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Wilm Hosenfeld (Bernhard Conrad) im Klassenzimmer. Neben ihm an der Wand hängend ein Portrait von Adolf Hitler.

SENDETERMIN Mi, 4.9.2019 | 20:15 Uhr | 3sat

Dokumentarfilm im Ersten Vater Mutter Hitler

Vier Tagebücher und eine Spurensuche

Mehr als 70 Jahre nach Ende des Dritten Reiches ist der Nationalsozialismus Geschichte - aber auch Gegenwart. Bis heute gehen Kinder und Enkel auf Spurensuche und fragen sich, wie ihre Eltern und Großeltern zu Adolf Hitler und zur NS-Ideologie standen. Gehörten sie zu den Unterstützern und Anhängern des NS-Regimes? Oder waren sie vielleicht sogar Täter? Und was bedeuten die Antworten auf diese Fragen für ihr eigenes Leben heute?

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Vier Schicksale im Nationalsozialismus

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Wilm Hosenfeld wird 1895 in der Nähe von Fulda geboren. Der Vater von vier Kindern arbeitet als Dorfschullehrer in dem hessischen Dorf Thalau.

Wilm Hosenfeld wird 1895 in der Nähe von Fulda geboren. Der Vater von vier Kindern arbeitet als Dorfschullehrer in dem hessischen Dorf Thalau.

Das Ideal der Nationalsozialisten von einem "starken Deutschland" zieht auch Wilm Hosenfeld (Bernhard Conrad) in seinen Bann. 1933 wird er Mitglied der SA und besucht begeistert große Massenveranstaltungen der Nationalsozialisten.

Auch seine Schüler will Wilm Hosenfeld (Bernhard Conrad) für Hitler begeistern. Weil er als bekennender Christ auch von Frieden und christlichen Werten spricht, wird ihm die Lehrerlaubnis für den weltanschaulichen Unterricht entzogen. Sein Glaube an den Nationalsozialismus ist jedoch ungebrochen. Als Hitler im September 1939 den Angriff auf Polen befiehlt, meldet er sich freiwillig.

Wilm Hosenfeld wird zum Offizier und Leiter der Wehrmachtschule in Warschau befördert. Trotz der Verbrechen der Deutschen genießt er Ansehen bei den Menschen, die ihn kennen, da er jeden respektvoll behandelt.

Doch der menschenverachtende Umgang seiner deutschen Landsleute mit Polen, Gefangenen oder Juden bringt ihn in einen Zwiespalt. Das Ziel eines großen, starken Deutschlands steht gegen die als unmenschlich erlebten täglichen Gräueltaten. Wilm Hosenfeld (Bernhard Conrad, l. mit Jacek Szerkus) beginnt einen heimlichen Kampf um Menschenleben.

Ida Timmer wird 1914 als zweites von fünf Kindern geboren. Nach Ende des Ersten Weltkriegs lebt sie mit ihrer Familie in Solingen. Ihr Vater ist arbeitslos. Seit sie 14 ist, arbeitet Ida in einer Gärtnerei.

In der Familie von Ida Timmer (Sinja Dieks) herrschen Armut und Hunger. An manchen Tagen wissen Ida und ihre Schwestern nicht, was sie essen sollen.

In der Machtergreifung Hitlers sieht Ida Timmer (Sinja Dieks) die Chance auf eine bessere Zukunft. Sie träumt von einer eigenen Familie ohne Geldsorgen. Der neue Drill der Jugend imponiert der sportlichen Ida, die in ihrer Freizeit immer häufiger die Nähe zur Hitlerjugend sucht. Mit 19 Jahren lernt sie den jungen Soldaten Franz Sommer kennen und will heiraten.

Doch Franz muss in den Krieg ziehen. Als er in Russland fällt, ist Ida Timmer (Sinja Dieks) mit 28 Jahren wieder allein und arbeitet immer noch in der Gärtnerei. Ihre Lebensträume drohen zu zerplatzen, denn die meisten Männer sind im Krieg und Ida hat immer noch keine Perspektive auf Familie und ein besseres Leben.

Mitten im Bombenkrieg lernt Ida Timmer (Sinja Dieks) schließlich doch noch einen Mann kennen. Otto Eichhorn (Konstantin Thein) ist Führer der Hitler-Jugend in Unna. 1944 verloben sich die beiden und heiraten. Das Ehepaar bekommt drei Kinder. Zum ersten Mal genießt Ida ein Leben in bescheidenem Wohlstand.

Felix Maier wird 1910 als uneheliches Kind in Wien geboren. Fünf Jahre später heiratet seine Mutter einen Juden. Dieser adoptiert Felix, der fortan den Namen "Landau" trägt. Im März 1931 wird Felix Landau Mitglied der NSDAP.

Gemeinsam mit seinen Kameraden überfällt der überzeugte Nationalsozialist Felix Landau (Michael Steinocher) im Juli 1934 das Kanzleramt in der österreichischen Hauptstadt. Die Wiener Anhänger Hitlers wollen die Macht an sich reißen. Doch der Aufstand wird niedergeschlagen, Landau kommt für drei Jahre in Haft.

Nach seiner Entlassung aus der Haft geht Felix Landau (Michael Steinocher, Mitte) nach Deutschland und tritt in die SS ein. Als die Deutschen 1938 Österreich besetzen, kehrt er nach Wien zurück. In der dortigen Gestapo-Leitstelle für die Enteignung der Juden zuständig, hat er keine Skrupel, in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Im Sommer 1941 meldet Felix Landau (Michael Steinocher) sich zu einem Erschießungskommando in die Ukraine. Im damals polnischen Drohobycz führt er schon bald als "Judengeneral" ein Schreckensregiment. Während er willkürlich Juden misshandelt und gewissenlos unzählige Menschen tötet, müssen Zwangsarbeiter seine Villa in Stand setzen.

Luise Solmitz (l.) wird 1889 in Hamburg geboren. Sie heiratet Friedrich Wilhelm Solmitz, einen ehemaligen Offizier des Ersten Weltkriegs, und hat mit ihm eine Tochter.

Fredy Solmitz (Kai Maertens) ist streng deutschnational und evangelisch. Dass seine Eltern Juden sind, spielt für ihn keine Rolle. Luise Solmitz (Christina Kühnreich) bewundert Adolf Hitler. Der "Heiland", wie sie ihn in ihrem Tagebuch nennt, soll Deutschland wieder stark machen.

Doch die Abstammung ihres Mannes bringt die glühende Hitler-Anhängerin und ihre Familie in Bedrängnis. Nach den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 gilt Luise Solmitz' (Christina Kühnreich) Tochter Gisela nicht mehr als "Arierin". Sie ist von vielen Dingen ausgeschlossen, ihre Zukunft ist gefährdet.

Fredy Solmitz (Kai Maertens) wird von den Nationalsozialisten bedroht und gedemütigt. Der verdiente ehemalige Offizier muss seine Waffen abgeben. Scheiden lassen will Luise Solmitz sich trotz der zunehmenden Bedrohung aber nicht.

Bereits vor der Bombardierung Hamburgs durch die Alliierten im Juli 1943 durchlebt Luise Solmitz Tage und Nächte voller Angst. Als eine jüdische Nachbarin von der Gestapo abgeholt wird, steigt auch die Sorge, dass Mann und Tochter deportiert werden könnten. (v.l.n.r. Christina Kühnreich, Julia Swiech, Kai Maertens).

Auf Spurensuche

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in den Familien über diesen Teil der Geschichte zu oft geschwiegen. Antworten finden manche der Angehörigen in Tagebüchern, in denen Eltern oder Großeltern ihre Gedanken, Ansichten und politischen Überzeugungen festgehalten haben.

Die Nachfahren lernen ihre Eltern und Großeltern auch von einer manchmal verstörenden Seite kennen. Sie erfahren, welche Hoffnungen diese mit der Machtübernahme Hitlers verbanden, welche Lebensentwürfe sie verfolgten und wie sich ihr Leben unter Hitler veränderte. Sie erfahren aber auch, wie diese Lebensträume an Hitlers Politik zerbrachen - und manche müssen damit leben, dass Familienmitglieder zu den Tätern gehörten.


Felix Landau - der "Judengeneral"

Teja-Udo Landau, geboren 1944, erfuhr erst spät, was sein Vater in der NS-Zeit getan hat. Felix Landau war ab 1941 an Erschießungen von Juden beteiligt. Im damals polnischen Drohobycz führte er als selbst ernannter "Judengeneral" ein Schreckensregiment.

Das Tagebuch des Vaters ist ein erschütterndes Dokument, das seinen Sohn Teja-Udo bis heute verstört. Zum ersten Mal gibt er ein ausführliches Interview: "Es hat eine Weile gedauert, dass ich mit mir ins Reine gekommen bin und mir gesagt hab, okay, du bist wohl der Sohn deines Vaters, aber das heißt noch lange nicht, dass du so sein musst wie er."


Wilm Hosenfeld – der heldenhafte Retter?

Wilm Hosenfeld rettete als Wehrmachtsoffizier während der deutschen Besetzung Warschaus den jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman vor dem Tod. Roman Polanskis Film "Der Pianist" machte ihn weltweit berühmt. Ein Held? Was bisher wenig bekannt war: Fasziniert von den Nationalsozialisten besuchte Hosenfeld Reichsparteitage, trat in die SA ein und wurde als Besatzungssoldat in Polen zum Hauptmann befördert.

Wie passt das zusammen? Das fragen sich seine Kinder Jorinde und Detlev, seit sie zum ersten Mal seine Aufzeichnungen lasen. Jorinde Krejci: "Ich glaube, der Vater konnte sich dieser Massenhysterie nicht entziehen … aber er hat doch die große Gefahr gesehen des Krieges."


Luise Solmitz – Patriotin im Zwiespalt

Auch die Hamburgerin Luise Solmitz ist 1933 glühende Hitleranhängerin. Sie erhofft sich nach Jahren gewaltsamer politischer Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik vor allem politische Stabilität. Aber da ihr Mann, Fredy Solmitz, der im Ersten Weltkrieg als Offizier für Deutschland gekämpft hatte, jüdischer Abstammung ist, wird die Familie ausgegrenzt und verfolgt.

Den Enkel von Luise Solmitz, Robert Salkind, berührt das Schicksal seiner Großmutter und ihrer Familie noch heute tief: "Es war ein Schock, als ich begriffen habe, wie es ihr ergangen ist."


Ida Timmer – der Traum von Sicherheit und Wohlstand

Ida Timmer aus Solingen begrüßt Hitlers Machtübernahme. Als junges Mädchen imponiert ihr, wie das NS-Regime die Jugend umwirbt und Arbeit und soziale Sicherheit verspricht. Sie will heiraten und Kinder kriegen. Doch ihr Lebensentwurf scheitert an Hitlers Kriegspolitik, ihre Träume platzen.

Ihre Töchter Brigitte Sprenger-Eichhorn und Gerlinde Eichhorn beklagen das Schweigen der Mutter nach dem Krieg. Gerlinde Eichhorn: "Dass sie sich mir gegenüber nicht geöffnet hat, das kann ich nicht verstehen. Warum? Warum?".


Geschichte wird Gegenwart

Die Tagebücher der vier Protagonisten sind einzigartige Zeugnisse, die unmittelbar unter dem Eindruck der historischen Ereignisse geschrieben sind. Sie geben somit die Überzeugungen ihrer Verfasser unverfälscht und unbeeinflusst von den späteren politischen Entwicklungen wieder. In aufwändigen Spielszenen rekonstruiert der Film das Leben von Felix Landau, Wilm Hosenfeld, Luise Solmitz und Ida Timmer zwischen 1933 und 1945. In Interviews kommentieren und ergänzen deren Kinder und Enkel die Spielszenen und lassen deutlich werden, wie stark sie die Fragen von Schuld und Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus noch heute beschäftigen.

Ein Film von Tom Ockers