Tom ist trans

Dauer

Tom wächst als Mädchen auf, spürt aber schon früh, dass irgendwas nicht stimmt. Aber erst mit 23 Jahren wird ihm klar: „Ich bin trans".

„Ich habe meinen Körper gehasst.“

Tom, 30, Transmann und Tätowierer


Tom wächst als Mädchen in Berlin auf. Als sich seine Eltern trennen, zieht er zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter nach Welzheim im Rems-Murr-Kreis. Damals ist er 13. Seine Jugend verläuft nicht so, wie er es sich gewünscht hätte:

„Ich habe schon früh gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Aber damals konnte man nicht einfach googlen und feststellen: Ah, ich bin trans!“

Was heißt Transgender?

Es soll noch ganze zehn Jahre dauern, bis Tom zu der Erkenntnis kommt: Sein biologisches Geschlecht stimmt nicht für ihn. Aus Angst vor Ablehnung ändert er allerdings erstmal nichts.

„Die Gesellschaft sagt: Du bist verrückt, du redest dir das ein. Das ist alles nicht so dramatisch. Das ist eine Phase. Du willst nur Aufmerksamkeit.“


Als Tom keinen anderen Ausweg mehr sieht, beschließt er, zu einem Psychiater zu gehen. Erst nach vielen Anläufen findet Tom einen in Reutlingen: „Eins der größten Probleme ist tatsächlich, dass es zu wenige Transpsychiater gibt.“

Im Alltagstest die eigene Männlichkeit beweisen

Und dann beginnt erst der wirklich harte Weg, erzählt Tom: „Man muss einen Alltagstest machen und auch zum Endokrinologen – einem Hormonarzt. Der muss eine Blutabnahme machen, denn nur, wenn du zu 100 Prozent genetisch weiblich bist, darfst du auch Hormone kriegen. Dann wirst du sechs Monate therapiert, musst vor Gericht einen Translebenslauf abgeben, in dem du aufschreibst, ab wann du eine Freundin hattest, ob du beziehungsfähig bist, mit Puppen oder mit Autos gespielt hast."

Am Ende bekommt Tom schließlich noch zwei Adressen von anderen unabhängigen Psychiatern, denn er braucht noch weitere psychologische Gutachten.

„Mit den drei Gutachten gehst du dann vor Gericht, da gibt es eine Gerichtsverhandlung, wo ein Richter dich noch einmal alles zu deinem Leben fragt: Siehst du männlich aus? Wie gibst du dich?“

Erst danach darf Tom endlich seinen Vornamen, seinen Personenstand und die Geburtsurkunde ändern. „Bis zur Personenstandsänderung war es ein langer Prozess, vor dem hatte ich wahnsinnig Angst, aber der lief eigentlich ganz easy.“

Testosteron: Die zweite Pubertät

Als Tom zum ersten Mal das männliche Hormon Testosteron bekommt, erlebt er eine Pubertät im Schnelldurchlauf.

„Ich bin morgens aufgewacht und war nicht mehr ich selber."

„Ich hatte Aggressionen, die ich so nicht kannte, ich habe geschwitzt, ich war schlecht drauf. Wie ein Jugendlicher in der Pubertät – nur eben viel, viel stärker.“ 

Seine damalige Freundin ist immer an seiner Seite: „Ich bin ihr dafür unglaublich dankbar. Das war für sie nicht einfach.“

Brustamputation – und die Frage nach dem Penis

Der nächste Schritt auf dem Weg, auch optisch ein Mann zu werden: geschlechtsangleichende Operationen. Sie sind optional, also kein Zwang. Tom beschließt trotzdem, auch diesen Weg zu gehen.

Seine Mastektomie – also Brustamputation – hat Tom mittlerweile schon hinter sich.

„Das Gefühl, plötzlich keine weibliche Brust mehr zu haben, war erst mal komisch."

Aber nur am Anfang, sagt er, dann sei alles genau richtig gewesen: „Es ist das, was man schon immer wollte. Ich war so stolz auf meinen Körper.“

Im vergangenen Dezember werden ihm auch Gebärmutter und Eierstöcke entfernt. Vielleicht will Tom eines Tages auch einen Penis, aber dafür will er sich Zeit lassen. Die OP ist aufwändig, er müsste sich noch mehrmals in Vollnarkose legen lassen. Kein ungefährlicher Eingriff und auch die Ergebnisse, sagt er, seien nicht immer zufriedenstellend. Deswegen möchte Tom schauen, wie sein Körper die Strapazen mitmacht:

„Nach jeder OP möchte ich entscheiden, wie es weitergeht. Jetzt genieße ich erst mal mein Leben. Alles Schritt für Schritt.“

Respekt statt Anfeindungen

Toms Heimatort Welzheim ist klein. Und auch wenn es ihm dort kaum jemand offen ins Gesicht sagt: Er weiß, dass sich die Leute hinter seinem Rücken das Maul über ihn zerreißen: „Das Absurde ist: Mich persönlich betreffen diese negativen Reaktionen gar nicht. Das wird alles hintenrum gesprochen."

„Es kommt niemand zu mir, der mit Transsexualität ein Problem hat, und spricht mich offen im Tattoo-Studio darauf an.“

Dabei würde Tom sich über einen offenen Umgang mit dem Thema freuen, denn es gibt eigentlich nur eine Frage, die er nicht beantwortet: die Frage nach seinem früheren Vornamen. „Das triggert zu stark und ich habe für mich beschlossen, dass ich mit diesem Namen nicht mehr in Verbindung gebracht werden möchte.“

Toms Mission: aufklären über trans

Seinen Lebensweg begleitet Tom in den sozialen Netzwerken, auf YouTube und Instagram – auch wenn das mit viel Gegenwind verbunden ist:

„‘Du Missgeburt!‘ oder ‘Gott hat dich als Frau erschaffen, warum schändest du diesen Körper?‘ – sowas habe ich alles schon gehört. Mit solchen Kommentaren muss ich leben, aber das kann ich sehr gut.“

Denn er hat eine Mission: „Zu erklären, was ‘trans‘ wirklich bedeutet und wie komplex es ist. Dieses Mobbing muss aufhören. Es ist alles gut so, wie jeder ist. Ganz egal, wie. Ob du schwul bist oder lesbisch, ob du dein Geschlecht nicht zuordnen kannst oder ob du dich im falschen Geschlecht fühlst, wie ich. Jeder darf sein, wie er ist.“