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Lageplan für ein Kernkraftwerk bei Wyhl am Rhein.

Atomkraftgegner im Südwesten Wyhl? "Nai hämmer gsait!"

Der Widerstand gegen das Atomkraftwerk am Kaiserstuhl

Was vor vierzig Jahren in Wyhl am Kaiserstuhl geschah, war einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zum ersten Mal wehren sich Bürger gegen ein geplantes Großprojekt ihrer Landesregierung.

Ein Atomkraftwerk am Rhein

Am 19. Juli 1973 gibt die Landesregierung Baden-Württemberg den Standort eines geplanten Kernkraftwerks bekannt: Wyhl im nördlichen Kaiserstuhl. Ministerpräsident Filbinger hat eine Vision: entlang des Rheins soll eine Industriezone entstehen, ein "Ruhrgebiet am Rhein", mit tausenden von Arbeitsplätzen von Basel bis Frankfurt. Die neue, saubere Energie aus Atomkraft soll es möglich machen - noch ist der Fortschrittsglaube ungebrochen.

Lageplan für ein Kernkraftwerk bei Wyhl am Rhein.

Skizze des geplanten Atomkraftwerks bei Wyhl am Rhein.

Widerstand formiert sich

Doch kaum haben die Wyhler von den Plänen erfahren, regt sich Widerstand. Aus dem ganzen Kaiserstuhl kommen die Menschen und demonstrieren. Bürgerinitiativen werden gegründet, Gutachter befragt, Flugblätter verteilt, Informationsveranstaltungen organisiert. Es geht nicht mehr nur um die Angst vor klimatischen Veränderungen, auch die Gefahren durch Strahlung sind inzwischen Thema. Im Dezember 1974 fahren besorgte Bürger nach Stuttgart, um mit ihren Abgeordneten zu sprechen. Sie werden nach langem Warten schließlich angehört, aber sie fühlen sich nicht ernst genommen.


Polizei gegen Bürger

Ein Bürgerentscheid in Wyhl bringt im Januar 1975 einen Sieg der Befürworter, aber die Gegner geben nicht auf. Als Ende Februar mit dem Bau des AKW begonnen wird, besetzen sie den Platz. Es sind überwiegend Winzer, Bauern, Hausfrauen, Rentner und Handwerker, viele, die bislang mit der Politik der regierenden CDU einverstanden waren. Die Landesregierung setzt Polizei mit Hunden und Wasserwerfern gegen die gewaltfreien Besetzer ein. Die Räumung sorgt bundesweit für Aufsehen und wird im Kaiserstuhl nicht mehr vergessen.

Die Polizei geht im Februar 1975 mit Wasserwerfern gegen Demonstranten auf dem besetzten Baugelände in Wyhl vor.

Wasserwerfereinsatz gegen Demonstranten auf dem Bauplatz des AKW Wyhl

Gemeinsam für die Sache

Wenige Tage später demonstrieren 28.000 Menschen in Wyhl. Der Platz wird erneut besetzt, diesmal für neun Monate. Die Versuche der Landesregierung, die Besetzer als „Kommunisten" abzutun, scheitern an der Realität. Es sind nach wie vor vor allem die Bürger vor Ort, die auf dem Platz sind, unterstützt von Bürgerinitiativen aus dem ganzen Südwesten, der Schweiz, dem Elsaß und Studenten aus Freiburg. In der "Volkshochschule Wyhler Wald" finden Informationsveranstaltungen und Liederabende statt. Winzerinnen führen Stücke von Brecht auf, Liedermacher komponieren alemannische Protestsongs und erste Solaranlagen werden erdacht.


Symbol für Widerstand und Basisdemokratie

Der Druck auf die Politik wächst. Zum ersten Mal tritt eine Landesregierung mit Bürgerinitiativen in Verhandlungen und man einigt sich auf ein juristisches Verfahren, das beiden Seiten Gehör verschafft. Die kleine Gemeinde Wyhl wird weltweit zum Symbol für den bürgerlichen Widerstand gegen die Politik. Sie ist Vorreiter einer neuen politischen Orientierung hin zur Basisdemokratie.


"Ja hämmer gsait" – Eine Region geht neue Wege

In der Region entwickelt sich ein neues ökologisches Bewusstsein. Aus dem Widerstand gegen das Atomkraftwerk am Kaiserstuhl entstehen zahlreiche Umweltinitiativen, auch das Ökoinstitut und die Partei "Die Grünen" haben hier ihre Wurzeln. In Wyhl wird der Grundstein zum Umdenken in Sachen Atomkraft gelegt.

Freiburger Büro des Öko-Instituts im "Sonnenschiff"

Freiburger Büro des Öko-Instituts