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Beamte der GSG 9 stürmen in den Bahnhofstunnel.

SENDETERMIN Mi, 5.4.2017 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Das tödliche Drama von Bad Kleinen Zugriff im Tunnel

Am 27. Juni 1993 kommt es auf dem Provinzbahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern zu einem folgenschweren Polizeieinsatz. Beim Versuch, zwei RAF-Terroristen festzunehmen, fallen Schüsse: Der GSG 9-Beamte Michael Newrzella und RAF-Mann Wolfgang Grams sterben. Der blutige Ausgang des Einsatzes wirft Fragen auf.

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Der Anti-Terror-Einsatz in Bad Kleinen

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Personenfahndungskarte des mutmaßlichen RAF-Terroristen Wolfgang Werner Grams vom März 1985. Bereits in den 1970er Jahren gehörte er zum Umfeld der Terrorgruppe. In den 1980er Jahren stellte er gemeinsam mit seiner Freundin Birgit Hogefeld die Kommandoebene der RAF dar.

Personenfahndungskarte des mutmaßlichen RAF-Terroristen Wolfgang Werner Grams vom März 1985. Bereits in den 1970er Jahren gehörte er zum Umfeld der Terrorgruppe. In den 1980er Jahren stellte er gemeinsam mit seiner Freundin Birgit Hogefeld die Kommandoebene der RAF dar.

Personenfahndungskarte von Birgit Elisabeth Hogefeld, herausgegeben vom deutschen Bundeskriminalamt im März 1990. Das BKA fahndete 1993 bereits mehrere Jahre nach der RAF-Terroristin.

Der Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg. Hier bereiten Beamte der GSG9-Spezialeinheit der Bundespolizei am 27.6.1993 die Festnahme der mutmaßlichen RAF-Terroristen Hogefeld und Grams vor.

Der damals ermittelnde Staatsanwalt Gerrit Schwarz und der damalige Operationschef des Bundeskriminalamts Rainer Hofmeyer am einstigen Tatort.

Beamte der GSG 9 stürmen in den Bahnhofstunnel. (Szenische Rekonstruktion)

Birgit Hogefeld wird in der Unterführung festgenommen. (Nachgestellte Szene am Originalschauplatz)

Wolfgang Grams flüchtet vor den heranstürmenden Polizisten auf den Bahnsteig. (nachgestellte Spielszene) Dort schießt er auf seine Verfolger und trifft den GSG9-Beamten Michael Newrzella.

Im folgenden Schusswechsel wird Wolfgang Grams durch einen Kopfschuss tödlich verletzt.

Grab des Polizisten Michael Newrzella, genannt "Shorty". Auch er kommt bei der Festnahmeaktion in Bad Kleinen ums Leben.

Die Schusswaffe von Wolfgang Grams, eine Brünner CZ 75 ("Ceska"), wird heute im Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern aufbewahrt.

Gefälschter Ausweis von Birgit Hogefeld. Bei ihrer Festnahme in Bad Kleinen führt sie eine Vielzahl falscher Ausweispapiere mit sich.

Demonstranten vor dem Bahnhof von Bad Kleinen. Monatelang gibt es nach dem Polizeieinsatz Diskussionen darüber, ob Wolfgang Grams sich selbst gerichtet hatte oder von einem GSG 9-Beamten "hingerichtet" worden war.

Ein Anti-Terror-Einsatz gerät außer Kontrolle

Bad Kleinen, 27. Juni 1993. Ein Sonntagnachmittag. Niemand auf dem Bahnhof ahnt, dass eine Polizeiaktion gegen die RAF unmittelbar bevorsteht. Als drei mutmaßliche Terroristen den Bahnhofstunnel betreten, löst ein Beamter der Eliteeinheit GSG 9 den Zugriff aus. Doch die Festnahme gerät zu einem Fiasko. Der junge GSG 9-Beamte Newrzella und der mutmaßliche Terrorist Wolfgang Grams kommen ums Leben. Die Terroristin Birgit Hogefeld wird verhaftet. Sehr schnell wird der Verdacht laut, Grams könnte von Polizisten der GSG 9 "hingerichtet" worden sein. Innerhalb weniger Tage tritt daraufhin der Bundesinnenminister zurück. Der Generalbundesanwalt wird entlassen, führende BKA-Beamte werden strafversetzt.

Das Versagen der GSG 9 als Staatskrise?

In Bad Kleinen habe das Bundeskriminalamt mit einer Hundertschaft von Beamten seine Schlagkraft beweisen wollen, sagt einer der damals leitenden BKA-Beamten, "und ausgerechnet das mussten wir versieben!" Noch härter fällt das Urteil von Ulrich Wegener aus, des Gründers der GSG 9: "Was in Bad Kleinen passiert ist, war eine Schädigung unseres Ansehens!" "Eine schlimme Zeit" konstatiert der damalige BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert. Denn der Rücktritt von Innenminister Rudolf Seiters und die Entlassung von Generalbundesanwalt von Stahl schienen die bösen Vermutungen zunächst zu stützen. Eine Staatskrise? "Der Staat hat das zur Krise gemacht", sagt der damalige Einsatzleiter des BKA Rainer Hofmeyer.

Dreharbeiten in der Bahnhofsunterführung von Bad Kleinen

Dreharbeiten in der Bahnhofsunterführung von Bad Kleinen

Was wirklich geschah

Erst heute erlauben lange unter Verschluss gehaltene Akten, die Ereignisse neu zu rekonstruieren und aufzuarbeiten. Für den Film kehren Protagonisten von damals an den Schauplatz des Geschehens in Bad Kleinen zurück: Rainer Hofmeyer leitete als Abteilungspräsident "Terrorismus" des Bundeskriminalamts die gesamte Operation, Gerrit Schwarz führte als leitender Oberstaatsanwalt in Schwerin die späteren Ermittlungen. Sie analysieren und bewerten noch einmal die Fehler, die damals gemacht wurden, und beraten das Fernsehteam. Insider aus dem BKA und der GSG 9, die seit dem Desaster von Bad Kleinen geschwiegen hatten, äußern sich vor der Kamera. Ihre Aussagen machen die Dokumentation nicht nur zu einem spannenden Zeugnis deutscher Zeitgeschichte; sie erlauben auch, die Hintergründe neu zu beleuchten.

Ein Film von Egmont Koch, Internetfassung: Lydia Egger

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Mi, 5.4.2017 | 21:00 Uhr

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