Hilfstransport für die Ukraine — Helfen statt vor den Nachrichten zu verzweifeln

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Frau trägt Pakete die Hilfgüter für Ukraine sind (Foto: SWR)

„Mein Vater, meine Cousinen und Cousins, Freunde sind alle in der Ukraine. Jetzt ist der Bruder von meinem besten Freund im Krieg gefallen. Das sind herzzerreißende Nachrichten. Aber was kannst du machen, außer hier zu stehen und zu helfen. Das ist alles, was du machen kannst vom Ausland.“

Das sagt uns Iryna, während sie gemeinsam mit vielen anderen freiwilligen und hauptamtlichen Helfern Kisten voller Decken, Hygieneartikel, Verbandsmaterial, Lebensmittel oder Kinderspielsachen in den 40-Tonner lädt, der vor dem Haus der Kulturen, der Malteser Spendenannahme-Stelle in Mainz steht. Für Iryna ist es eine sehr emotionale Situation.

„Ich lächele, aber eigentlich will ich losheulen. Es ist schwierig. Aber irgendwie ist es auch ein gutes Gefühl, weil man hilft ja auch den Menschen, die tapfer das Land verteidigen.“

Ukraine Hilfsgüter werden verladen (Foto: SWR)
Iryna ist in der Ukraine geboren, lebt aber in Mainz.
Ukraine Hilfsgüter werden verladen (Foto: SWR)

Gemeinsam ist alles besser

Die Helferinnen und Helfer haben eine Kette gebildet, so werden die unzähligen Kisten schnell verladen. Trotzdem ist es ein Kraftakt. Und das ist erst der erste LKW, in den nächsten Tagen sollen noch weitere fahren. Iryna ist für uns aus der Kette getreten und sagt, dass sie schon schon lange in der Flüchtlingshilfe tätig sei. Sie kenne das Leid, das Kriege und Krisen in der Welt auslösen, die Berichte von Geflüchteten. Aber das hier sei nochmal etwas ganz anderes für sie.

„Das ist mein Land, wo ich aufgewachsen bin. Die Straßen werden zerbombt, in denen ich gelaufen bin. Und die Hauptstadt auch, Kiew, eine wunderschöne Hauptstadt, da war ich auch so oft.  Die ist jetzt einfach zerstört. Und die Menschen sind so tapfer, die geben ihre Leben für die Freiheit.“

Ukraine Hilfsgüter werden verladen (Foto: SWR)

Seit mehr als einer Woche tobt der blutige Krieg Angriffskrieg gegen die Ukraine jetzt schon, ein Ende ist noch nicht in Sicht, und bereits seit 2014 steckt die Ukraine in bewaffneten Konflikten mit pro-russischen Separatisten und Russland. Das Leid bewegt neben Menschen wie Iryna auch viele andere, die zum Helfen hierhergekommen sind. So auch Laura, sie treffen wir an der Laderampe des LKW und fragen, warum sie hier ist: „Weil es mir wehtut, die Nachrichten zu sehen, weil ich mich engagieren möchte. Ja, ich will irgendwie versuchen, zu helfen, weil ich nicht weiß, wie ich sonst helfen kann.“

Ukraine Hilfsgüter werden verladen (Foto: SWR)
Ukraine Hilfsgüter werden verladen (Foto: SWR)

Die Physiotherapeutin habe gerade Urlaub und sei spontan gekommen, um beim Beladen zu helfen, auch wenn sie niemanden hier kennt. „Es tut gut zu sehen, dass so viele Leute zusammenkommen, die sich auch nicht kennen und anpacken und helfen. Und wenn es nur zwei Stunden sind, Hauptsache helfen.“

Sorgen macht sie sich auch darüber, ob der Konflikt näher an Deutschland heranrücken könnte:

„Im schlimmsten Fall werden wir auch betroffen sein. Aber jetzt ist er so nah, wie noch nie. Ich glaube, wir können morgen genauso hier stehen und haben unser Zuhause verloren.“

Mit diesen Worten im Kopf lädt Laura weiter Kartons auf den LKW. Die Stimmung vor Ort ist trotzdem gelöst. Wahrscheinlich sind alle einfach froh, etwas tun zu können, nicht ohnmächtig vor den schrecklichen Bildern in den Nachrichten zu verharren.

Das Hilfsangebot eines Berufskraftfahrers

Ukraine Hilfsgüter werden verladen (Foto: SWR)

„Es ist schade, dass die Politik das nicht auf die Reihe bekommt, das auf diplomatischem Weg zu lösen. Die Bevölkerung, die da überhaupt nichts für kann, das sind die Leidtragenden. Und das ist das Schlimme da dran. Das Leid, was gerade den Leuten zugefügt wird. Egal ob das in der Ukraine oder in Russland ist. Die LKW-Fahrer, die sind mittellos. Russische Fahrer und das kann es nicht sein, die leiden darunter, die da nichts mit zu tun haben“, sagt Jörg, der das Beladen seines LKW überwacht. Er ist Berufskraftfahrer im internationalen Fernverkehr. Er wird den LKW in der Nacht erst zur polnischen und dann weiter zur ukrainischen Grenze fahren. Eine Freundin bat ihn um Hilfe, als er gerade auf dem Rückweg von einem Transport aus Skandinavien unterwegs war.

„‚Jörg, haben wir eine Lösung?‘“ fragte ihn die Freundin, die für den Verein „Offenbacher helfen“ tätig ist. „Ich so: ‚Sicher finden wir eine Lösung.‘ Dann habe ich mit meinem Disponenten gesprochen. Der war auch sofort Feuer und Flamme und hat gesagt: ‚Ja, wir kriegen was auf die Reihe.‘“

LKW Fahrer mit seinem kleinem Hund (Foto: SWR)

Jörg arbeitet für die Spedition Bendel, die auch schon im Ahrtal geholfen hat. „Da haben wir auch schon Sachen ins Ahrtal gefahren und das ist jetzt genau dasselbe. Einfach den Leuten helfen. Das ist der Hintergrund.“

Ein lange LKW-Fahrt in die Ukraine, aber ein kurzer in den Krieg

Die Strecke von Mainz bis an die polnisch-ukrainische Grenze sind in etwa 1.300 Kilometer. „Wenn es läuft, schaffen wir vielleicht 800 Kilometer am Tag. Wir können neun, bzw. zehn Stunden lenken. Ich denke anderthalb Lenkzeiten brauchen wir schon.“

Also dauert es etwa zwei Tage, bis der LKW an der Grenze ankommt. Jörg stellt das Ganze unter ein Motto: „Fahren für den Frieden und für die Hilfe. Das Leid und Elend begrenzen und hoffen, dass mal Frieden einkehrt. Das ist mein Wunsch und mein Ziel und vielleicht kann ich da mit dem Transport dazu beitragen. Wäre schön, wenn das so wäre.“

Wir treffen Iryna wieder vor dem Lastwagen, sie checkt ihre Nachrichten am Handy. Man spürt ihre innere Unruhe als sie sagt: „Ich habe so Herzpochen. So oft versuche ich, meine Gedanken irgendwo andershin zu versetzen. Ich bin so froh, hier zu sein, in Frieden halt und ich hoffe, dass der Krieg aufhört.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt

In der Nacht wird sie den LKW an die Grenze begleiten, denn es ist nicht klar, wie es mit den Hilfsgütern hinter der Grenze weitergeht. Je nach Lage, werden sie auch weiter in die Ukraine reinfahren, sagt sie. Iryna hofft, dass die Unterstützung ankommt und ist froh, dass viele Freiwillige hier heute geholfen haben.

„Es wäre schön, wenn die Menschen wissen würden, dass wir für die da sind und sie nicht im Stich lassen. Vielen Dank an die ganzen Leute, dass die das gemacht haben. Das sie unsere Leute daheim in so einer schweren Situation unterstützen.“

Menschen vor LKW mit Hilfsgütern für Ukraine (Foto: SWR)

Anmerkung der Redaktion: Im Text wurde nachträglich ergänzt, dass es hauptamtliche und freiwillige Helfer und Helferinnen sind, sowie, das in den nächsten Tagen noch weitere Hilfstransporte geplant sind.

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