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Eiskalt ist das Brunnenwasser, in das die jungen Männer in Munderkingen springen - bekleidet nur mit einem einfachen mittelalterlichen Stoffkostüm. Einziges Hilfsmittel der beiden Akteure: ein kräftiger Schluck heißer Wein.

Angeheizt durch Narrenmusik und 9.000 mitschunkelnde Begeisterte tanzen die Springer waghalsig auf dem Brunnenrand herum, bevor sie dann dreimal hintereinander in das kalte Nass hinein tauchen. Dieser Sprung ist der Abschluss des Narrenmarsches, der am Fasnetsonntag und dann am Fasnetsdienstag durch den Ortskern Munderkingens führt.

Der Ursprung liegt im Dunkeln

Die genaue Herkunft des fasnetlichen Rituals lässt sich nicht mehr eindeutig belegen. Angeblich soll der Brauch im Mittelalter entstanden sein. Ein Ortsadeliger habe laut Überlieferung die Idee des Brunnensprungs aus Österreich mitgebracht. Munderkingen gehörte damals zum österreichischen Hoheitsgebiet. Die Quelle dieser Überlieferung lässt sich aber heute nicht mehr feststellen.

Um 1600 beschreibt der Ortspfarrer im kirchlichen Totenbuch der Stadt Munderkingen bereits eine Zeit ausschweifender Fress- und Sauforgien, stellt aber dabei keinen Bezug zu einer möglichen Fasnet her. Erst 1742 wird der Munderkinger Brunnensprung gesichert schriftlich erwähnt: In den Totenbüchern der Pfarrgemeinde schreibt der Pfarrer über den Fasnetsonntag, an dem man "die größte Anzahl von Törichten der Welt sehen kann." Und weiter schreibt er, dass am Aschermittwoch der Auftritt der so genannten "Wasserschauspieler" gewesen sei: "Nach einem schlechten, törichten und geschmacklosen Brauch tauchen zwei Jünglinge im Brunnen unter."

Wusele der Trommgesellenzunft Munderkingen e.V. (Foto: SWR, Foto: Tom Oettle)
Wusele der Trommgesellenzunft Munderkingen e.V. Foto: Tom Oettle

Die vorderösterreichische und katholisch geprägte Stadt Munderkingen wird 1804 dem Königshaus Württemberg zugeschlagen und verliert die Stadtrechte. Der Brunnensprung bleibt aber vorerst erhalten. Erst 1837 wird er verboten.

Lange Zeit wird es still um den Brunnensprung. Der Brauch wird schleichend durch den Karneval ersetzt, der als Maskenball in Gasthäusern gefeiert wird. Erst 1935, anscheinend anlässlich des 700-Jahr-Ortsjubiläums, wird die Tradition des Brunnensprungs ausgegraben und wieder durchgeführt - allerdings nicht mehr am Aschermittwoch sondern am Fasnetsdienstag.

Ein Ritual mit verschiedenen Bedeutungen

Was aber genau die Bedeutung des Brunnenspringens war, darüber sind sich die Fasnets-Experten bis heute nicht einig: Es könnte zum einen ein Bußritual gewesen sein, mit dem sich die jungen Burschen vor der Fastenzeit von Sünden reinwuschen. Einige sehen es als Lossprechungsritual von Junghandwerkern an, die ihren Lehrherren verlassen dürfen. Denkbar wäre auch, dass es um die Altersgruppe der 20-Jährigen, also den Rekruten-Lehrgang, handelte, die zur "Trommel" gerufen wurde. So könnte auch der Name "Trommgesellen" entstanden sein.

Der Brunnensprung heute

Der Brauch des Brunnensprungs ist weiterhin nur ledigen jungen Männern überlassen. Er wird stets zweimal aufgeführt, einmal am Fasnetsonntag gegen 16 Uhr und am Fasnetsdienstag gegen 18 Uhr nach dem Umzug.

Verantwortlich für die Durchführung ist die "Narrenzunft der Trommgesellen Munderkingen" e.V. Begleitet sind die Brunnenspringer mit dem traditionellen mittelalterlichen Kostüm: Weisses Hemd, rot-grüner Umhang und weisse Strumpfhosen.

Brunnensprung zur Fastnacht in Munderkingen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Felix Kästle)
Felix Kästle

Für dieses Ritual gibt es stets eine lange Anwärterliste: Aus dieser werden unter Trommelwirbel die beiden Kandidaten ausgelost. Die zwei ausgewählten Brunnenspringer begeben sich auf den Brunnenrand des Löwenbrunnens. Der Obermaischer befiehlt nun seinen Maischern das eiskalte Wasser rhythmisch und unter Ausrufen von Trinksprüchen in Wallung zu bringen: "Maischer setzt an, maischt auf?" Maischer haben früher Feldfrüchte wie Zwetschgen oder Malz weiterverarbeitet und daraus den Sud für Schnaps oder Bier hergestellt.

Die Menschenmenge schunkelt und tanzt zur Musik. In dieser ausgelassenen Laune springen nun die beiden "Trommgesellen" auf den Brunnenrand und tanzen ebenso. Schließlich erheben sie ihren Trinkbecher mit heißen Wein und sagen abwechselnd den Trinkspruch auf:

Die beiden Trommgesellen nehmen noch einen kräftigen Schluck aus dem Becher und springen dreimal unter lautstarken "Narro-Hee"-Rufen" der Zuschauer in das eiskalte Nass.

Nach dem Sprung, wenn beide Männer den Brunnen verlassen haben, dürfen sie alle umherstehenden Mädchen nass machen und küssen. Und vielleicht ist "die Richtige" schon darunter. Landläufig hört man, dass einige der jungen Brunnenspringer nach dem Sprung geheiratet haben.

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