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Autoexperte Paolo Tumminelli sitzt vor einem grauen Oldtimer im Museum

SENDETERMIN Fr, 4.1.2019 | 3:45 Uhr | SWR Fernsehen

Geschichte des Automobils Wie das Auto den Südwesten eroberte

Das Auto brachte den Menschen Mobilität und der Region Wohlstand. Der Dieselskandal hat das Vertrauen in Industrie und Politik erschüttert. Wie konnte es soweit kommen?

Vom Luxusgut zum Wohlstandsmotor

In Deutschland ist das Automobil lange Luxus. Erst durch die Massenmotorisierung der 1950er und 1960er Jahre kommt es bei allen Menschen an. Der Südwesten ist Autoland. Hier macht Carl Benz seine bahnbrechende Erfindung. Er legt damit den Grundstein für die Automobil- und Zulieferindustrie. Seit den 1960er Jahren ist das Auto Motor des Wohlstands. Gerät die Autoindustrie in die Krise, hilft der Staat mit autofreundlicher Politik.

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Geschichte der Autoproduktion im Südwesten

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Einer Pferdekutsche noch recht ähnlich: der dreirädrige Benz Patentmotorwagen Nr. 3 (Nachbau). Nach der erfolgreichen Fahrt von Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim 1888 wird die Öffentlichkeit auf das Potential des Fahrzeugs aufmerksam.

Einer Pferdekutsche noch recht ähnlich: der dreirädrige Benz Patentmotorwagen Nr. 3 (Nachbau). Nach der erfolgreichen Fahrt von Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim 1888 wird die Öffentlichkeit auf das Potential des Fahrzeugs aufmerksam.

Arbeiter der Daimler-Motoren-Gesellschaft im Jahr 1893. In der Fabrik auf dem Seelberg in Cannstatt bei Stuttgart werden Motorfahrzeuge in Handarbeit gefertigt.

Wagenmontage in Cannstatt bei Stuttgart im Jahr 1900. Hier produziert Gottlieb Daimler "pferdelose Wagen" - Startschuss für eine zunächst noch kleine Industrie.

In der Cannstatter Fabrik der Daimler-Motoren-Gesellschaft 1902. Die arbeitsintensive Produktionsweise der Automobile legt den Grundstein für zahlreiche Zulieferbetriebe.

Bis in die 1930er Jahre fertigen Luxus-Hersteller wie Daimler-Benz oft nur das Auto-Chassis. Die Karosserie wird nach den Wünschen der Kunden von anderen Firmen gefertigt.

Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Autoproduktion wieder in Gang kommt, liegt der Fokus auf Nutzfahrzeugen. Der Unimog (Universal-Motor-Gerät) wird als Allzweckfahrzeug entwickelt. Für die meisten Privatleute ist ein eigenes Auto unerschwinglich.

Der Traum vom eigenen Auto. Statussymbol, Mittel der Freiheit. In der Nachkriegszeit trägt die Politik zur fortschreitenden Mobilisierung bei.

Boom der Autoindustrie in den 1960er Jahren. Im Südwesten werden in "schwäbischer Wertarbeit" Autos am Fließband gefertigt. Immer häufiger finden auch Frauen in Automobil- und Zulieferbetrieben einen Arbeitsplatz.

Die Autoindustrie boomt weiter. Stuttgart, Philippsburg, Göppingen, Leonberg: Automobilzulieferer in der Region produzieren für Autobauer weltweit. Das schafft Arbeitsplätze, aber aber auch eine große Abhängigkeit vom Automobil im Südwesten.

Ab den 1970er Jahren zeigt sich zunehmend die Kehrseite der Massenmotorisierung: Verkehrsprobleme, Unfalltote, Waldsterben. Auch die Ölkrise 1973 trifft die Autoindustrie. Die Branche hat mit Kurzarbeit zu kämpfen und wehrt sich gegen geplante Tempolimits.

2007 bringt die Finanzkrise die Automobilwirtschaft im Südwesten in Schwierigkeiten. Durch die "Abwrackprämie" versucht der Staat den Absatz von Neuwagen anzukurbeln.

Mercedes-Benz Werk in Sindelfingen heute. Diesel-Skandal und Elektro-Mobilität stellen die Automobilindustrie im Südwesten vor große Herausforderungen: Gelingt es, dem Auto durch verantwortungsvolle technische Weiterentwicklung einen Weg in die Zukunft zu ebnen?

Kontroverse Massenmobilisierung

Das kommt aber nicht bei allen gut an. Die Kehrseiten der zunehmenden Massenmotorisierung rufen Kritiker auf den Plan. Anfang der 1970er Jahre verhindert Günther Bentele den Abriss der Altstadt von Bietigheim, die autogerecht umgebaut werden soll. Wolf Hockenjos kämpft damals erfolgreich gegen die Schwarzwaldautobahn. Susanne Jallow lebt am Stuttgarter Neckartor. Wegen der schlechten Luft dort verklagt sie den Oberbürgermeister.

Ein Mann verteilt Flugblätter an Autofahrer (Archivbild von 1984)

Protest gegen das Waldsterben, 1984

Auto in der Krise

Im Südwesten liegt das Zentrum der Autoindustrie nicht nur Deutschlands, sondern sogar Europas. Doch Dieselskandal, Feinstaub- und Stickoxidbelastung führten in die aktuelle Vertrauenskrise. Karl-Heinz Büschemann beobachtet die Autoindustrie seit vielen Jahren für die Süddeutschen Zeitung. Für Büschemann steht momentan die Zukunft der Branche auf dem Spiel. Es ist an der Zeit, das Auto neu zu erfinden.

Stehender Verkehr in Stuttgart, 2017

Stehender Verkehr in Stuttgart, 2017

Auto-Experten erzählen

Im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg gibt Gründer Winfried Seidel Einblicke in die Anfangsjahre des Autos. Professor Dr. Kurt Möser vom Karlsruhe Institut für Technologie erklärt, wie die Autoindustrie im Südwesten so erfolgreich wurde. Ein Blick in die Geschichte des Automobils, eine Suche nach Antworten auf die Frage nach der Zukunft der Mobilität.

Ein Film von Achim Scheunert