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Wir Reiseweltmeister Von "Balkonien" bis Bella Italia

Urlaub in der Nachkriegszeit

Nach 1945 sind Capri, die Adria oder Mallorca für die Deutschen noch fast so unerreichbar wie der Mond. Die Not des Alltags überdeckt alle Gedanken an einen Urlaub; nur die Kinder dürfen in den Sommerferien manchmal zu Freunden und Bekannten aufs Land. Es gibt zunächst auch kaum Unterkünfte, in den wenigen unzerstörten Hotels sind Besatzer oder Flüchtlinge einquartiert.

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Wir Reiseweltmeister: Von Balkonien bis Bella Italia

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Mit Motorrad und Beiwagen unternimmt die Familie Paumen aus Düsseldorf ihre ersten Urlaubsreisen in der Nachkriegszeit.

Mit Motorrad und Beiwagen unternimmt die Familie Paumen aus Düsseldorf ihre ersten Urlaubsreisen in der Nachkriegszeit.

Campingplatz am Gardasee, 1950er Jahre

Halt am Straßenrand für einen Panoramablick auf den Urner See in den Schweizer Bergen.

Auf der Passhöhe, Österreich 1960

Seeidylle, Millstädter See, Österreich 1960

Mein schönster Platz, Millstädter See, Österreich 1960

Erst nach der Währungsreform geht es langsam aufwärts, die Menschen haben wieder Geld und eine Urlaubsreise wird möglich. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Bahn 3. Klasse machen sich die Deutschen auf, meist in die nähere Umgebung, eine Woche höchstens, ohne Luxus. Der klassische Urlaub ist der Wanderurlaub, übernachtet wird auf Heuböden oder in Jugendherbergen. Der Schwarzwald und der bayerische Wald sind beliebte Reiseziele, doch bald zieht es die Deutschen auch weiter weg.

1:57 min

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Karl-Heinz Paumen:

Erste Urlaubsfahrten nach dem Krieg

Annemarie und Karl-Heinz Paumen gehen von Düsseldorf aus mit Motorrad, Beiwagen und Steilwandzelt auf große Fahrt, zunächst nach Holland. "Die Nachbarn haben gesagt, wir wären Außenseiter, wir wären verrückt. Aber wir wollten einfach ein bißchen raus." Gretel Ausmeier, ein Sylter Inselkind, erlebt damals die ersten Gäste in der neu eröffneten Pension ihrer Mutter. Es gibt kein fließendes Wasser, alle Räume sind für die zahlenden Fremden reserviert, die sogar mit in der Küche sitzen: "Eindringlinge waren das für uns Kinder, die uns aus unseren Betten jagten!"

Erholung und Männer als Mangelware

Wo Bauern sind, ist die Versorgungslage besser. Viele fahren deshalb in die Voralpen, wo es bereits wieder gut zu essen gibt. Und es gibt dort noch etwas anderes, was in der Nachkriegszeit Mangelware ist: Männer im heiratsfähigen Alter, wie Hilde Wulff feststellt. Die junge Kielerin darf nach Ruhpolding in die Sommerfrische – und verguckt sich in Toni Hörterer ein echtes bayerisches Mannsbild. Sepp Buchauer, damals einer der ersten "Fremdenführer" in Ruhpolding, erzählt, welchen Schlag er bei den Touristinnen hatte.


Als Ostdeutscher hat man auch Jahre nach dem Krieg nicht verlernt, sich auf Verdacht anzustellen, wenn sich irgendwo eine Schlange bildet. In den Hotels, Pensionen und FDGB-Heimen an der Ostsee ist Schmalhans Küchenmeister: "Lieblingsbeschäftigung im Urlaub war Rezeptetausch. Man lernte so, aus Nichts etwas Essbares zu machen." Barbara und Erich Busch aus Leipzig erinnern sich dennoch gern an ihren ersten gemeinsamen Urlaub an der Ostsee, bei dem sie als Unverheiratete in getrennten Zimmern schlafen müssen, sonst hätte sich der Gastgeber strafbar gemacht.

Sehnsucht Urlaub

Flugreisen sind auch im Westen damals ein Privileg weniger. 1955 ist Margot von Engelmann-Rohde dabei, als die Lufthansa zu ihren ersten Flügen nach dem Krieg startet – als junge Stewardess. Damals war das ein ganz besonderer und sehr begehrter Beruf.

Mit dem Wirtschaftswunder wird Italien immer mehr zum Sehnsuchtsurlaubsort der Deutschen. Das Land jenseits der Alpen lockt mit Sonne, Strand und Meer. Mit einem gebrauchten Opel Rekord und der Schmalfilmkamera macht sich der Wuppertaler Gerhard Gimpel auf den Weg über die Alpenpässe. Schlager, Pasta, Papagalli, alles ist neu und aufregend und auch ein wenig unheimlich. So kurz nach dem Krieg sind die Deutschen nicht bei allen Italienern willkommen, doch auch manche Ehe – wie die von Hans und Simonetta Krüger – nimmt dort bei einem Cappuccino ihren Anfang.

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