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Ablassurkunde mit farbigen Illustrationen

SENDETERMIN Di, 31.10.2017 | 8:30 Uhr | SWR Fernsehen

Epoche des Umbruchs Das Zeitalter der Reformation im Südwesten

Als Martin Luther im Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablassmissbrauch veröffentlicht, ahnt er nicht, dass dies die Welt verändern wird. Am Ende wird nichts mehr sein wie es war. Im Zeitalter der Reformation und der Renaissance verändert sich alles: die Religion, die Wissenschaft, die Kunst und der Alltag der Menschen.

Käufliches Seelenheil

Ungewollt wird Albrecht von Brandenburg, seit 1514 Erzbischof von Mainz, zum Auslöser der Reformation. Ein unbeliebter, ja geradezu verhasster Kirchenfürst. Er lässt den im 16.Jahrhundert üblichen Ablasshandel intensivieren, auch um seine Schulden zu begleichen. Er und die katholische Kirche versprechen den Gläubigen, dass sie sich durch den Kauf eines Ablassbriefes von ihren Sündenstrafen freikaufen können. Ein verführerisches und gewinnbringendes Angebot, denn nichts fürchten die Menschen damals mehr, als nach dem Tod lange im Fegefeuer zu schmoren.

Collage: schwarz-weiß-Darstellung des Ablasshandels / Ablassbrief / Kupferstich eines Mönches in Kutte

An den Ablassbriefen, welche die katholische Kirche verkaufte, entzündete sich die Kritik der Reformatoren.

Auf zu neuem Glauben

Und dann kommt 1517 Martin Luther, der sich auf die Bibel beruft, in der er keinen Hinweis auf die Rechtmäßigkeit des Ablasshandels findet. Er behauptet, allein durch die Gnade Gottes könne der Mensch die Vergebung seiner Sünden und das ewige Leben erlangen. Er vertritt somit Thesen von enormer Sprengkraft. Und er ist ein Meister in der Handhabung der damals neuen Medien, vor allem in der massenhaften Verbreitung von Flugblättern. Auch deshalb werden seine Thesen auch im Südwesten rasch bekannt. Hier findet er bald treue Anhänger wie Johannes Brenz und Philipp Melanchthon, die auch zu Luther halten, als 1521 auf dem Reichstag zu Worms die Reichsacht über ihn verhängt wird und er damit für vogelfrei erklärt wird.

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Epoche des Umbruchs

Gesichter der Reformation im Südwesten

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Albrecht von Brandenburg (1490 bis 1545): Der machtbewusste und auf seinen Vorteil bedachte Erzbischof von Magdeburg und Verwalter des Bistums Halberstadt wird 1514 auch Erzbischof und Kurfürst von Mainz. 1518 wird er zum Kardinal ernannt.

Albrecht von Brandenburg (1490 bis 1545): Der machtbewusste und auf seinen Vorteil bedachte Erzbischof von Magdeburg und Verwalter des Bistums Halberstadt wird 1514 auch Erzbischof und Kurfürst von Mainz. 1518 wird er zum Kardinal ernannt.

Albrecht von Brandenburg intensiviert den Ablasshandel, nicht zuletzt um seine Schulden bezahlen zu können. Die Kirche verspricht den Gläubigen, dass sie sich mit dem Kauf eines solchen Briefes von ihren Sündenstrafen befreien können. Gegen diesen Ablasshandel (Spielszene) richten sich viele der berühmten 95 Thesen, die Luther 1517 verfasst.

Martin Luther (1483 bis 1546): Zweimal reist der Reformator in den Südwesten. 1518 - im Jahr nach der Veröffentlichung seiner Thesen - kommt er freiwillig zur „Heidelberger Disputation“, einem theologischen Streitgespräch an der Universität. 1521 wird er zum Wormser Reichstag vorgeladen. Mit seiner Kritik am Ablasshandel hat er sich gegen Kirche, Papst und Kaiser gestellt. In Worms soll er seine Ansichten widerrufen. Er weigert sich und muss aus der Stadt fliehen.

Johannes Brenz (1499 bis 1570): Der in Weil der Stadt geborene Theologe ist als junger Student Zuhörer bei der Heidelberger Disputation und wird dadurch zu einem der wichtigsten Verbündeten Luthers im Südwesten. Als er 1522 in Schwäbisch Hall eine Prediger-Stelle annimmt, führt er dort nach und nach den evangelischen Ritus ein. Herzog Christoph von Württemberg macht ihn später zum Berater bei der Einführung der Reformation in ganz Württemberg.

Philipp Melanchthon (eigentlich Schwarzerdt) (1497 bis 1560): Der begabte Schüler aus Bretten studiert in Heidelberg und Tübingen. Wie Brenz ist er auch bei der Heidelberger Disputation anwesend und von Luther tief beeindruckt. Er folgt dem Reformator nach Wittenberg, wo er später Rektor der Universität wird und Lehrbücher für verschiedene Fächer verfasst. Daher wird er auch als "Lehrer Deutschlands" bezeichnet.

Johannes Gutenberg (um 1400 bis 1468): Der Mainzer erfindet den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern. Bis dahin müssen die kompletten Druckstöcke für eine Seite aufwändig aus Holz geschnitzt werden.

Gutenbergs Erfindung macht den Buchdruck ungleich schneller. Durch diese "Medienrevolution" können sich Luthers Thesen und Schriften in nie dagewesener Geschwindigkeit verbreiten.

Ulrich Schmied (2.v.r., Spielszene), geboren in Sulmingen bei Biberach an der Riß, wird während des Bauernkriegs 1525 zum Anführer des sogenannten "Baltringer Haufens", der gegen die Truppen des Schwäbischen Bundes kämpft.

Ausgelöst wird der Bauernkrieg durch eine zunehmende Verelendung der leibeigenen Landbevölkerung. Aus den Schriften der Reformatoren und der christlichen Botschaft, dass jeder vor Gott gleich ist, leiten die Bauern nun ihren Anspruch auf eine freie und gerechte Gesellschaftsordnung ab. Doch die Reformatoren stellen sich entschieden gegen die aufständischen Bauern. (Spielszene)

Ottheinrich von der Pfalz (1502-1559): Er wird 1556 Kurfürst der Pfalz und führt im Jahr darauf die Reformation in der Kurpfalz und seinen anderen Territorien ein. Sein Nachfolger Friedrich III., Anhänger der reformierten Glaubenslehre des Genfer Reformators Johannes Calvin, lässt protestantische Glaubensflüchtlinge aus Antwerpen und Brüssel und später aus Wallonien ins Land und siedelt sie in Frankenthal in einem aufgelassenen Kloster an. Durch den Fleiß der Flüchtlinge entsteht in kurzer Zeit eine blühende (Kunst-) Handwerkerstadt.

Johannes Kepler (1571 bis 1630): (Spielszene) Er wird in Weil der Stadt in einem evangelischen Elternhaus geboren und soll eigentlich evangelischer Pfarrer/Geistlicher werden. Sein Studium absolviert er an der Universität Tübingen und lebt im Evangelischen Stift, welches für die Ausbildung evangelischer Pfarrer von Christoph von Württemberg gegründet worden war. Dort entdeckt er seine Leidenschaft und Fähigkeit für die Astronomie und wird zu einem der berühmtesten Forscher seiner Zeit.

Matthäus Merian (1593 bis 1659) (Spielszene): In Basel geboren, wird der gläubige Protestant nach Stationen u.a. in Oppenheim zu einem berühmten Kupferstecher und Verleger. Neben Karten, Stadtansichten und Chroniken illustriert er eine berühmt gewordene, aufwändig gestaltete Luther-Bibel. Auch dank dieser Bibel wird er zu einem reichen Mann. Sein Leitmotiv lautet "Frömmigkeit zahlt sich aus".

Thesen mit Sprengkraft

Auf diesen Schritt reagiert Luther mit einer Denkschrift, in der er postuliert: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan." Damit nimmt er ungewollt Einfluss auf den Aufstand der Bauern, der 1525 insbesondere den deutschen Südwesten erschüttert. Die Bauern berufen sich auf die Schriften der Reformatoren, sie wollen Freiheit, so wie sie es bei Luther gehört hatten. Das alte System der Leibeigenschaft , das seit dem Mittelalter bestand, wird nun als drückende Ungerechtigkeit empfunden. Auslöser der Aufstände gegen weltliche wie kirchliche Lehnsherren sind aber letztlich die ökonomischen Verschlechterungen, die die Bauern in den Jahrzehnten davor hinnehmen mussten.

Forderung nach Freiheit

In Memmingen legen die Bauern in den 12 Artikeln ihre Forderungen schriftlich nieder. Diese 12 Artikel gelten heute, fast 500 Jahre später, als die erste Menschenrechtserklärung der Welt. Doch damals will die kirchliche und weltliche Macht den Forderungen nicht nachgeben. Und Luther, Melanchthon, Brenz? Sie alle verurteilen die Aufständischen. Die Bauern haben wohl die proklamierte "Freiheit des Christenmenschen" zu wörtlich genommen. Es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen, in denen die Bauern hoffnungslos unterlegen sind. Am Ende des Jahres 1525 sind die Aufstände vernichtend niedergeschlagen.

Spielszene in einer Schmiede: Bauern jubeln ihrem Anführer Ulrich Schmied zu, der kämpferisch eine Axt in die Höhe reckt

Bauern erheben sich gegen gegen Unterdrückung und Leibeigenschaft. (Spielszene)

Auf zu neuem Wissen

Die Auswirkungen der Reformation zeigen sich auch auf einem ganz anderen Gebiet. Die Medienrevolution, die mit dem Buchdrucker Johannes Gutenberg begonnen hatte und die von Luther geschickt genutzt wird, bringt eine Explosion des Wissens. Die Unterstützer Martin Luthers aus dem Südwesten fördern die Bildung: Philipp Melanchthon gilt als "Lehrer Deutschlands" und Johannes Brenz bringt eine Schulreform und die Neugestaltung der Universität Tübingen auf den Weg. Diese Bildungsreformen ermöglichen es auch einem kleinen, eher kränklichen Jungen aus Weil der Stadt, eine gute Schul- und Universitätsbildung auf Kosten der Landeskasse zu bekommen. Pfarrer wird Johannes Kepler - wie eigentlich geplant - zwar nicht, dafür aber ein berühmter Astronom, der mit Hilfe der Wissenschaft Gottes Bauplan entschlüsseln will.

Neue Perspektiven

Im Zeitalter der Reformation ändern sich auch die Architektur und die Kunst. Einige Strömungen des Protestantismus verbannen Gemälde und kunstvolle Altäre aus dem Kirchenraum. Während Martin Luthers Haltung eher tolerant ist, sind die Schweizer Reformatoren Calvin und Zwingli rigide: Bilder würden vom Wesentlichen, vom Wort Gottes ablenken. Gleichzeitig kommt aus Italien der künstlerische Einfluss der "Renaissance", neue Bauwerke wie der Ottheinrichsbau im Heidelberger Schloss entstehen. In der Kunst arbeitet man nun mit der Zentralperspektive, die Bilder erscheinen den Betrachtern jetzt so, wie sie es auch im wirklichen Raum sehen würden. Das gilt für Gemälde, aber auch für den in Mode kommenden Kupferstich. Der Kupferstich macht es möglich, Bilder in großer Zahl zu vervielfältigen und preiswerter zu machen. Der geschäftstüchtige Protestant Matthäus Merian baut mit seinen Werkstätten in Oppenheim und Frankfurt mit der Kupferstecherei ein Imperium auf. Er setzt konsequent die Medienrevolution fort, die Gutenberg mit dem Buchdruck begonnen hatte.

Mit Dennis Wilms auf Spurensuche

Der Wissenschaftsjournalist Dennis Wilms führt die Zuschauer zu den entscheidenden Plätzen der Epoche im Südwesten: nach Worms und Heidelberg, wo Luthers Auftreten für Furore sorgte, nach Tübingen, wo Generationen evangelischer Pfarrer ausgebildet worden sind und wo Geistesgrößen wie Kepler und Schickhardt die wissenschaftliche Welt auf den Kopf stellten, oder nach Frankenthal, wo protestantische Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden angesiedelt wurden und dem Ort zu einer ungeahnten wirtschaftlichen und künstlerischen Blüte verhalfen. Und Dennis Wilms ist dabei, wenn in Experimenten die Technik von damals nachvollziehbar gemacht wird: beim Buchdruck, wie ihn Gutenberg erfunden hatte, oder bei der Herstellung eines Globus mit alten Karten. Er "testet" eine Rechenmaschine, wie sie Keplers Kollege Wilhelm Schickhardt in Tübingen entwickelt hatte, und er schaut einem heutigen Künstler beim Kupferstechen über die Schulter.

Dennis Wilms hält einen Globus des berühmten Kartographen Martin Waldseemüller in Händen

Dennis Wilms studiert einen Globus des berühmten Kartographen Martin Waldseemüller.