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Martin Walser am Bodensee

Eine Lebensreise um den Bodensee mit Denis Scheck Mein Diesseits - Unterwegs mit Martin Walser

Eine Reisereportage, ein Roadmovie vom Bodensee mit Martin Walser und Denis Scheck. Der Anlass war sein 90. Geburtstag am 24. März 2017. Martin Walser ist im besten Sinne ein Jahrhundertschriftsteller, ein Mann, der die Verwerfungen und die Glückfälle des 20. Jahrhunderts erlebt und erfahren hat, aber neugierig geblieben ist auf unsere Gegenwart. Zum 92. Geburtstag am 24. März 2019 hat der SWR die Dokumentation erneut ins Programm genommen.

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Martin Walser zum 90. Geburtstag

Schreib- und Lebensorte am Bodensee

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Martin Walser ist seit über sechzig Jahren einer, der sich eingemischt hat in die öffentlichen Debatten - dabei ist er eigensinnig geblieben, einer, auf den man sich im besten Sinne nicht verlassen kann, ein Suchender, ein Zweifelnder, manchmal ein Rechthaber, aber immer einer, der denkerisch ins Risiko geht.

Martin Walser ist seit über sechzig Jahren einer, der sich eingemischt hat in die öffentlichen Debatten - dabei ist er eigensinnig geblieben, einer, auf den man sich im besten Sinne nicht verlassen kann, ein Suchender, ein Zweifelnder, manchmal ein Rechthaber, aber immer einer, der denkerisch ins Risiko geht.

Geplant für den Film zum 90. Geburtstag von Martin Walser ist eine viertägige Rundfahrt auf den Spuren seines Lebens und seiner Bücher. Denis Scheck holt vor Drehbeginn Martin Walser ab - hier mit seiner Ehefrau Käthe in Nussdorf, einem Vorort von Überlingen.

Denis Scheck und das Team richten das Auto ein: 5 GoPro-Kameras, das Gesamtwerk auf dem Rücksitz und ein Wackeldackel auf der Hutablage. Natürlich dürfen auch die Initialen auf dem Nummernschild nicht fehlen!

Denis Scheck ist ein ausgewiesener Martin Walser Kenner, seit vielen Jahren ist der Dichter regelmäßig Gast in den Literatursendungen des SWR.

In "Heimatlob, 1978" preist Martin Walser "seinen" Bodensee: "Ich liebe den See, weil es sich bei ihm um nichts Bestimmtes handelt“, heißt es da; und weiter: „Wie schön wäre es, wenn man sich allem anpassen könnte. Auf nichts Eigenem bestehen. Nichts Bestimmtes sein. Das wäre Harmonie. Gesundheit. Ichlosigkeit. Todlosigkeit."

Walsers Familie ist am Bodensee verzwurzelt - seine Mutter stammt aus Kümmertsweiler, sein Vater aus Hengnau, er selbst hat sein ganzes Leben am Bodensee gewohnt, ganz genau so wie viele seiner literarischen Figuren.

Anselm Kristlein, Gottlieb und Xaver Zürn, Helmut Halm, Franz Horn - all seine literarischen Helden tummeln sich an verschiedenen Orten des Sees

Denis Scheck ist nicht nur ein Mercedes-Chauffeur, sondern gleichzeitig ein Erinnerungsermöglicher. Behutsam fragt er den nun fast 90jährigen auch nach den kritischen Erfahrungen seines Schriftsteller-Lebens.

Unterwegs im Mercedes 220 von 1972: Walser war immer Mercedesfahrer - in seinem Roman "Seelenarbeit" ist Xaver Zürn Chauffeur und steuert seinen Chef damit durch die Wirtschaftswunder-BRD.

Die Antoniuskapelle unweit von Wasserburg: hier versucht Anselm Kristlein im Roman "Das Einhorn" von 1966 die schöne Orli Laks zu umgarnen.

Die Klosterkirche in Birnau, das Barockjuwel am Überlinger See mit seinen Putten und Skulpturen: Martin Walser schwärmt von dem Bildhauer Joseph Anton Feuchtmayer "als einen kleinen, aber nicht ganz kleinen Michelangelo".

Überlingen - sein Wohnort seit den 1960er Jahren. Hier auf dieser Uferpromenade beginnt Walsers berühmtestes Buch, die Novelle "Ein fliehendes Pferd".

"Mit jeder Stunde, die wir gearbeitet haben, wurde es schöner" - sagte der anfänglich skeptische Walser über die Dreharbeiten mit dem SWR-Team. Der Film "Mein Diesseits - Unterwegs mit Martin Walser", Buch und Regie Frank Hertweck (rechts neben Denis Scheck) am 18. März 2017 21:55 Uhr im SWR Fernsehen.

Wasserburg, Kümmertsweiler, Klosterkirche Birnau, Nußdorf, das sind nur einige der Stationen der Lebens- und Werkgeschichte Walsers, die Scheck und Walser gemeinsam mit dem Auto er-fahren. Walser erzählt aus seiner Jugend, von seiner Zeit als Soldat, von seiner Familie, von Freunden und Verrat, von Religion und Dichtung, von Spiel und Sucht, von Tennis und Schach, davon, was das Alter mit einem macht, und davon, was es bedeutet, am See, am Rand  zu wohnen und nicht dort, wo alle anderen Kollegen lebten – in Berlin. 

Zeitgenössischer ist keiner: Walser und die literarische Öffentlichkeit

Nahezu alljährlich wartet er mit einem neuen Roman auf. Sein letzter: „Ein sterbender Mann“ war ein Erfolg nicht nur bei der Kritik, sondern auch beim Lesepublikum. Wer 90 wird, dem haben die Fernsehsender schon viele Porträts gewidmet, Beiträge, die die Biographie beleuchten, die umfassende TV-Geschichte Martin Walsers erzählen, der präsent wie kaum ein anderer war, Filme, die an die Historie der Erfolge und Skandale erinnern. 

Aber wollen wir das nochmals tun? Alle fünf Jahre das gleiche? Wieder Rückblende 1998: „Moralkeule“, 2002: „Tod eines Kritikers“, 1976: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman“ Und, und, und…? 

Martin Walser hat es verdient, dass man mit ihm spricht, nicht über ihn. Dass man ihm zuhört, auch widerspricht, an einem besonderen Ort und vor allem mit einem besonderen Gesprächspartner, dem Martin Walser vertraut, dem er sich öffnet. Und den gibt es: Denis Scheck. Der Ort: Ein Auto, Denis Scheck und Martin Walser on the road im Walser-Land.

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Martin Walser

Stationen eines Schriftstellerlebens

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"Alle Menschen sind am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. Das ist länger her, als die Jahreszahlenrechnung vermuten lässt. Damals, das ist inzwischen ein Wort, so gewaltig wie ein Pfahl ...", schreibt Walser in seinem Essay "Von Wasserburg an". Tatsächlich wurde zumindest er zu diesem Termin und an diesem Ort geboren: Martin Johannes Walser.

"Alle Menschen sind am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. Das ist länger her, als die Jahreszahlenrechnung vermuten lässt. Damals, das ist inzwischen ein Wort, so gewaltig wie ein Pfahl ...", schreibt Walser in seinem Essay "Von Wasserburg an". Tatsächlich wurde zumindest er zu diesem Termin und an diesem Ort geboren: Martin Johannes Walser.

Prof. Dr. H Backhaus im Gespräch mit Martin Walser beim Hesse-Literturpreis (1957)

Das erlaubte Walser, als freier Schriftsteller mit seiner Familie an seinem geliebten Bodensee zu wohnen, zuerst in Friedrichshafen, dann in Nußdorf. Und Walser schrieb und veröffentlichte quasi wie am laufenden Band – manchmal bis zu zwei Bücher pro Jahr. Und erhielt einen Preis nach dem anderen: den Gerhart-Hauptmann-Preis, den Georg-Büchner-Preis, das große Bundesverdienstkreuz, den Ricarda-Huch-Preis, die Carl-Zuckmayer-Medaille und viele mehr.

Vielleicht hätte er sogar den Literaturnobelpreis bekommen, wäre er nicht immer wieder mit seinen Essays und Reden angeeckt. Anlässlich seines 85. Geburtstags antwortet Martin Walser auf die Frage, wie er zum Beispiel damit umgehe, dass ihm hin und wieder auch Antisemitismus vorgeworfen worden sei: "Na ja, hören Sie auf, das habe ich jetzt überhört. Diesen Quatsch, mit dem gehe ich nicht um", antwortet Martin Walser. "Das würde mich nur betreffen, wenn ich fürchten müsste, da sei irgendetwas dran. Aber so rein aus irgendwelchen modischen Hysterien entstandenen Vorwürfe, die muss ich nicht ernst nehmen."

Trotzdem räumt Martin Walser in einem Interview 2015 ein, er würde "die Paulskirchenrede nicht mehr so halten" können. Er distanzierte sich von den schärfsten Formulierungen und meinte, es sei schon ein Fehler gewesen, sich überhaupt in die Debatte eingemischt zu haben. Als Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine Rede gehalten hatte, in der er eine "Instrumentalisierung des Holocaust" ablehnte, war es zu kontroversen Diskussionen und teilweise auch zu Protesten gekommen.

Zwei Menschen, die für sein Schriftstellerleben prägend waren: Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und Schriftsteller Günter Grass. Freund und Kollege Günter Grass erhielt 1999 den Nobelpreis für Literatur. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, Grass habe "in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet". Er hatte es schon immer besser als Walser verstanden, nach außen mehrheitsfähige Meinungen zu äußern.

Als Walser in seinem 2002 erschienenen Roman "Tod eines Kritikers" Marcel Reich-Ranicki als Person und Symbol einer unredlichen Kulturszene kritisierte, hagelte es Proteste. Reich-Ranicki selbst sagte 2010 in einem Interview, er halte Walser nicht für einen Antisemiten, auch habe es keine einzige antisemitische Zeile oder Bemerkung gegeben. Trotzdem sei es Walser offenbar "wichtig [gewesen], darauf hinzuweisen, dass der Kritiker, der ihn angeblich am meisten gequält hat, auch noch Jude ist."

"Ich habe über Kafka promoviert. Ich war einer der ersten, ich glaube, der erste überhaupt im deutschen Sprachgebiet, der Kafka fünf Jahre lang leidenschaftlich gelesen hat", empörte sich Walser über den Vorwurf des Antisemitismus. "Ich bin in die Literatur eingetreten als Kafka-Schüler. Mein zweiter Lehrmeister war Marcel Proust … aus einer solchen Schule … das waren jüdische Autoren … absurd." Und Walser nahm auch in den Folgejahren seines Schaffens weiterhin kein Blatt vor den Mund.

"Ein sterbender Mann" titelte Walsers 55. Buch. Es erschien am 8. Januar 2016.

 Das Walser-Land ist der Bodensee

Es findet sich in Deutschland kein zweiter Dichter, der so sehr mit einer Landschaft verbunden ist. Nicht nur, dass Walser immer dort gelebt hat, viele seiner Romane verwandeln den nördlichsten See Italiens, wie Rudolf Borchardt ihn genannt hat, in einen literarischen Kosmos. Die Zürns, Halms, Horns, sie alle leben am See oder in seinem Umfeld; auch so mancher Held des Spätwerks. Der Bodensee ist und bleibt die Projektionsfläche der Walserschen Fantasie, so sehr sind die Orte von Überlingen bis nach Wasserburg und Lindau in seinem Werk präsent.

Darum erfahren Denis Scheck und Martin Walser eine dreifache Tour d’horizon: sie durchqueren eine Landschaft, ein Werk und eine Biografie. Sie fahren, fahren, fahren,reden darüber, was sie sehen, was ihnen in den Sinn kommt- vollziehen eine Lebensreise.