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Jüdische Bürger erinnern sich Die NS-Zeit in Mainz

Im Jahr 2011 erwarb die Stadt Mainz 34 Zeitzeugen-Interviews ehemaliger jüdischer Bürger aus Mainz über die NS-Zeit. Die Videos stammen aus einer Sammlung von insgesamt 52.000 Interviews der "Shoah-Foundation", die der Regisseur und Filmemacher Steven Spielberg gegründet hat.

So funktioniert Erinnerung

Steven Spielberg vor Plakat

Regisseur Steven Spielberg

Spielbergs Film "Schindlers Liste" machte für viele Menschen die Schrecken des Holocausts greifbar. Der Film markiert einen wichtigen Punkt in der Filmgeschichte und in der Karriere des Regisseurs. Nach der Fertigstellung des Films rief Spielberg die "Shoa-Foundation" ins Leben.

Obwohl das Englische für die meisten Überlebenden längst die deutsche Muttersprache ersetzt hat, tauchen in den Interviews immer wieder deutsche Wörter auf: Kaffeeklatsch, Schule – oder Kristallnacht. Die Eindringlichkeit des Film-Materials war auch ein Grund für Kulturdezernentin Marianne Grosse, sich trotz der klammen Kassen der Stadt Mainz für den Erwerb der Interviews einzusetzen: "Die Menschen haben Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen und dann natürlich ihre Mainzer Verbundenheit zum Ausdruck bringen: wo sie gewohnt haben, wo sie gespielt haben. Verbunden mit dieser außerordentlich schwierigen Vita als Jude beziehungsweise Jüdin im Dritten Reich ist [das] unglaublich beeindruckend."


Kindheit in Mainz

Die Holocaust-Überlebende Nanny Mayer

Holocaust-Überlebende Nanni Mayer

Die Zeitzeugen sind Anfang der 1920er Jahre geboren. Vom Mainz ihrer Kindheit vermitteln sie ein überaus positives Bild: Eine hübsche Stadt, nette Nachbarschaft, eine lebendige jüdische Gemeinde – bis 1933 ein langsamer Prozess einsetzt, der auch den Kindern klar macht: Ihr gehört nicht mehr zu uns.

Sie müssen jüdische Schulen besuchen, christliche Freunde dürfen plötzlich nicht mehr mit ihnen spielen, nicht-jüdische Hausangestellte dürfen nicht mehr beschäftigt werden. Wenn Hansi Bodenheim mit ihrer Familie auf dem Balkon zum Innenhof steht, hören sie Hitlers Reden aus den Radios der Nachbarwohnungen: "Es war sehr laut und Hitler hielt seine Reden. Er schrie und brüllte und die Leute applaudierten. Es war schrecklich. Wir fühlten uns wirklich schlecht, es machte uns große Angst."


Tägliche Restriktionen und Erniedrigungen

Nazis auf Lastwagen bei Kundgebung

Machtübernahme

Neben den täglichen Restriktionen und Erniedrigungen, die die jüdische Bevölkerung erleiden muss, gab es wenigstens kleine Erfolgserlebnisse, wie Lorle Mann erzählt. Sie und ihr Bruder wollten sich den sonntäglichen Natur-Dokumentarfilm im Ufa-Kino nicht verbieten lassen: "Ich erinnere mich, wie mein Bruder und ich vor dem Spiegel standen und ich zu ihm sagte: Lass uns gehen, wir sehen nicht jüdisch aus. Vielleicht kommen wir rein. Als wir zum Ufa-Kino kamen, hing da ein riesiges Schild: Juden unerwünscht. Aber wir sind trotzdem reingegangen und keiner hat was gesagt. Vielleicht hat keiner gedacht, dass Juden sich das trauen würden. Wir schon! Das war ein kleiner Triumph für uns: Wir sind trotzdem reingekommen, zur Hölle mit Euch!"