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Krieg der Lügen - Verleihung

Dokumentarfilm: Krieg der Lügen Curveball und der Irak-Krieg

SWR-Koproduktion gewinnt „International Emmy Awards“ 2016

"Krieg der Lügen – Curveball und der Irakkrieg" von Matthias Bittner (zischlermann filmproduktion mit SWR, BR, FFL, Filmakademie Baden-Württemberg) hat den amerikanischen Fernsehpreis "International Emmy Awards" (Kategorie Dokumentation) gewonnen.

Glückliche Gewinner beim "Emmy Award 2016"

Glückliche Gewinner beim "Emmy Award 2016", der Autor mit "seiner" Redaktion

"Die Quelle ist ein Augenzeuge. Ein irakischer Chemieingenieur, der eine dieser Anlagen betreute. Er war tatsächlich anwesend, als biologische Kampfstoffe hergestellt wurden". US-Außenminister Colin Powell vor der UN-Vollversammlung am 5. Februar 2003 mit der Begründung für "Operation "Iraqi Freedom"


Löste eine Lüge den Irakkrieg aus?

Ausschnitt aus dem "Contradiction Room"

Ausschnitt aus dem "Contradiction Room"


In Krieg der Lügen – Curveball und der Irak-Krieg zeigt Matthias Bittner, wie der heute in Deutschland lebende Rafed Ahmed Alwan, auch als Curveball bekannt, 2003 mit einer Lüge über die Existenz mobiler Massenvernichtungswaffen den Irak-Krieg ausgelöst haben soll. Dabei beleuchtet der Film nicht nur die historischen Hintergründe und geht der Frage nach, wie sich der amerikanische Geheimdienst auf eine einzige Quelle verlassen konnte, sondern wirft auch einen tiefen Blick in die Psyche von Curveball.

Rafed Ahmed Alwan im Interview

Rafed Ahmed Alwan im Interview

Rafed Ahmed Alwan - der Mann, den man Curveball nannte

Heute wissen wir: Der Krieg basierte auf einer Lüge. Der Lüge von der Existenz mobiler Massenvernichtungswaffen im Irak. Der Mann, von dem Colin Powell spricht, lebt heute in Deutschland. Er heißt Rafed Ahmed Alwan, auch bekannt als Curveball. Seine Informationen über mobile Massenvernichtungswaffen gingen über den Tisch von BND, MI6 und CIA, schafften es in eben diese berühmte Rede von Colin Powell und machten den irakischen Flüchtling über Nacht zum Kronzeugen des Zweiten Golfkrieges.

2007 wurde Aljanabi von amerikanischen Journalisten enttarnt und in der Presse als der Mann dargestellt, der die Schuld am Irakkrieg trägt. Er hingegen nimmt stolz für sich in Anspruch, bei der Beseitigung Saddam Husseins geholfen zu haben.

Aber wie kann ein Einzelner die großen Staatsmächte und Geheimdienste der Welt an der Nase herum führen? War Curveball ein Genie, ein Tausendsassa, mit allen Wassern gewaschen? Eine Art leibhaftiger James Bond?

Tricksen und täuschen um zu überleben

Drei Jahre lang hat sich Regisseur Matthias Bittner immer wieder mit Curveball getroffen. Über 50 Stunden Interview-Material und akribische Recherchen legen die Geschichte eines Mannes offen, der jegliches Vertrauen verloren hat und hinter allem Betrug und Gefahr wittert. Jemand, der 30 Jahre lang versucht hat, unter Saddam Husseins Regime zu überleben und der dadurch gelernt hat, zu tricksen und zu täuschen. Jemand, der knapp 10 Jahre unter Kontrolle des deutschen Geheimdienstes war und der sich das Spiel aus falschen und richtigen Informationen, aus Wahrheit und Lügen zu Eigen gemacht hat.

Rafed Ahmed Alwan beim Nachzeichnen der Pläne.

Rafed Ahmed Alwan beim Nachzeichnen der Pläne.

Pingpongspiel zwischen den Geheimdiensten

1999 kommt Aljanabi über Umwege nach Deutschland. Im Asyl-Auffanglanger Zirndorf wird man auf ihn aufmerksam – er scheint Informationen über bisher unbekannte chemische, möglicherweise militärische Projekte zu haben. Unter der Vorgabe zu den UN-Waffeninspekteuren zu gehören, führen Mitarbeiter des BND Gespräche mit Alwan. Sie erhoffen sich von ihm, wonach sie selbst seit langem vergeblich suchen: Beweise dafür, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt. Alwan versteht das Spiel so: Je mehr Informationen er ihnen liefert, desto mehr springt für ihn selbst heraus: Geld, eine eigene Wohnung, schließlich der deutsche Pass. Bei diesem Spiel um Lüge, Wahrheit und gemeinsame Interessen begeben sich Geheimdienste und Alwan in eine heikle Abhängigkeit voneinander.

Ausschnitt aus einer Re-Enactment-Szene

Ausschnitt aus einer Re-Enactment-Szene

Bis der BND überraschend Alwans ehemaligen Chef Dr. Basil Saati aufspürt und Alwans Informationen über angeblich mobile Chemiewaffen im Irak überprüft. Curveball  versteht die Welt nicht mehr: Man hatte sich doch gemeinsam eine Lüge erarbeitet, um den Diktator zu stürzen. Doch Saati widerspricht allen Theorien von chemischen Massenvernichtungswaffen im Irak. Curveball fühlt sich vom BND hintergangen und fallengelassen. Er verschwindet über ein Jahr in der Versenkung.

Nach dem 11. September - ein Kronzeuge für  Colin Powell

Bis zu dem Tag, an dem sich zwei Flugzeuge in die Twin Towers in New York stürzen. Nach dem 11. September erinnern sich die Amerikaner plötzlich an Curveball und seine Informationen. Verifiziert oder nicht – sie brauchen einen Grund, um in den Irak einmarschieren zu können. Die Gespräche werden wieder aufgenommen. Alwan, mittlerweile Vater geworden, Sozialhilfeempfänger und Wohnungsuchend, steigt wieder auf zum wichtigen Informanten, zum Kronzeugen der Amerikaner. Er hat Angst, das Spiel von Lüge und Wahrheit noch einmal zu spielen. Doch welche Wahl hat er? Er bestätigt seine damaligen Aussagen. Und findet sich schließlich in Colin Powells Rede wieder.


Auf der Suche nach "der" Wahrheit

Nach umfangreichen Recherchen hat Regisseur Bittner sich schließlich immer weiter von dem Gedanken entfernt, dass es gelingen könnte, die vollkommene Wahrheit in diesem Dickicht aus konstruierten Wirklichkeiten, gezielt gestreuten Falschinformationen und politischen Interessen aufzudecken. Auch deshalb, weil alle verantwortlichen Akteure aus Politik und Geheimdienst von damals sich entweder gegenseitig beschuldigen oder in Schweigen hüllen.

Aus einer Lüge wurde Krieg, der tausende Tote forderte

Je länger er sich mit Curveball und seiner Geschichte beschäftigte, diesem Menschen, der nur Mittel zum Zweck war, aber auch selbst voller Widersprüche und schwer zu fassen, desto mehr faszinierte ihn sein Denken, Fühlen und Handeln. Wie geht er mit der Last dieser Lüge und den grausamen Konsequenzen um? 500.000 Tote hat dieser Krieg gefordert, die meisten davon Alwans Landsleute. Was hat das aus ihm gemacht und ist er überhaupt in der Lage, seine Rolle in der Weltgeschichte zu reflektieren?

Regisseur Bittner schafft mit  Krieg der Lügen das präzise Porträt eines kleinen Mannes, der nur scheinbar selbst am Rad der Geschichte gedreht hat. Ein Politthriller und eine Reise in den Irrgarten von Lüge, Wahrheit, Idealen und Verrat.

Produktionsnotiz

Der Film ist eine Produktion der zischlermann filmproduktion GmbH in Koproduktion mit SWR, BR, FFL GmbH & Co. KG, Filmakademie Baden-Württemberg,
gefördert von der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Produzenten: Susanne Mann, Paul Zischler; Redaktion Kai Henkel (SWR), Claudia Gladziejewski (BR)