischen Lebensmitteln. Eben pure Natur!
Aber natürlich finden viele Fische auch wieder den Weg zurück in den Fluss - munter und quicklebendig.

Auch nach dem Camp tragen die Kinder und Jugendlichen Jongomero mit sich - im Herzen, wenn nicht sogar über dem Herzen. Die meisten kommen wieder, zur nächsten Begegnung mit sich selbst und der Natur.

"Es gibt nichts Vergleichbares"

Mit im Boot des Pilotprojektes "Jongomero 15+" ist auch der Chefarzt der Freisinger Onkologie, Dr. Christoph von Schilling. Der Experte für Krebserkrankungen kennt aus eigener Erfahrung die schwere Belastung, die Krankheit und Tod eines Elternteils oder Geschwisterkindes besonders für die Kinder und Jugendlichen bedeuten. Das Projekt "Jongomero" ist für ihn ein besonderer Ansatz zu helfen: "Die Camps sind eine echte Innovation, und es gibt nichts Vergleichbares". Dr. Schilling sieht sie als "die am besten passende Form, mit der die Kinder und Jugendlichen wieder auf einen sicheren Pfad im Leben zurückfinden." Herzenssache fördert das innovative Pilotprojekt "Jongomero 15+" nun für zwei Jahre.

Im Juni 2012 zeichnete die Diakonie Baden-Württemberg "Jongomero" mit dem Jugenddiakoniepreis aus. Hier geht es zur "Gewinnerseite"