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Konstanz: Kreatives Trauerprojekt Jugendliche trauern anders

Fatih ist erleichtert, als er seinen Text rappt – endlich ist alles raus. Fatih blinzelt ins Publikum, alle klatschen, der 15-Jährige fühlt sich frei. Fatih erinnert sich an den Moment, als die Klasse von Leons Suizid erfährt, wie geschockt alle sind. Fatih weiß nicht wohin mit seinen Gefühlen.

Jugendliche treten auf einer Bühne auf.

Wohin mit der Trauer? Auf der Bühne können die Kinder alles raus lassen!

Die Worte fehlen, keiner weiß wohin mit sich. Außen scheinbar versteinert, tobt es in Fatih: Er will um sich schlagen, schreien, wegrennen, er findet Leon feige, er findet ihn mutig ‒ alles gleichzeitig. Aber Fatih sagt nichts. Seine Mutter ist gestresst, der Vater lebt bei seiner Freundin. Und irgendwie geht es ja auch keinen was an. Das versteht eh niemand. Ein Bier wäre jetzt gut oder ’ne andere Dröhnung…

Wohin mit der Trauer?

Die Geschichte von Fatih und Leon ist zwar fiktiv, aber beispielhaft für die Situation vieler Jugendlicher, die Verluste erleben. Alleine in Konstanz haben sich in den letzten beiden Jahren vier Jugendliche das Leben genommen, zwei weitere sind im Beisein ihrer Freunde ertrunken. In den letzten fünf Jahren haben rund 60 Kinder von den Trauergruppen des Hospizvereins Konstanz profitiert. Die jugendlichen Geschwisterkinder blieben häufig auf der Strecke ‒ zu groß ist die Scham, über die eigene Trauer zu sprechen. Viele treffen sich stattdessen mit Gleichaltrigen zu Friedhofsparties, um ihre Ohnmacht im Alkohol zu ertränken oder den Tod sogar zu glorifizieren.

Neue Wege in der Trauerarbeit

Jugendliche sollen nun die Möglichkeit erhalten, sich in einem geschützten Rahmen durch Musik-, Tanz- und Lyrikworkshops mit Themen wie Abschied oder Trennung auseinanderzusetzen. Ein Pilotprojekt hat gezeigt, dass die Jugendlichen über die indirekte Trauerarbeit tatsächlich anfangen, sich zu öffnen und stolz darauf sind, die Ergebnisse zu präsentieren. Mithilfe von Spenden kann Herzenssache die Honorar- und Materialkosten für Workshops und Präsentationen übernehmen, um mit dem Modellprojekt rund 50 Jugendliche in der Bodenseeregion zu erreichen.