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Der Weg eines jungen Deutschen zum Islamisten | Doku Sebastian wird Salafist

SWR-Fassung von 60 Minuten

Die 60-minütige Dokumentation "Sebastian wird Salafist" zeigt, wie aus dem durchschnittlichen deutschen Jugendlichen Sebastian (21) ein gläubiger Moslem wird. Seine erste Begeisterung, seine Begegnung mit fundamentalistischen Kreisen, seine Zweifel.

Seit 2015 begleitet Filmemacher Ghafoor Zamani den Weg des jungen Mannes, der ihn auch mit Salafisten und deren Parolen in Berührung bringt, dann seine Zweifel und am Ende seine Absage an die radikalen Glaubensbrüder. Die Doku soll einen ungewöhnlichen Einblick in diese verschlossene Szene bieten, sie reflektiert, was Sebastian daran anziehend findet und was ihn schließlich von ihr abbringt. Die 30-minütige Fassung lief am Themenabend im Ersten unter dem Titel "Deutsche Glaubensbrüder", vorangestellt war der zweiteilige Fernsehfilm „Brüder“.

Sebastian kurz vor seiner Entscheidung zu der Wahren Religion zu gehören, 2015.

Sebastian kurz vor seiner Entscheidung zu der Wahren Religion zu gehören, 2015.


Vom "normalen" Teenager zum strengen Muslim

Als er mit 16 Jahren zum Islam konvertierte, war Sebastian ein normaler Gymnasiast. Sein Vater Reiner, ein katholischer Theologe und seine Mutter Renate, eine engagierte katholische Sozialarbeiterin, trennten sich zu dieser Zeit gerade voneinander.

Der Teenager, der bis dahin Rap hörte und Basketball spielte, verändert sich nach seiner Hinwendung zum Islam schnell: Plötzlich mag er keine Musik mehr, "die ihn nicht zum Beten verleitet", verzichtet auf Sport mit den alten Freunden und grenzt sich von seinem bisherigen Leben ab. Im Sommer will er nicht mehr ins Freibad gehen, nicht einmal mehr in die Stadt, denn überall sieht er dort leicht bekleidete Frauen und aufreizende Werbung. Für ihn ist es inzwischen eine Sünde "wenn der Blick zweimal auf dieselbe Stelle fällt", sagt er.


Freiwillige verteilen am Lies-Stand der Salafisten kostenlose Koran-Ausgaben.

Freiwillige verteilen am Lies-Stand der Salafisten kostenlose Koran-Ausgaben.


Namen ändern, Welt in "erlaubt und verboten" einteilen

Sebastian beginnt, die Welt in halal und haram einzuteilen– in erlaubt und verboten. Der junge Mann nennt sich jetzt Hamza – nach dem muslimischen Heerführer, der im Jahr 625 im Kampf gegen die Ungläubigen als Märtyrer starb. Er lässt sich beschneiden, obwohl er große Angst vor dem Eingriff hat. Nun besucht er Moscheen, in denen auch radikale Imame sprechen. Hamza verliert seine letzten deutschen Freunde und überwirft sich mit seiner Mutter, bei der er noch wohnt. Sie sagt, sie habe "Panik", dass er in die gewaltbereite Szene abrutschen könnte. Sein Vater ist dagegen froh, dass es endlich wieder eine Ebene gibt, auf der er Zugang zu seinem Sohn finden kann: der Glaube.
Hamzas Vater schenkt ihm einen Gebetsteppich und unterhält sich mit ihm über Allah. Zu dieser Zeit spricht Hamza mit seinen Glaubensbrüdern bei einem Treffen im Keller der Moschee auch über den Dschihad. Hamzas Freunde bewegen sich teilweise im Umfeld von Sven Lau, einem der bekanntesten deutschen Salafisten. Hamsa ist zu dieser Zeit von den strengen Glaubensregeln des Islam mehr und mehr überzeugt, glaubt sogar dass die Scharia "das beste Gesetz für den Menschen" sei. Er will bei der Koran-Verteilungskampagne "Lies!" mitmachen, die in den Fußgängerzonen aktiv Passanten anspricht. Zeitweise träumt er von Reisen in streng muslimische Länder. Zu jener Zeit versuchen radikale Islamisten, in seinem Umfeld junge Männer für den Kampf gegen die Ungläubigen zu gewinnen.

Sven Lau in einem Zeltlager der Salafisten zwischen Düsseldorf und Wuppertal 2015.

Sven Lau in einem Zeltlager der Salafisten zwischen Düsseldorf und Wuppertal 2015.

Erste Zweifel

Sven Lau, der für viele junge Muslime ein Vorbild war, gerät als mutmaßlicher Anführer der selbsternannten "Scharia Polizei" Ende 2015 in Wuppertal in Haft. Der Generalbundesanwalt wirft Lau zudem vor, die islamistische Terrorgruppe Jamwa unterstützt zu haben. Hamza sieht die Festnahme im Fernsehen. Ende 2016 verbietet das Bundesinnenministerium die "Lies!"-Gruppe. Jetzt sagt Hamza, dass er froh ist, dort nicht im innersten Zirkel dabei gewesen zu sein. Die "Lies!"-Leute seien wie eine Sekte, meint er inzwischen nachdenklich.

Sebastian bei der Aktion "Lies" des Vereins "Wahre Religion", 2015.

Sebastian bei der Aktion "Lies" des Vereins "Wahre Religion", 2015.

Das Arabisch-Lernen fällt ihm zunehmend schwerer. Auch das frühe Aufstehen für das Morgen-Gebet schafft Hamza nicht mehr. Eigentlich wollte Hamza ein Studium der Scharia machen. Aber das Institut wird von deutschen Sicherheitsdiensten überwacht. Hamza will keinen Ärger. Außerdem will er nicht nach Feierabend noch in den Scharia-Kurs. Er macht eine Ausbildung zum Erzieher. Seine Mutter hatte ihn dazu gebracht.

Abkehr vom radikalen Islam

In der Kindertagesstätte kommt er bei der Arbeit wieder in Kontakt mit Nicht-Muslimen. In der Moschee nerven ihn strenge, junge Glaubensbrüder, die ihn maßregeln, wenn er beim Gebet nicht exakt die vorgeschriebene Haltung einnimmt. Es beginnt ihn auch zu stören, dass die Salafisten so sehr auf die nicht-gläubigen Deutschen herabblicken. Gleichzeitig nähern sich seine Eltern wieder an. Hamza feiert mit ihnen Weihnachten 2016 unter dem Tannenbaum.


Sebastian wird Salafist – Wie ein junger Deutscher sich zum Islamisten entwickelt
22.11.2017, 21:45 Uhr im Ersten
14.12.2017, 00.15 Uhr im SWR Fernsehen
Ein Film von Ghafoor Zamani

Ghafoor Zamani in der Moschee Assalam in Wuppertal 2016.

Ghafoor Zamani in der Moschee Assalam in Wuppertal 2016.