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 Knopfleistenhemd

Arbeiterwäsche macht Weltkarriere Opas Hemd wird Kult

Ein Designer aus Berlin und ein Unternehmer aus Albstadt haben die Wäscheproduktion auf der schwäbischen Alb wiederbelebt. Nach der Vorlage eines Arbeiterhemds aus den 20er Jahren entwerfen sie Hemden und T-Shirts. Die kleine Kollektion trifft einen Nerv der Zeit und verkauft sich weltweit.

Für den Erfolg des Retro-Shirts sind zwei völlig unterschiedliche Männer verantwortlich: Peter Plotnicki, stilbewusster Herrenschneider und Designer aus Berlin, und Rudolf Loder, ein pragmatischer Arbeiter und Unternehmer, einer der wenigen überlebenden Textilhersteller auf der Schwäbischen Alb.

Textilunternehmer Rudolf Loder und Modedesigner Peter Plotnicki.

Textilunternehmer Rudolf Loder (li.) und Modedesigner Peter Plotnicki.

Vom Charme eines Knopfleistenhemdes

Das Märchen von Opas Hemd beginnt mit einem Streifzug von Rudolf Loder durch den Keller einer stillgelegten Textilfirma auf der Schwäbischen Alb. Dort findet er 40 Tonnen alte Arbeiterunterhemden. Kleidung, mit der er nichts anfangen kann. Er verschenkt die Hemden an einen Kleiderhändler. Auf einem Berliner Flohmarkt entdeckt Peter Plotnicki die Baumwollunterhemden. Für den Designer ist es Liebe auf den ersten Blick. Bald wird ihm klar: Solche Sachen will er selber machen.


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Arbeiterhemd macht Weltkarriere

Hemden aus dem Heimatmuseum

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Ein Modell der Marke "Merz beim Schwanen" heute: Retro-Unterhemd aus europäischer Bio-Baumwolle. Vollständig gefertigt auf der Schwäbischen Alb.

Ein Modell der Marke "Merz beim Schwanen" heute: Retro-Unterhemd aus europäischer Bio-Baumwolle. Vollständig gefertigt auf der Schwäbischen Alb.

Peter Plotnicki. Der gelernte Herrenschneider mit Design-Büro in Berlin hat ein Faible für Vintage-Mode und ausgefallene Design-Ideen.

Auf Flohmärkten holt sich Peter Plotickni immer wieder Inspirationen für neue Entwürfe. Hier entdeckte er eines Tages alte Wäschestücke aus Albstadt.

Albstadt liegt auf der Schwäbischen Alb, etwa auf halbem Weg zwischen Stuttgart und dem Bodensee. Die Stadt zählte bis Mitte in die Neunziger Jahre zu den bedeutendsten Textilzentren im Südwesten.

Hochkonjunktur in der Textilherstellung auf der Alb: Näherinnen in einer Textilfabrik.

Rudolf Loder ist Textilunternehmer der Firma "Gota" in Albstadt aus Leidenschaft. Historische Museen und deren Technik begeistern ihn seit jeher. In stillgelegten Fabriken war er auf der Suche nach ausrangierten Strickmaschinen.

Strickmaschinen im Stricksaal der Firma "Merz beim Schwanen" in Albstadt im Jahr 1911.

Der Stricksaal der Firma "Gota" in Albstadt heute. Auf historischen Rundstühlen stellen Peter Plotickni und Rudolf Loder Retro-Unterhemden aus europäischer Bio-Baumwolle her.

Peter Plotickni und Rudolf Loder begutachten ein Modell. Auch bei anfänglicher Skepsis lässt sich Rudolf Loder immer von neuen Entwürfen begeistern. Und er bringt das handwerkliche Know-How mit um die Ideen in Produkte von hoher Qualität umzusetzen. Berliner und Albler – die perfekte Symbiose.

Bernhard Bosch ist einer der letzten, der weiß, wie man die museumsreifen Maschinen bedient. Deshalb hat ihn Rudolf Loder aus dem Ruhestand geholt.

Designer Peter Plotickni mit der Musternäherin Aishe, die alle Modelle der Kollektion von "Merz beim Schwanen" in der Textilfabrik "Gota" fertigt.

Die Retro-Shirts werden für den Versand gepackt.


"Ein Textiler mit Leib und Seele"

Peter Plotnicki folgt der Spur der Hemden bis nach Albstadt auf der Westalb und trifft dort Rudolf Loder. Der gelernte Metzger ist seit 15 Jahren Besitzer der Textilfirma "Gota". Auf der Alb mit ihren kargen, steinigen Böden hat die Textilindustrie eine lange Tradition. Mitte der 90er Jahre jedoch konnten die meisten Textilhersteller dort dem internationalen Preisdruck nicht mehr standhalten. Sie verlagerten die Produktion in Billiglohnländer oder gaben auf. Aber Rudolf Loder ist Textilunternehmer aus Leidenschaft. Deshalb sammelt er auch historische Strickmaschinen in einer Art privatem Museum.


Historisches Firmenschild der Trikotfabrik "Merz beim Schwanen"

Historisches Firmenschild der Trikotfabrik "Merz beim Schwanen"

Opas Hemd erzeugt Aufbruchstimmung

Loders Leidenschaft für alte Webmaschinen elektrisiert Peter Plotnicki. Auf einer alten Maschine lässt sich das handverarbeitete Arbeiterunterhemd aus den zwanziger Jahren in guter Qualität herstellen. Rudolf Loder lässt sich von der Begeisterung des Berliners anstecken, mit den alten Strickmaschinen die Modelle neu zu produzieren. Bald stellt sich heraus: Die beiden Partner ergänzen sich perfekt.

Die 32 historischen Rundstühle von Rudolf Loder bilden das Herz der neuen Firma. Loder findet auch noch einen Rentner, der die Maschinen bedienen kann. Auf den zum Teil 80 Jahre alten Strickmaschinen stellt die Firma Retro-Unterhemden aus europäischer Bio-Baumwolle her.
Die Entwürfe dazu liefert Peter Plotnicki mit seinem Designbüro in Berlin. Der Markenname ist eine Geschenk der Albstädter Familie Merz. "Merz beim Schwanen" heißt die neue Marke, mit der man in Albstadt den alten Arbeiterunterhemden zu neuem Glanz verhilft.


Etikett eines Knopfleistenhemdes der Marke "Merz beim Schwanen"

Etikett eines Knopfleistenhemdes der Marke "Merz beim Schwanen".

Zeitlose Qualität "made in Germany"

Die Hemden werden komplett auf der Schwäbischen Alb produziert. Gestrickt wird bei "Gota". Weitere Fertigungsschritte erfolgen bei kleinen Firmen, die ebenfalls auf der Alb ansässig sind. Sie nähen die Hemden und liefern Stoffe für Knopfleisten.

Absatz finden die Retro-Shirts bei Kunden von 15 bis 70 Jahren. Sie sind tragbar zur Jeans ebenso wie zum Anzug – und gemacht für mehr als eine Saison. Langlebigkeit gehört zum Konzept. Verkauft wird die Kollektion über Modehäuser in mittlerweile 13 Länder weltweit und übers Internet. Und teilweise erlebt die Albstädter Textilindustrie damit eine Renaissance. Eine unglaubliche Karriere eines Unterhemdes, die ohne die Leidenschaft und Träume zweier Männer nicht möglich gewesen wäre.