Liebe, Sex und Leder-Fetisch

Liebe, Sex und Leder-Fetisch

„Wenn jemand sagt: Deine sexuellen Vorlieben sind eklig – na und? Wir haben nur dieses eine Leben“, sagt Marcus Kapp, Mr. Leather Baden-Württemberg (Foto: SWR)
„Wenn jemand sagt: Deine sexuellen Vorlieben sind eklig – na und? Wir haben nur dieses eine Leben“, sagt Marcus Kapp, Mr. Leather Baden-Württemberg
Als Mr. Leather Baden-Württemberg ist Marcus ein Botschafter für die Fetisch-Szene im Land
Gummi, Leder, Bauarbeiter - Fetisch hat viele Gesichter

Mit dem Hund spazieren gehen im Leder-Outfit, kein Problem für Marcus aus Waiblingen. Als Botschafter der Fetisch-Szene im Land zeigt er, was er liebt.

„Ich kenne genug, die schwul sind, aber mit einer Frau verheiratet, zwei Kinder. Die würden gerne die Sau rauslassen, aber die Eltern, das Umfeld, der Beruf würden das nicht verstehen. Mit 60 könnten die sich ohrfeigen, weil sie ihr Leben verkackt haben.“

Marcus, 47, aus Waiblingen, Mr. Leather Baden-Württemberg 2019/20

 „Wenn jemand sagt: Deine sexuellen Vorlieben sind eklig – na und? Wir haben nur dieses eine Leben“, das erklärt Marcus am Küchentisch in seinem Haus in Waiblingen. Von oben bis unten ist er in Leder gekleidet, inklusive Lederkrawatte.

„Wenn mich jemand was fragt: Ich gebe offen Antworten. Die werden manchmal auch rot dabei, weil ich offen sag, was ich denk. Denn das ist meine Aufgabe: Mich zu zeigen, meinen Fetisch unters Volk zu bringen, mein Bundesland in der Szene zu vertreten, neue Fetischleute ranzuziehen und auch der Jugend zu zeigen: Schaut mal, uns gibt es.“

Von CSD bis Wasen: Mister Leather repräsentiert seinen Fetisch

Seit Mai 2019 ist Marcus der offizielle Mr. Leather Baden-Württemberg. Er vertritt den Leder-Fetisch in der Öffentlichkeit, läuft unter anderem beim CSD mit oder tritt beim „Gaydelight“ auf dem Wasen auf.

Marcus Kapp, Mr. Leather Baden-Württemberg mit der offiziellen Schärpe (Foto: SWR)
Marcus Kapp, Mr. Leather Baden-Württemberg mit der offiziellen Schärpe

So selbstbewusst er heute ist, so schüchtern war er früher. „Meine erste Fetischerfahrung war in Mannheim. Da habe ich mir fast in die Hose gepisst, als ich da vor der Tür stand, um zu klopfen und das erste Mal in einen Fetischclub reinzukommen.“ Kurz davor hatte er sich als schwul bei seiner Familie geoutet.

Outing vor den Eltern

„Meine Mutter hat es akzeptiert, mein Vater hat ab dem Zeitpunkt nicht mehr mit mir gesprochen.“ Auch sein erster Freund habe ihn nicht unterstützt, sondern klein geredet, erzählt Marcus.

Sein Selbstbewusstsein entwickelte sich erst so richtig, nachdem er die Beziehung nach 11 Jahren beendete und erlebte, dass Leute in der Szene positiv auf ihn reagieren, ihn gut finden.

Heute will er radikal er selbst sein, inklusive seines Fetischs.

„Versteckspielerei ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Wir sind in einer Zeit, wo wir das ausleben können, aber es gibt noch fürchterliche Hemmschwellen. Ich gehe viel entspannter mit meinem Leben um, seitdem ich nichts mehr verstecken muss.“

Wie findet man heraus, dass man einen Fetisch hat?

Aber wie findet man eigentlich zu seinem Fetisch? „Wenn du das erste Mal nen Kerl siehst, der im Leder so bombastisch aussieht, dann macht‘s einfach nur Klick in deiner Rübe und du weißt: das ist es!“, erklärt Marcus.

Stiefel mit Sporen: Detail aus dem Keller von Marcus Kapp, Mr. Leather Baden-Württemberg (Foto: SWR)

In Waiblingen wohnt er mit seinem Partner und mit Hund Jonas. Marcus und sein Freund sind schon lange zusammen, aber seit drei Jahren haben sie eine offene Beziehung.

Ihre Fetische seien so unterschiedlich. Während Marcus Leder- und Gummi liebt, mag sein Freund Bauerarbeiterklamotten, Gummistiefel, Funktionsjacken.

Auch bei Sex: nicht verstellen!

„Das Dümmste, was du tun kannst, ist, für jemanden den Fetisch anzuziehen, den du eigentlich gar nicht magst. Das ist genauso, wie wenn du mit ‘nem Kerl zusammen bist und du weißt, der steht auf diese Zimmermädchennummer, aber es kotzt dich an. Und du ziehst es nur an, um ihm einen Gefallen zu tun. Das wäre der beschissenste Sex deines Lebens.“

Marcus arbeitet auch in Waiblingen, an der Kasse einer Drogeriekette. „Als Tippse“, sagt er und lacht. Mittlerweile kann er dort sogar im Leder arbeiten – und vor allem die weiblichen Kunden seien oft sehr neugierig und fragten ihn aus.

Fetisch Leder: Die zweite Haut

„Leder zu tragen bedeutet nicht, dass du dich verkleidest. Viele denken, das ist so eine Art Kostüm. Wir nennen das immer die zweite Haut. Wenn du zum Beispiel in der Rolle des Sklaven bist: Du ziehst die Lederklamotten an, von Halsband bis Maske, dann fällt es dir leichter, zu kriechen und das zu machen, was dein Top – du hast dann ja einen Meister – was der alles mit dir anstellt.“

„Es ist ein sexueller Kick, das ist klar, es steigert den ganzen sexuellen Akt. Die Lederhaut anonymisiert auch ein Stück weit. Speziell in der Gummiszene, wenn die sich komplett in das Latex einhüllen, dann sind sie isoliert, und fühlen sich freier und ungehemmter.“

Schwul und Krebs?

Sein Amt als „Mr. Leather Ba-Wü“ nimmt er sehr ernst – er will Menschen, die nichts mit dem Fetisch zu tun haben, aufklären und gleichzeitig für die Fans in der Szene da sein.

Außerdem setzt er sich für schwule Männer mit Krebs ein, würde gerne eine Stiftung gründen. Über HIV werde viel gesprochen, erklärt Marcus, aber kaum jemand beschäftige sich damit, was für Bedürfnisse zum Beispiel schwule Männer mit Krebs haben.

Immer in der Öffentlichkeit: Mr. Leather Baden-Württemberg

Das Amt bringt in der Szene viel Sichtbarkeit mit sich – gute, wie schlechte. Marcus sagt, das kann er aushalten.

Als Mr. Leather Baden-Württemberg ist Marcus ein Botschafter für die Fetisch-Szene im Land (Foto: SWR)
Als Mr. Leather Baden-Württemberg ist Marcus ein Botschafter für die Fetisch-Szene im Land

„Aber, ich sag mal so: Wenn du kein Selbstbewusstsein hast, brauchst du dich für so eine Wahl nicht aufstellen lassen. Du erlebst immer wieder negative Sachen, z.B. beim CSD. Ich hatte in Mannheim einen vor mir, der mich gesegnet hat, der hat mit so einem Weihrauchkelch vor mir rumgeschwenkt: ‚Auch du wirst aus der Hölle wieder rauskommen.‘“

„Ich so: Ja, okay, Glückwunsch, und dann läufst du halt weiter. Andere nehmen sich viele Sachen zu Herzen. Wenn ich da durcheier in vollem Ornat, ich hab‘ die Nase oben und glotz' dermaßen arrogant in die Masse, dass die mich von vornherein in Ruhe lassen.“