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SENDETERMIN So, 13.9.2015 | 11:15 Uhr | SWR Fernsehen

Ein historisches Fußballspiel Der Kracher von Moskau

Das erste sowjetisch-deutsche Fußballspiel nach 1945

Im ersten Länderspiel zwischen der sowjetischen und der westdeutschen Nationalmannschaft 1955 wird Fußball zur diplomatischen Geste.

Anatoliy Isaev, Spieler der sowjetischen Nationalmannschaft 1955

Anatoliy Isaev, Spieler der sowjetischen Nationalmannschaft 1955

Ein historisches Länderspiel

Moskau. 21. August 1955. Im Dynamo Stadion findet zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges das erste Fußball-Länderspiel zwischen der sowjetischen und der westdeutschen Nationalmannschaft statt. Die amtierenden Weltmeister um Fritz Walter treffen auf sowjetische Spieler, von denen nur wenige im Westen bekannt sind. Das Spiel wird auf hohem Niveau, temporeich und sehr fair geführt. Die Begeisterung der Zuschauer über diesen spannenden, torreichen Wettkampf ist auf beiden Seiten groß. Am Ende gewinnt die Auswahl der UdSSR mit 3:2.

Deutsche Schlachtenbummler in Moskau 1955 vor dem Aufbruch zur Stadtrundfahrt

Deutsche Schlachtenbummler in Moskau 1955 vor dem Aufbruch zur Stadtrundfahrt

Schlachtenbummler aus Ost- und Westdeutschland

Etwa 1.500 Fußball-Fans aus der Bundesrepublik und der DDR waren zu dem Spiel angereist, sechzig Stunden hatte die Zugreise von Berlin nach Moskau gedauert. Organisiert wurde alles vom Reisebüro der DDR. Das offizielle Besuchsprogramm umfasst natürlich auch eine Besichtigungdes Lenin-Mausoleums, aber der Höhepunkt der Reise ist für die meisten das Spiel. Lothar Weise, ein vielversprechendes ostdeutsches Fußballtalent, das als Zuschauer dabei ist, wird nach seiner Rückkehr in die DDR eine Rüge erhalten, weil er nur über das Spiel reden will und kann und nicht über die sozialistischen Errungenschaften der Sowjetunion.

Lothar Weise

Damals ein großes Fußballtalent aus der DDR: Lothar Weise konnte 1955 das erste Länderspiel zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion als Zuschauer erleben.

Diplomatie auf dem Rasen

Dass dieses Spiel überhaupt stattfindet, ist keine Selbstverständlichkeit: Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Zwischen Bonn und Moskau gibt es (noch) keine offiziellen Beziehungen. Die Bundesrepublik ist kurz zuvor in die NATO aufgenommen worden. Die Sowjetunion hat daraufhin den Warschauer Pakt gegründet. In dieser Situation sucht der Kreml über den Sport internationale Anerkennung und lädt die Auswahl des DFB zu dem Freundschaftsspiel ein. Und der sagt zu, ohne sich mit der Bundesregierung abzusprechen. Das Spiel ist somit zum Politikum geworden, zumal Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Einladung zu politischen Gesprächen aus Moskau für September 1955 erhalten hat.

Die Wunden des Zweiten Weltkriegs

Die Sowjetunion beklagt 22 Millionen Kriegstote und auf der anderen Seite sind noch Tausende deutsche Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern. Daher ist es auch für die bundesdeutschen Spieler ein ganz besonderes Match, teilweise verbunden mit persönlichen Erinnerungen an die Zeit des Krieges. Neben Gerhard Harpers war auch Trainer Sepp Herberger kurze Zeit Wehrmachtsoldat, Fritz Walter verbrachte einige Zeit in einem sowjetischen Gefangenenlager. Die bange Frage „Wie wird man uns empfangen?“ erledigt sich bald. Die deutsche Mannschaft muss sich nicht im Hotel verstecken. Auf den Straßen und Plätzen der Stadt kommt sie mit den Menschen ins Gespräch. Das verschafft ihr bei den Moskauern große Sympathien und bereitet damit das Terrain für Adenauers Besuch nur wenige Wochen später.

Nikita Simonyan, Präsident des Russischen Fußballverbandes

Nikita Simonyan, Präsident des Russischen Fußballverbandes

Fußballer als "Eisbrecher" für die Politik

Nach dem Spiel können alle zufrieden sein. In der DDR-Presse legt man besonderen Wert auf das Ergebnis des Spiels. Mit dem 3:2 Sieg über den Weltmeister wird die Sowjetunion zur Weltklasse erhoben. In der westlichen Presse wird das gute Spiel der deutschen Mannschaft in den Vordergrund gestellt. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hervorgehoben, dass unabhängig vom Ergebnis sich das Verständnis zwischen den beiden Völkern verbessert hat.

Nachspiel

Vom 8. bis 14. September 1955 reist auch Konrad Adenauer nach Moskau. Das für Adenauer wichtigste Ergebnis ist die sowjetische Zusage, die restlichen der rund 10.000 deutschen Kriegsgefangenen freizulassen. Zwei Monate nach dem Spiel beginnt die Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen. 1956 wird die sowjetische Fußballnationalmannschaft Olympiasieger in Melbourne.

Ein Film von Thomas Grimm

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So, 13.9.2015 | 11:15 Uhr

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