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Sportler beim Sportfest Reutlingen 1936

Private Filmschätze Der Südwesten in Farbe

Amateurfilmer nutzen ab 1936 eine neue Technik, um das, was sie besonders bewegte, festzuhalten: Familienfeiern, Ausflüge, Landschaften – alles wird auf Farbfilm gebannt. 

Archivschätze aus einer vergangenen Welt - in Farbe

Eine Familie schmückt den Weihnachtsbaum, ein junger Mann trainiert am Expander seinen Bizeps, zwei Jungs lassen auf abgemähtem Feld ihren Drachen steigen! Immer wieder entführen die Bilder in eine verlorene Welt: Der Beruf des Köhlers war damals schon so gut wie ausgestorben, doch ein Hobbyfilmer hat festgehalten, wie er den Kamin seines kunstvoll geschichteten Holzkohlemeilers am Brennen hält. Auch eine "Kartoffelhexe" kennt heute kaum noch jemand: Stolz präsentiert ein Bauer sein neuestes Arbeitsgerät, mit dem "Erdäpfel" von einer drehenden Spindel mit langen Zinken aus dem Boden geholt werden.

Ausflugsdampfer mit Hakenkreuzfahne

Doch bei aller Privatheit, die Politik ist allgegenwärtig in den Aufnahmen der Amateurfilmer: Beiläufig blitzt das NSDAP-Parteiabzeichen am Revers. Von jedem öffentlichen Gebäude, von jedem Ausflugsdampfer grüßt die Hakenkreuz-Fahne - in unverkennbarem Rot. Und an beinahe jedem Wochenende gibt es irgendwo einen Umzug mit Marschmusik: zum 1. Mai, zum Erntedankfest, zum Kreistag der NSDAP.

1936 - 1939

Privates Glück vor der nahenden Katastrophe

In den Jahren von 1936, als die ersten Farbfilme auf den Markt kamen, bis zum Kriegsbeginn 1939 zeigen die Amateuraufnahmen ein Land, das glaubt, glücklich zu sein, Familien, die Ausflüge machen und Feste feiern. Während sich die nahende Katastrophe nur in wenigen Aufnahmen ankündigt, ist der Nationalsozialismus immer präsent - ob am 1. Mai 1937 in Heidenheim, wo die Voith GmbH sich stolz mit einem Wagen und der Aufschrift "Unsere Arbeit dem Führer" präsentiert, oder beim Fasching in Aalen, wo der US-Präsident lächerlich gemacht und die Juden "nach Palästina" gewünscht werden. Bei aller scheinbaren Leichtigkeit entsteht das bedrückende Bild einer Gesellschaft, die bereits durchdrungen ist vom Geist des Nationalsozialismus.

Sommernachtsfest im Schlosspark

Es sind Bilder von berückender Schönheit, als würde die Welt der Pfalzgrafen und Kurfürsten für einen letzten glücklichen Moment wieder auferstehen: Im Juni 1939 wird im Schlosspark von Schwetzingen noch einmal das Sommernachtsfest gefeiert. Durch kriegsbedingten Aktenverlust ist nicht mehr zu rekonstruieren, welches Stück zur Aufführung gelangt und welche Musik dazu gespielt wird. Nur so viel scheint klar: Der Gott der Natur und der Fruchtbarkeit stellt heiratsfähigen Mädchen hinterher...

An der Schwelle zum Krieg

Nur wenige Wochen später ein vollkommen anderes Bild, diesmal festgehalten von Paul Stober, einem in Offenburg ansässigen Fotografen. Mobile Lautsprecherwagen verkünden den Kriegsbeginn. Auf der Straße verfolgen die Offenburger die ersten Meldungen vom Frontverlauf. In ihren Augen glaubt man Unsicherheit, fast Ängstlichkeit zu erkennen. Was wird die Zukunft bringen?


1939 bis 1944

Die Front kommt - Evakuierung in der Heimat

"Der Südwesten in Farbe - Amateurfilme von 1939-1944" erzählt vom südwestdeutschen Alltag während des zweiten Weltkrieges. Es sind Bilder voller Gegensätze. Die ersten, die im Südwesten Deutschlands den Krieg zu spüren bekommen, sind die Bewohner eines fast 500 Kilometer langen Abschnitts von der Schweizer Grenze bis nach Aachen. Bereits ein paar Tage vor Kriegsausbruch erhalten sie den Evakuierungsbefehl. Binnen weniger Stunden müssen sie ihre Heimat verlassen. Es sind einzigartige Bilder, die der Heimatforscher und NSDAP-Kreiskulturstellenleiter Otto Reinacher aus Haltingen bei Lörrach von der Räumung der sogenannten "Roten Zone" hinterlassen hat: Wie Flüchtlinge, mit vollbeladenen Pferdewagen und traurigen Gesichtern, ziehen die Betroffenen an der Kamera vorbei, während sich die Wehrmacht zeitgleich des Verteidigungsstreifens an der Grenze zu Frankreich bemächtigt.

Zwischen Soldatenalltag und Heimaturlaub

Während ein unbekannter Landser den Soldatenalltag in der "Roten Zone" festhält, choreografiert ein schwäbischer Filmemacher seine Familie beim Weihnachtsfest für eine slapstickartige Inszenierung. Während in Reutlingen die Soldaten des heimatlichen Regimentes nach der Niederlage Frankreichs zur Siegesparade empfangen werden, bannt der Kinobetreiber Friedrich Michel die Himbeerernte rund um Heidenheim auf Zelluloid. Während es den Luftbildaufklärer und Hobbyfilmer Paul Strähle aus Schorndorf bis nach Jugoslawien und in die Ukraine verschlägt, macht ein Konditor aus Esslingen Urlaub mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Das Grauen, das den Südwesten Deutschlands dann am Ende des Krieges erreicht, zeigen die privaten Filmaufnahmen nicht. Ab 1943 wird es für die Amateurfilmer fast unmöglich an Farbfilmrollen zu kommen.