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Stahlgerüst

SENDETERMIN So, 4.2.2018 | 10:45 Uhr | SWR Fernsehen

Denkmäler der Industriegeschichte Kohle, Stahl und Kupfer

Ob große Stahlwerke mit imposanten Silhouetten oder unterirdische Stollensysteme - einst waren sie Zentren des technischen Fortschritts. Heute sind einige dem Verfall preisgegeben, andere sind Kultur- und Kommunikationsstätten. Die Bedeutendsten von ihnen wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Die Völklinger Hütte - Industriekultur im ehemaligen Stahlwerk

Die "Völklinger Hütte", 1873 gegründet und 113 Jahre später still gelegt, war 1994 das erste Industriedenkmal das in die Welterbe-Liste aufgenommen wurde. Sie ist eines der am besten erhaltenen Eisenwerke der Eisen- und Stahlindustrie aus dem 19. Jahrhundert. Wo einst in Hochöfen Eisen zu Stahl veredelt wurde, hat heute ein Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur seinen Sitz.

Völklinger Hütte - Detailaufnahme der Fabrikanlagen

Die Völklinger Hütte im Saarland

"Big Pit" – Kohle, Eisen und eine britische Legende

1789 - in Frankreich fand gerade eine andere Revolution statt - wurden in Wales die ersten Hochöfen gebaut. In Blaenavon wurden hunderttausende Tonnen Kohle gefördert. 1812 wurden hier 14.000 Tonnen Eisen produziert. Aus der menschenleeren Heide von Blaenavon wurde ein brodelndes Stück Land. Die Grube "Big Pit" ist eine Legende in Großbritannien. Die Erde war reich an Rohmaterial. Die Kohle wurde in großen Mengen exportiert. Die Räder standen nie still. Bis 1930. Dann war es vorbei. Die Kohle von Blaenavon war aufgebraucht. Wie die Menschen gekommen waren, mussten sie auch wieder gehen.

1789, als in Frankreich eine andere Revolution die Welt zu verändern begann, wurden in Blaenavon die Eisenwerke gegründet. Sie wuchsen in nur 20 Jahren zum größten Produktionsort seiner Art.

1789, als in Frankreich eine andere Revolution die Welt zu verändern begann, wurden in Blaenavon die Eisenwerke gegründet. Sie wuchsen in nur 20 Jahren zum größten Produktionsort seiner Art.

Die Spinnerei von New Lanark – Keimzelle der sozialen Marktwirtschaft

Neben der Eisen- und Stahlindustrie steht die Textilindustrie für die Industrielle Revolution. Die Arbeitsbedingungen an den Spinnmaschinen und Webstühlen waren kaum besser als die in den Bergwerken oder an den Hochöfen. Das Bild tausender schwirrender Spindeln auf Spinnmaschinen wurde zu einem Inbegriff der Industrialisierung. 2000 Menschen arbeiteten einmal in der Spinnerei von New Lanark, davon 500 Kinder. Dank Robert Owen, der um 1800 die Geschäftsführung übernahm, wuchs hier eine der folgenreichsten sozialen Ideen. "Ich wollte nicht bloß als Manager einer Baumwollspinnerei wirken, sondern das Leben der Menschen verbessern", wird er später schreiben. "Die Gesellschaft ist in einem miserablen Zustand, geprägt von Ungerechtigkeit, Not und moralischem Zerfall. Daran sind die Menschen leider gewöhnt, aber sie haben ein Recht auf ein besseres Leben. Die Wohnverhältnisse müssen humaner werden. Die Kinder müssen ausgebildet werden." Owens Haus wird zur Keimzelle dessen was man 150 Jahre später Soziale Marktwirtschaft nennen wird.

New Lanark

New Lanark

Einstiges Zentrum italienischer Textilfabrikation

Die stillgelegte Textilfabrik der Familie Crespi zwischen Mailand und Bergamo war einmal ein Zentrum der Textilverarbeitung. Heute ist die Turbinenhalle in einen Dornröschenschlaf gesunken, in den gelegentlich das Klirren mutwillig zerschlagener Scheiben tönt. Im Tal der Adda wird augenfällig, dass Industriearchitektur sich damals über das Zweckmäßige hinaus auch den Luxus des Schönen leistete. Nach der Weltwirschaftskrise 1929 mussten die Crespis ihr Werk aufgeben. Eine neue Zeit brach an. Mehrmals wechselten die Besitzer. 2003 war endgültig Schluss. Konkurs. Die Maschinen wurden verkauft oder verschrottet. Heute sind Türen aufgebrochen, zerstört, was als Diebesgut nicht brauchbar. Das Weltkulturerbe der UNESCO ist ungeschützt wie so viele Kulturdenkmäler in Italien.

Fabrikgebäude mit Maschinen

Fabrikgebäude mit Maschinen

Die Kupfergrube von Falun – Finanzquelle des schwedischen Königshauses

Die Kupfergrube von Falun ist das Herzstück eines bizarren Weltkulturerbes. Vor rund tausend Jahren entdeckte man hier eine Jahrhunderte lang nicht versiegende Erzquelle die aus Falun einen wichtigen Industriestandort und aus dem Bauernstaat Schweden eine Kupfergroßmacht werden ließ. Die Erzquelle entpuppte sich als Geldquelle und finanzierte den schwedischen Königen im 17. Jahrhundert ihre Feldzüge. "Auf dem Weg nach Falun wird der Reisende schon in großer Entfernung von Schrecken ergriffen, wenn er den dunklen und dicken Rauch sieht, den die Stadt in solcher Menge ausspeit, dass der Fremde glauben kann, er nähere sich der Höhle der Zyklopen und nicht einer Stadt", schreibt ein früher Tourist im Jahr 1708. Angesichts der heutigen Idylle kann man sich nur schwer vorstellen, dass die Stadt und ihr Umland noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine einzige Räucherkammer war, in der die Vegetation gänzlich erstickte.

Ein gigantisches Loch ist das Ergebnis eines Einsturzes des Kupferbergs

Ein gigantisches Loch ist das Ergebnis eines Einsturzes des Kupferbergs

Uhrenfabrikation in La Chaux-de-Fonds - Handwerk in Schweizer Präzision

Stunden, Minuten, Sekunden. Die Uhrenstädte La Chaux-de-Fonds und La Locle im Schweizer Jura verdanken dem Gebot die Zeit zu messen alles. Im Jahr 1665 - so die Legende - brachte ein Pferdehändler dem jungen Schweizer Schmied Daniel Jean Richard eine defekte Taschenuhr. Der äußerst talentierte Monsieur Richard kopierte das mechanische Wunderwerk aus einer Londoner Manufaktur und begann bald selbst Zeitmesser zu fertigen. Im Schweizer Kanton Neuenburg begann ein neues Gewerbe aufzublühen - das Uhrmacherhandwerk. Ende des 18. Jahrhunderts dominierte ein neuer Gebäudetyp das Stadtbild. Das Arbeiter-Mietshaus. Sämtliche Wohnungen wurden mit dem gleichen Grundriss gebaut. 80 Quadratmeter Wohnfläche, drei Zimmer und eine Wohnküche. Wohnen und Arbeiten unter einem Dach. Alles richtete sich nach den Bedürfnissen der Uhrenproduktion. Diese expandierte und verlangte eine moderne, eine ideale Stadt für das Gewerbe. Den urbanen Visionen setzte der Triumphzug der Quarzuhren aus Fernost ein jähes Ende. Viele Betriebe mussten schließen. Waren vor der großen Uhrenkrise in den 1970er Jahren 150.000 Menschen in der Schweizer Uhrenindustrie beschäftigt, sind es heute nur noch 30.000. Die Schweizer Uhrenmanufakturen mussten sich auf alte Tugenden besinnen. Großes Kunsthandwerk, technische Spitzenleistungen. Die Kunst der Uhrmacher ist zeitlos. Ihre Uhrwerke sind das schlagende Herzstück feinmechanischer Meisterwerke im digitalen Zeitalter. Qualität statt Masse. In Luxus-Uhrenschmieden kreieren heute bestens ausgebildete Spezialisten kaum bezahlbare Zeitmesser.

Spitzenqualität statt Masse

Spitzenqualität statt Masse

Funkwerk von Grimeton - Kommunikationsstützpunkt im Zweiten Weltkrieg

Die Radiostation Grimeton nahe der Stadt Varberg an der schwedischen Südwestküste spielte einmal eine Schlüsselrolle in der weltumspannenden Kommunikation. Die Station war ab den 1920er Jahren Teil eines globalen Funknetzwerks. Heute ist Grimeton der einzige noch funktionierende Längstwellensender und steht unter dem Schutz der UNESCO. Konstruiert hat dieses Kraftwerk des Längstwellenfunks Ernst Frederik Werner Alexanderson, ein Pionier der Funktechnik. Er hat das neutrale Schweden vor allem nach dem ersten und während des zweiten Weltkriegs zu einem bedeutenden Kommunikationsstützpunkt im Dialog mit der Welt gemacht. Ohne die drahtlose Nachrichtenübermittlung hätte aufgrund der häufig unterbrochenen Überseekabel wohl weltweite Funkstille geherrscht. Die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen und ihrer magisch anmutenden, drahtlosen Ausbreitung im Raum veränderte die Welt so dramatisch wie einst die Erfindung der Dampfmaschine.

Zeche Zollverein – trotziges Symbol des Überlebenskampfs im Ruhrgebiet

Die Zeche Zollverein war einmal ein Wahrzeichen der Industrialisierung, des Aufschwungs und des Fortschritts. Ein trotziges Symbol für den Überlebenskampf im Ruhrgebiet. Seit 1986 stehen die Bänder still. Ruhe herrscht, wo täglich 15.000 Förderwagen zirkulierten. Schon lange vor der Stilllegung wurde entschieden, dass man das Wunderwerk der Industriearchitektur erhalten will, damit für künftige Generationen der Weg der Kohle nacherlebbar bleibt. Das Kesselhaus beherbergt heute das Designzentrum Nordrheinwestfalen und ein Museum. Die Zeche ist ein Treffpunkt für Künstler und Geschäftsleute, ein Ort für Konzerte und Kongresse. Nur die neue Nutzung kann die bauliche Substanz erhalten.

Ein Film von Goggo Gensch